„Diese Frau hat das Zepter fest in der Hand“

„Diese Frau hat das Zepter fest in der Hand“

Im Stadtmuseum stellte Marlene Streeruwitz ihren Roman zu „Ich, Johanna Ey“ vor.

Düsseldorf. Jeder, der im Stadtmuseum die Ausstellung "Ich, Johanna Ey" besucht, kann den von Marlene Streeruwitz verfassten Roman zu Düsseldorfs berühmtester Kunsthändlerin lesen. Unterteilt in 37 Tafeln hängt er entlang der etwa einhundert Porträts an den Wänden. Wer aber am Donnerstagabend in den Ibach-Saal des Museums kam, erlebte etwas besonderes: Die österreichische Autorin hatte selbst hinter dem Saalmikrofon Platz genommen, um dieses eigens zur Schau verfasste Werk vorzulesen.

Mit wienerischem Timbre, überaus konzentriert und in einer eigenen Betonung, die entsteht, wenn man einen Text sehr gut kennt, trug die 58-jährige Autorin und Theaterregisseurin vor. Schon lange arbeitet die mit vielen wichtigen Literaturpreisen ausgezeichnete Schriftstellerin interdisziplinär und macht sich beispielsweise in geistreichen Aufsätzen Gedanken über die Funktion von Museen in unserer Gesellschaft oder dem Verhältnis zwischen Kindern und dem Städtischen. Weil sie seit Jahren mit Susanne Anna, Museumschefin und Kuratorin der Ausstellung "Ich, Johanna Ey", befreundet ist, schrieb sie "sehr gerne" diese Auftragskunst. "Das war die großartige Verführung, es gäbe eine klar definierte Aufgabe", erklärte sie, wie sie zu dem Auftrag kam. Sie wollte ein Schlaglicht auf eine künstlerische Person werfen und gleichzeitig einen Diskurs über sie eröffnen.

Bevor Marlene Streeruwitz zu lesen begann, erzählte sie überaus plastisch von der Entstehungsgeschichte des Romans. Wie kistenweise Material aus Düsseldorf ihre Wiener Wohnung überschwemmte. "Aber Gott sei Dank lebe ich dort allein." Wie sie sich der Person Johanna Ey näherte und feststellte, "die Figur hat das Zepter fest in der Hand". Und wie sie sich selbst fast zu verzetteln drohte. "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich einen Abgabetermin nicht eingehalten." Denn, typisch Streeruwitz, recherchierte sie akribisch. Nicht nur im Dasein der als schillernde Kunsthändlerin berühmten Frau, die unter anderem Otto Dix und Max Ernst ausstellte, sondern auch eingebettet in ihrer Zeit und was es für Ey bedeutete, 1864 als jüngstes von fünf Kindern in Armut und der steten Angst vor einem alkoholkranken Vater groß zu werden. Zunächst arbeitete Ey als Dienstmädchen zwölf bis 14 Stunden, um dann 19-jährig einen Brauer namens Robert Ey kennen zu lernen, Alkoholiker wie der Vater, der sie schwängert und erst Jahre später heiratete.

Fasziniert lauschte das Publikum jedem Wort, das die Autorin über Johanna Ey vortrug, amüsierte sich über den einzigartigen Werdegang, das berühmte Pumpbuch, in dem Studenten der Kunstakademie anschreiben lassen konnten, die Begegnungen mit Persönlichkeiten der Zeit, Krisen, eine späte Liebe und den Tod 1947.

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