Kunst: Der Künstler, der zum Himmel strebte

Kunst: Der Künstler, der zum Himmel strebte

Otto Piene gründete vor 60 Jahren in Düsseldorf die Künstler-Gruppe „Zero“. Er wollte die Kunst erneuern. Mit Feuerbildern, Lichträumen und Himmelsskulpturen. Die Akademie-Galerie widmet Piene nun eine Schau.

Vor 60 Jahren gründete Otto Piene (1928-2014) zusammen mit Heinz Mack die Künstlergruppe „Zero“. Später stieß noch der Nagelkünstler Günther Uecker dazu. Sie wollten nach dem Zweiten Weltkrieg die Kunst erneuern, bei Null anfangen. Die Zero-Bewegung startete in Düsseldorf, das seinerzeit ein Hotspot der Avantgarde-Kunst war. Von hier aus trug sie ihre Kunst mit Manifesten, Aktionen und Ausstellungen in die Welt, bis sie sich 1966 auflöste.

Düsseldorf feierte bereits den Geburtstag von Zero, aber auch das zehnjährige Bestehen der Zero-Foundation, die das Erbe der Künstler verwaltet und wachhält. Nicht zuletzt wäre Otto Piene in diesem Jahr 90 Jahre alt geworden. Zu den Festivitäten gehört auch eine Ausstellung zu Piene in der Galerie der Kunstakademie. Die Kuratoren Robert Fleck (Leiter der Akademie-Galerie) und Günther Thorn (ehemaliger Mitarbeiter von Piene) haben die Schau in vier Kapitel gegliedert: Feuer, Luft, Utopie und Licht. Reduziert auf wenige Werke. Dadurch erhalten sie Raum und können ihre Wirkung voll entfalten.

Piene nahm „Zero“ wörtlich. Der Name verweist auf ein Ritual aus der Raumfahrt, Zero beendet den Countdown beim Start einer Rakete. Auch Piene strebte in den Himmel. Er störte sich daran, dass die abstrakten Maler nach dem Krieg die ganze Welt zugemalt hatten. Aber auch die Museen erschienen ihm zu klein, zu eng, zu lebensfern. Er wollte mit der Kunst hinaus in die Wirklichkeit. „Am Himmel sind so ungeheure Möglichkeiten und wir spazieren die Reihen im Museum entlang“, sagte er einmal. Und so erfand Piene ein neues Genre: Sky Art, Himmelskunst. Er inszenierte weltweit sogenannte „Sky Events“. Dort ließ er seine „Inflatables“ in den Himmel steigen. Aufblasbare Skulpturen, die heute von der Werbeindustrie verwendet werden, etwa mit Luft gefüllte Ziel-Tore bei Marathon-Läufen. Ein Foto in der Ausstellung zeugt von einem Sky-Event in Honolulu auf Hawaii 1970: Auf einer Wiese haben sich zahlreiche Menschen versammelt. Über ihnen schwebt eine transparente Luftskulptur, die an eine Spinne oder an Sternenstrahlen erinnert. In der Druckgrafik-Serie „Pax“ erscheinen Regenbögen als monumentale Skulpturen über dem Moskauer Kreml oder dem Pariser Eiffel-Turm.

Der Kopf des Ikarus verglüht in der Sonne und löst sich in Rauch auf. Piene hat die Farbe auf der Leinwand angezündet und mit Ruß geschwärzt. Foto: Thomas Frank

Erinnert an Vergnügungspark, doch es steckt mehr dahinter. Für Piene symbolisieren Regenbögen Frieden, Vision, Utopie. Als er 1972 bei den Olympischen Spielen einen mit Helium gefüllten Regenbogen in den Münchner Himmel steigen ließ, setzte er nach dem palästinensischen Terroranschlag auf israelische Sportler ein Hoffnungszeichen. Wie so eine Luftskulptur funktioniert, kann der Besucher selbst testen. Auf dem Boden liegen weiße und schwarze Plastikgebilde wie schlafende Hunde. Mit dem Fuß kann man auf zwei Buzzer treten. Dann schalten sich Gebläse ein. Die Skulpturen pumpen sich auf, verwandeln sich in Sterne oder Blumen und scheinen den Raum zu sprengen.

Otto Piene hat in seinem Atelier auch gezündelt. Er malte Farben auf Leinwand und ließ sie in Flammen aufgehen oder brannte Rauchspuren auf die Bilder. Dazu getrieben haben ihn die Kriegserfahrungen. Er diente als Flakhelfer und sah Städte brennen. Doch Piene faszinierte auch die positive Kraft des Feuers als Spender von Licht und Leben. Das Doppelgesicht des Feuers fängt Piene besonders eindrucksvoll in „Ikarus Die“ („Ikarus stirbt“) ein, einer Feuergouache auf Karton. Sie zeigt, wie Ikarus, der mit seinen Wachsflügeln der Sonne zu nahe kam und abstürzte, verbrennt. Der Kopf verglüht in goldenen Farben, ist schon teilweise verkohlt und löst sich in Rauch auf. Piene macht das Feuer fühlbar, indem er es unmittelbar auf die Leinwand bannt und nicht nur indirekt abbildet.

Bleibt noch das Licht. Da steht im Dunkeln ein weißer Kubus aus Holz und durchstochenen Kartonwänden. Innen bewegen sich Lichtquellen. Auf den Wänden des Objekts flackern immer wieder Gebilde auf, die an Galaxien erinnern. Auf den Museumswänden werden Lichtwolken geworfen. Eine Szenerie wie aus einer Traumwelt. Als würde man einen Sternenhimmel entlangschweben. Daneben flimmern die „Lichtgeister“. Drei türkisene Glas-Lampen erheben sich wie Dschinn aus Wunderlampen. Leuchten ein paar Sekunden auf, werden heller und heller und erlöschen wieder. Ein Spiel mit der Vergänglichkeit des Augenblicks. Poetisch und melancholisch zugleich. Eine Ausstellung, die erfahrbar macht, warum die Zero-Kunst in den letzten Jahren wieder so populär geworden ist: Sie ist optimistisch, spielerisch und visionär. Eine positive Gegenwelt zum krisen- und kriegsgeschüttelten Jetzt.

Die Ausstellung zu Otto Piene läuft noch bis zum 20. Januar 2019 in der Akademie-Galerie. Adresse: Burgplatz 1, Öffnungszeiten: Mi-So, 12-18 Uhr.

Mehr von Westdeutsche Zeitung