Band Cryssis: Dick York: „Ich vermisse das Gefühl der Revolte“

Band Cryssis : Dick York: „Ich vermisse das Gefühl der Revolte“

Vom Ritchie und Dick York über ihre Band Cryssis, das Album „1976“, die Toten Hosen und den Punk.

Düsseldorf. Vom Ritchie ist natürlich bekannt als stets gut gelaunter und grundsympathischer Schlagzeuger der Toten Hosen. Nebenbei aber ist er auch Mitbegründer seiner eigenen Herzensband Cryssis, die er im Jugendalter mit seinem Kumpel Dick York in England gründete. Haben die Hosen Pause, drehen Cryssis auf. So wie zuletzt mit neuer Platte und einer Tour. Ehe es für Vom Ritchie mit den Hosen Ende April also erstmals nach China und danach auf Open-Air-Sause durch Deutschland geht, erzählte er uns gemeinsam mit seinem alten Freund Dick York vom Status Quo der anderen Lieblingsband.

Foto: Judith Michaelis

Mister Ritchie, Mister York, mit Ihrer neuen Platte im Gepäck haben Sie jetzt, wo die Toten Hosen gerade einmal Pause machen, ihre erste kleine Tournee hinter sich. Wie war es?

Vom Ritchie: Es war großartig! Wir haben zwölf Unplugged-Konzerte in zehn Tagen gespielt und überall eine Menge Spaß gehabt!

Was waren die Highlights?

Ritchie: Puh, schwer zu sagen… Es war fast überall ausverkauft. Aber: Wir haben in Bad Tölz vor einer Klasse Musikschüler und deren Eltern gespielt — mit anschließender Fragerunde, bei der die Schüler sehr schüchtern waren und die meisten Fragen von den Eltern kamen. Wir sind in Stuttgart zuerst in einem Plattenladen und hinterher bei einer Privatparty aufgetreten. Und wir haben in Lenggries unsere Sachen bei sagenhaften minus 20 Grad aus dem Bus in den Club verladen.

Das hört sich gut an. Ihre neue Platte zu dieser Tour heißt „1976“. Der Punk, Ihrer beider Metier, wurde aber offiziell erst 1977 erfunden…

Ritchie: Stop! Nein! 1977 wurde Punk nur in der Presse erstmals wahrgenommen. Punk startete, zumindest bei uns in England, tatsächlich schon 1976. In den USA sogar schon vorher.

Das ist wohl richtig. 1974 gründeten sich ja beispielsweise die legendären Ramones. Aber: Was war denn nun so besonders am Jahr 1976, dass man eine ganze Platte danach benennt?

Dick York: Es wird auf ewig das Jahr bleiben, in dem ich diese Art von Musik für mich entdeckte. Aber der gleichnamige Song dreht sich ja — ebenso wie unser Album — nicht nur um Musik. Es geht darum, was damals noch so alles geschah. Es war eine spannende, aber auch harte Zeit. Es gab viele Kämpfe zwischen Gangs und viel Vandalismus.

Ritchie: Es war eine schreckliche Zeit! Ich weiß noch, wie die Abfallfahrer damals streikten. Also lag der ganze Müll in den Straßen.

York: Und der Sommer war so heiß, dass es irgendwann zu wenig Wasser gab.

Ritchie: Ja. Man musste mit Kanistern zu Stellen gehen, wo Wasser verteilt wurde — und durfte das Ganze dann durch den Müll nach Hause tragen!

York: Ich sage ja: Es war hart. Und wahnsinnig aufregend. (lacht)

Gibt es abseits von Müll und Vandalismus irgendetwas, das Sie seit damals vermisst?

York: Ich vermisse das Gefühl der Revolte, das damals in der Musik steckte und von der Musik getragen wurde. Dieses Revolutionäre gab es danach nie mehr.

Ritchie: So geht es mir auch. Das hat mich damals umgehauen. Das ging so schnell. Zuerst: „Wow, wir haben Led Zeppelin!“ Und dann: „Himmel! Jetzt gibt es Slade!“ Und schließlich: „Verdammt! Die Sex Pistols!“ Es war fast zu viel für ein einzelnes Jahrzehnt.

Auf „1976“ gibt es auch viel Melancholie. Haben Sie die Midlife-Crisis, oder soll ich sagen: Midlife-Cryssis?

Ritchie: (lacht) Nein! Bloß keine Songs darüber! Weder über die Midlife-Crisis, noch über die Midlife-Cryssis! Das ist uns auch so schon bewusst genug. Das Leben ist wie eine Rolle Toilettenpapier. Und wir sind bei den letzten drei Blättern auf der Rolle angelangt!

Das wollen wir nicht hoffen. Wenden wir uns also vom Krisenthema lieber ab und kommen zum Positiven: Ist „1976“ das beste Album Ihrer Band bisher?

Ritchie: Ja. Obwohl ich anfangs eher skeptisch war, ob wir unsere beiden ersten Alben überhaupt toppen können…

York: Es dauerte einfach sehr lange…

Zwischen „1976“ und „Kursaal Nights“ liegen fünf Jahre. Warum?

Ritchie: Es sollte früher rauskommen. Aber wir mussten es immer wieder verschieben, weil sich das Mastering extrem lange hinzog. Da hatten wir viele Probleme. Die will ich hier gar nicht groß ansprechen. Aber ohne all das wäre die Platte wohl mehr als ein Jahr früher herausgekommen. Es ist aber auch egal, denn: Ich bin einfach froh, dass wir nun überhaupt das dritte Album geschafft haben. Denn meistens ist es bei Bands ja so: Sie bringen die erste Platte raus - und alle sind begeistert. Die zweite Platte kommt — und die ist dann eher durchwachsen. Und vor der dritten schmeißen sie dann hin. Wir aber haben es tatsächlich geschafft! Das macht mich unheimlich stolz! Ich würde sogar sagen: Es gibt jetzt keine Grenzen mehr nach oben für Cryssis! (lacht)

Würden Sie irgendetwas ändern bei der Arbeit an der dann ganz sicher folgenden vierten Platte?

York: Ja, wir würden vielleicht wieder mehr gemeinsam aufnehmen. Das kam zuletzt wegen diverser Verpflichtungen — Vom war viel mit den Toten Hosen unterwegs, wir alle haben unsere Berufe — etwas zu kurz. Nehmen Sie das Beispiel „Simple Man“. Das ist ein Song, den wir für „1976“ zusammen einspielten und nicht wie viele andere nacheinander. Und der hat sofort eine echte Magie entfaltet. Dass Demo war schon absolut perfekt. So perfekt, dass wir gar nichts mehr daran ändern wollten. So etwas müsste häufiger hinzukriegen sein.

Mister Ritchie, wenn Sie sagen, dass es für Cryssis ab jetzt keine Grenze mehr gibt: Werden Sie am Ende vielleicht sogar länger auf der Bühne stehen als die Toten Hosen?

Ritchie: Warum nicht? Wir sind ja sogar älter als die Hosen. Eine ganze Menge unserer Songs stammen eigentlich von 1981. Und die Hosen gibt es erst seit 1982! (lacht)

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