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Die Geigerin Anne-Sophie Mutter gastierte in der Tonhalle.

Stargeigerin in der Tonhalle : Wenn die Diva ihr Publikum verzaubert

Anne-Sophie Mutter umgibt sich zum Heinersdorff-Gastspiel in der Tonhalle mit ihren Stipendiaten. Die Neuigkeit: Zickenkrieg kann toll sein.

. In normalen Zeiten, als man Musik noch ohne Maske hören durfte, hätten sich die Leute vor der Tonhalle um die paar Karten gerissen, die Profiteure oder just vom Partner Versetzte zum Kauf angeboten hätten. Am Samstagabend stehen die Menschen, die gleich die große Anne-Sophie Mutter geigen sehen werden, brav und auf Abstand vor den Stehtischen, an denen freundliche junge Damen den Impfstatus überprüfen. Keine Schlange an der Abendkasse, an der Einlasskontrolle kontaktlose Ticket-Scanner, die neuerdings die Lochzangen ersetzen, mit deren Hilfe die so freundlich wie bestimmten Herren an den Türen zum Foyer ihres Amtes walten. Im Saal große Lücken. Ja, so was geht auf die Stimmung.

Wenn sie ihre Stradivari spielt, verstummt der Alltag

Wenn Anne-Sophie Mutter, die Diva unter den Geigerinnen dieser Welt, ihre Stradivari bedient, verstummt der Alltag. Dieser Ton, er ist ein Wunder: so silberhell, so energiegeladen, dass selbst die paar Zuhörer auf dem hintersten Rang ihre Gänsehaut genießen können. Mutters Brillanz und Virtuosität suchen ihresgleichen. Klar, die Stradivari klingt riesig, das Volumen ist phänomenal, die Register sind selbst in den hohen Griffbrett-Gefilden sensationell ausgeglichen, sieht man mal von einer zarten D-Saiten-Mulmigkeit ab. Aber das ist es nicht. Anne-Sophie Mutter stellt ihr ganz außergewöhnliches motorisches Talent, mit dem sie instinktiv – und durch unermüdliches Üben automatisiert – in jeder noch so kniffligen Situation die optimale Lösung im komplexen Zusammenwirken von Bogen und Hand findet, in den Dienst der Kunst. Sogar wenn sie erhebliche Tendenzen zur Kunstfertigkeit aufweist. Fürs Publikum hat Mutter jedenfalls jede Menge Vivaldi dabei, die „Vier Jahreszeiten“ etwa, die die Karriere der deutschen Star-Geigerin von Anfang an begleiten. Sie nimmt sie immer wieder auf. Wenn sie heute mit diesen Popstars unter den Violinkonzerten auf Tournee geht, dann behauptet sie ihre ungebrochene Aktualität.

Nun, gemessen an der Reaktion des Tonhallen-Publikums hat sie recht. Das zeigt sich nämlich schon zur Halbzeit des vierteiligen Reigens applausmäßig derart aus dem Häuschen, dass Mutter beschwichtigend darauf hinweisen muss, dass noch zwei weitere Jahreszeiten folgen werden. Irgendwie ist an diesem Abend die Beziehung zwischen Publikum und Musikern so besonders wie merkwürdig. Es scheinen eine ganze Reihe Fans im Parkett zu sitzen, die mit Usancen eines klassischen Konzertabends auf keinem vertrauten Fuß stehen. Nicht nur, dass im Umfeld des Rezensenten vornehmlich an leisesten Passagen in einer Knistertüte nach Hustenbonbons gekramt wird, immer mal wieder läutet ein Handy, es wird sogar telefoniert. Beim Mozart-Quintett, dem KV 614, scheint ein Teil des Publikums derart euphorisiert, dass es jeden schmissigen Satz-Abschluss mit Beifall quittiert.

Neben ihrem gesellschaftlichen Engagement ist gerade Anne-Sophie Mutters Nachwuchs- und Hochbegabtenförderung vorbildlich. Junge Musiker, ausgestattet mit besten Instrumenten, dürfen mit der Diva in den großen Sälen konzertieren und zeigen, was sie draufhaben. So auch in Düsseldorf. Deshalb Vivaldis „L’estro armonico“, ein Konzert für vier Violinen, Streicher und Continuo, in dem die drei Mitstreiter wacker nicht nur ausgereifte Technik, sondern auch Persönlichkeit zur Schau stellen dürfen. Mozarts spätes Streichquintett strahlt in Mutter-Glanz, der Elan der jungen Musiker ist dennoch erquickend, der erste Bratscher behauptet sich vehement, der Cellist singt träumerisch schön. Dabei wird unentwegt aufmerksam kommuniziert.

Zum Höhepunkt des Abends – und unverblümten Ausdruck von Anne-Sophie Mutters Engagement für zeitgenössische Musik – gerät die „Gran Cadenza“ der koreanischen Komponistin Unsuk Chin: eine Art Zickenkrieg zwischen zwei Geigerinnen. Der hat, nach Mutters einführenden Worten, etwas Spaciges, Intergalaktisches, wurde erst vor ein paar Tagen uraufgeführt.

Das Publikum erlebt ein fulminantes Feuerwerk an rabiaten Beschimpfungen, kontrastiert von Passagen trautester Harmonie, himmelfahrenden Flageoletts und aberwitzigen Rasereien. Nancy Zhou ist Mutters fast ebenbürtige Kontrahentin. Als Zugabe, als Antwort auf frenetischen Applaus in der Tonhalle: John Williams’ „Nice to Be Around“ aus „Cinderella Liberty“. Ein triefend saftiger Jazz-Song, wie gemacht für die Diva.