Düsseldorf: Das Parlament der Organismen

Freies Theater : Das Parlament der Organismen

Die Künstlergruppe „Club Real“ erhebt Pflanzen und Tiere zu politischen Akteuren.

Mönchsgrasmücke, Wurzelknöllchen-Bakterium, Weinbergschnecke, Gewöhnliche Kratzdistel, Zurückgebogener Amarant, Kanadische Goldrute oder Egerlingsschirmling – die meisten dieser Pflanzen, Tiere oder Bakterien dürften nur Biologen, Zoologen oder Hobby-Botanikern bekannt sein. Doch genau jene Organismen sind in Wien zu Staatsbürgern erhoben worden. Und nicht nur das:  Wiener Bürger vertreten die Pflanzen oder Tiere auch in einem Parlament der Organismen, wo Konflikte zwischen einzelnen Organismen debattiert und um Lösungen eines friedlichen Miteinanders gerungen wird. Wie in einer menschlichen Demokratie. Hinter dieser unkonventionellen Ausweitung der Politik in die Sphäre der Natur steckt die österreichische Künstlergruppe „Club Real“. „Jenseits der Natur – Volksherrschaft im Garten“ nennen sie ihr Kunstprojekt, das sicherlich das schrägste des gesamten Impulse Theater Festivals sein dürfte. Ausgangspunkt ist ein ehemaliges Gewächshaus im Wiener Donaufeld, dem Überschwemmungsgebiet der Donau, das einen tiefgründigen und reichhaltigen Boden beschert. Von dem Gewächshaus, in dem einst Gemüse gepflanzt wurde, ist nur noch das Stahlgerüst übriggeblieben. Dort hat „Club Real“ im vergangenen Herbst sein Labor für Organismen-Politik etabliert. Es ist auf ein Jahr angelegt, momentan läuft die zweite von drei Legislaturperioden. Das Kunstprojekt basiert auf einer „Volkszählung“. Zusammen mit Naturwissenschaftlern bestimmen die Künstler fortwährend neue Organismen. Bislang haben sie etwa 200 Lebewesen benannt, die in sieben Organismen-Gruppen eingeteilt wurden, von Bakterien über Einzellern bis hin zu Gehölzen. Pro Organismen-Gruppe losen die Künstler zwei Vertreter ins Parlament. Sobald das Parlament steht, informieren die Künstler die Repräsentanten über die Spezies, anschließend werden sie vereidigt. Eine Parlamentsdebatte dauert etwa vier Stunden. Die „Volksherrschaft im Garten“ mutet zunächst ironisch an, ist aber ernst gemeint. Die Natur werde meistens nur als Ressource oder als Schutzgut betrachtet, aber nie als politisches Gegenüber, meint Georg Reinhardt von „Club Real“. Es gebe jedoch keinen plausiblen Grund, anderen Lebewesen ihre politische Rechte zu verweigern. In der Bilker „Brause“ präsentiert „Club Real“ einen zehn Meter langen Teppich, auf dem der Wiener Garten mit allen Organismen und deren Symbolen draufgedruckt ist, stellt das Parlament mit Fotos vor, präsentiert eine Verfassung sowie Filme und Hörspielen zu den Parlamentsdebatten. Das Kunstprojekt eröffnet am 14. Juni um 17 Uhr und kann bis zum 21. Juni an verschiedenen Tagen besucht werden.

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