Feuilletönchen: Die Kunstsammlung NRW als vitale Begegnungsstätte

Feuilletönchen : Die Kunstsammlung NRW als vitale Begegnungsstätte

In unserer Kulturkolumne kommentiert unser Redakteur das neue Jahresprogramm der NRW-Landesgalerie.

Der chinesische Kunst-Weltstar Ai Weiwei wird nächstes Jahr nach Düsseldorf kommen und in beiden Häusern der Kunstsammlung NRW ausstellen, im K 20 und K 21. Es wird die größte Schau sein, die der politische Künstler in Deutschland aufbauen wird. Das ist ein großer Coup, den die Chefin der Landesgalerie, Susanne Gaensheimer, gelandet hat. Beide kennen sich schon länger, sie arbeiteten bereits 2013 auf der Biennale von Venedig zusammen, als Ai Weiwei Deutschland im französischen Pavillon vertrat, den Gaensheimer kuratierte. Das brachte ihr Kritik ein: Die Wahl Ai Weiweis sei naheliegend und aufmerksamkeitserheischend gewesen. Der Vorwurf ließe sich jetzt wiederholen.

Wer eine Ausstellung von Ai Weiwei ins Haus holt, macht nichts falsch. Der Künstler, der momentan im Berliner Exil lebt, ist zu einer „globalen Marke“ geworden. Er kritisiert das Regime in Peking ob seiner Menschenrechtsverletzungen, prangert aber auch immer wieder die Flüchtlingspolitik der europäischen Staaten an. Vor zwei Jahren posierte er am Stand von Lesbos als Aylan Kurdi. Der dreijährige Junge war auf der Flucht von Syrien nach Europa im Mittelmeer ertrunken war und an den Strand der türkischen Stadt Bodrum gespült wurde. Das Original-Foto ging um die Welt, es symbolisierte den Schrecken der Flüchtlingskrise. Als billig, opportunistisch und zynisch wurde Ai Weiweis „Aktionskunst“ seinerzeit kritisiert. Und in der Tat, er hätte originellere künstlerische Mittel nutzen können, um auf die Flüchtlingskrise aufmerksam zu machen. Aber Ai Weiwei ist Profi, er beherrscht die Regeln des Kunstmarkts und der Medien, er wusste, dass er mit der Neuinszenierung einer humanitären Katastrophe polarisieren wird. Die Kontroverse liefert der chinesische Künstler automatisch mit. Somit kann sich Susanne Gaensheimer sicher sein, dass die Ai Weiwei-Schau im Mai über Düsseldorf hinaus für Gesprächsstoff sorgen und zahlreiche Besucher anlocken wird. Dementsprechend klug die Strategie, das Werk des Konzeptkünstlers gleich in zwei Häusern zu zeigen. Denn gerade das K 21, das Gaensheimer jüngst noch als „totes Haus“ bezeichnet hat, benötigt wieder mehr Besucher.

Neben Ai Weiwei hat Gaensheimer schließlich noch einen zweiten Star verpflichtet: Karl Ove Knausgård. Der 50-jährige Norweger macht zwar als Schriftsteller Furore, doch er ist auch studierter Kunstwissenschaftler. Knausgård wird im K 20 eine Schau zu seinem Landsmann Edvard Munch kuratieren. Das hat er bereits im Osloer Munch Museum getan, Gaensheimer übernimmt die Ausstellung. Auch das weltberühmte Duo Knausgård-Munch wird höchstwahrscheinlich zahlreiche Besucher anziehen. Aber abgesehen davon steht der Knausgård-Coup auch für einen „frischen Wind“, der unter Gaensheimer in der Kunstsammlung weht. Es kann nur spannend werden, wenn ein Literat auf die Kunst von Munch blickt. Zudem richtet sich die Kunstsammlungs-Chefin auch verstärkt an ein jüngeres Publikum, davon zeugt die Ausstellung des Pioniers der digitalen Kunst, Ed Atkins.

Aber auch den so wichtigen Kontakt zur jungen Kunstszene forciert Gaensheimer: Absolventen der Kunstakademie stellen im K 21 ihre Abschlussarbeiten aus. So könnte die Kunstsammlung zu einer vitalen Begegnungsstätte für Künstler und Besucher werden.

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