Diskussion um Computer und Animation - Ist die Kunstakademie in Düsseldorf hinterm Mond?

Diskussion um Computer und Animation - Ist die Kunstakademie in Düsseldorf hinterm Mond?

Die Diskussion um Computer und Animation ist in der Kunst voll entbrannt. Die WZ sprach mit Animations-Künstler Manuel Graf.

Düsseldorf. In der oberen Etage der ehemaligen Reuterkaserne steht eine hochwertige Renderfarm, ein Rechnerverbund zum Erzeugen von 3D-Computergrafiken und Computeranimation. Das Wissenschaftsministerium hatte, wie die WZ berichtete, im Sommer der Kunstakademie den Zuschlag für ein Netzwerk im Wert von 46 000 Euro gegeben. Folgen für den Lehrbetrieb hat das technische Equipment allerdings nicht. Niemand wurde berufen, keine Stelle neu geschaffen. Nun könnte man natürlich fragen, ob die Kunstakademie hinter dem Mond lebt.

Hochschulen anderer Städte wollen die Entwicklung nicht verpassen. Die Kunsthochschule für Medien in Köln schreibt gerade eine Professur für künstlerische Animation aus. Sie hofft auf eine Persönlichkeit, die die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit den medialen Künsten sucht. Ihr geht es dabei nicht nur um technische und theoretische Kompetenzen in den Medien, sondern um eine „künstlerische Praxis“.

Die Kunsthochschule in Dresden wie die Städel-Hochschule unterhalten Professuren für „digitale und zeitbasierte Medien“. In Düsseldorf aber musste vor noch gar nicht allzu langer Zeit Thomas Ruff seine riesigen Fotogramme mit den enormen Datenmengen im Forschungszentrum Jülich bearbeiten lassen.

Im Bauboom ist es selbstverständlich, dass Investoren ihre prosaischen, von der Gewinn-Maximierung bestimmten Animationen über 3D-Programme anfertigen lassen, um den potenziellen Kunden die schöne Welt in warmen Farben bei gutem Wetter und ohne Schatten vorzugaukeln. Zum Glück gibt es aber auch Künstler, die mit dem Medium 3D arbeiten, wie beispielsweise die junge Engländerin Helen Marten, die 2016 den Turner-Preis erhielt. Auch der US-Amerikaner Jordan Wolfson, der bei Zwirner in New York ausstellt, ist für die Auseinandersetzung mit dem Medium bekannt.

Manuel Graf ist der Vorkämpfer für die künstlerische Animation an der Düsseldorfer Akademie. Er wird jedoch nur von Semester zu Semester als Lehrbeauftragter beschäftigt, zum Stundenlohn. Seit acht Semestern macht er das schon. Eine Aufwertung seines Fachs ist bislang nicht angedacht, die Schaffung einer Professur erst recht nicht. Denn im NRW-Kulturentwicklungsplan gibt es klare Ansagen. Danach ist die Kölner Hochschule für Medien, die Essener (Folkwang) für Gestaltung und die Düsseldorfer für Kunst zuständig.

Was aber bewirkt die Animation in künstlerischer Hinsicht? Für Manuel Graf ist es eine Bildherstellung, die immer mehr an Bedeutung gewinnen wird, zulasten der Fotografie. Er sagt: „Schon heute sind 70 Prozent der fotorealistischen Bilder in der Auto-, Pharma- und Lebensmittelwerbung manuell am Computer generiert worden.“ Das heißt, sie sind von Hand aufgebaut.

Er zieht die Konsequenz daraus, indem er zwischen dem herkömmlichen Material eines Künstlers wie Gips, Ton, Farbe und Leinwand sowie den Objekten und Oberflächen der 3D-Software keine Gegensätze, sondern „zwei Seiten einer Wirklichkeit“ sieht.

Graf will die Animation im Vergleich zur Fotografie nicht unterbewertet sehen. Er dreht vielmehr den Spieß um, indem er den Medientheoretiker Lev Manovich zitiert, der behauptet: „Das Filmen der physischen Wirklichkeit durch eine Linse wird zur Ausnahme werden.“

Das Kino ging einst aus den gemalten Bildern hervor. Nun kehrt es in den computer-generierten Bildern dahin zurück. Aber nicht nur das (Hollywood-)Kino, sondern auch die Fotografie hätten in der Animation ausgedient. Schon jetzt sei die Hälfte aller Äpfel und aller Autos im Fernsehen nicht fotografiert, erklärt Graf. Sie würden zwar so aussehen, seien aber virtuell hergestellt. Für einen Künstler sei die Software jedoch nur dann interessant, wenn er dabei die herkömmlichen Standards überspringt.

Als Lehrbeauftragter wird Graf Ende 2018 in der Galerie Christian Nagel die ersten Ergebnisse der Studenten zeigen. Auch den ersten Auftrag gibt es schon: Susanne Titz vom Museum Abteiberg lässt sich ihr Haus von Manuel Graf virtualisieren, damit sie die Ausstellungen besser planen kann.

Das Fazit in der Diskussion um die Computer-Animation fasst Graf so zusammen: „Es ist total sinnvoll, an einer so traditionellen Akademie wie der hiesigen mit den 3D-Werkzeugen zu arbeiten. Sie bieten in Bruchteilen von Sekunden ein malerisches oder ein modellhaftes Ergebnis. Es gibt eben viele Formen von Realität.“

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