Die Geschichte vom König ohne Krone

Die Geschichte vom König ohne Krone

Der Verein Kabawil nimmt sich in seinem neuen Tanztheater „King Ed“ das Themas des sozialen Wandels vor.

Düsseldorf. Dies ist die Geschichte von König Edward. Von einem Monarchen ohne Krone, der kein Königreich, sondern ein Reich aus Müll, aus Weggeworfenem, Dreck und Resten, regiert. Müll entsteht dort, wo Reibung herrscht. Und von Reibereien gibt es genug in Edwards Zuhause, wo Mutter, Stiefvater und fünf Kinder auf engstem Raum und in erbärmlichsten Verhältnissen hausen. „Eine Müllwagenladung Menschen, reingeworfen in eine Wohnung“, nennt es Edward. Wird ein Mensch irgendwann selbst zum Abfallprodukt?

Dieser gesellschaftsrelevanten Frage als Ergebnis des sozialen Wandels geht der Verein Kabawil in seiner neuesten Produktion „King Ed“ nach, die jetzt in den FFT Kammerspielen Premiere feierte. Unter Leitung von Regisseur Chris Weinheimer beschäftigt sich das Ensemble aus 20 Jugendlichen in Form eines Tanztheaters mit Menschen, die durchs Raster fallen, die als überflüssig und nutzlos abgestempelt werden und schließlich als „menschlicher Müll“ links liegen gelassen und vergessen werden.

Den Rahmen dafür bildet die Handlung um Edward und seine Familie, dramaturgisch umgesetzt durch Tanz (Choreographie: Othello Johns), Gesang (Musik: Dorothea Gädeke, Abiodun Odukoya) und Schauspiel. Kleidungsstücke wie die Jacke von Edward oder das Schultertuch der Mutter, die einen Teil der schlichten Kulisse bilden, wechseln immer wieder ihren Besitzer, denn die Rollen sind nur vage festgelegt. Fast jeder schlüpft einmal in die Haut der lethargisch vor dem Fernseher vegetierenden Mutter, diese Rolle ist niemandem gänzlich fremd.

Doch gibt es nicht nur eine eindimensionale Darstellung von Unglück und Armut. In manchen Szenen legen die Jugendlichen ein ungeheures Gespür für Ironie und Situationskomik an den Tag. Wenn Tochter Nele auf einem Stuhl sitzend und mit Kopfhörern auf den Ohren darüber sinniert, wie sehr sie sich nach Ruhe sehnt, und ihre beiden Brüder Edward und Ric parallel dazu lautlos mit einem Bierkasten in den Händen um sie herum tanzen, bricht das gesamte Publikum in Gelächter aus. Die anspruchsvollen Choreographien aus Hip-Hop und Ballett lassen Raum für Interpretation.

Irgendwann eskalieren die Ereignisse. Ric verliert seinen Job, die Wohnung wird gekündigt, jeder beschuldigt jeden, Edward und sein Vater schlagen sich. Dennoch verbreitet das Ende Hoffnung: Die Jugendlichen sind sich sicher, dass es möglich ist, dem „Entsorgungssystem“ aus eigener Kraft zu entkommen. Schließlich ist Edward der Name eines Königs.

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