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Der Friedenszug rattert immer noch vorbei

Der Friedenszug rattert immer noch vorbei

Folk-Legende Cat Stevens alias Yusuf gab in der Halle an der Siegburger Straße ein umjubeltes Konzert.

Düsseldorf. Die Gefühle, mit denen Menschen aus einem Konzert kommen, sind vielfältig: Sie können glücklich, enttäuscht, traurig, aggressiv sein. Alles ist drin, je nach Künstler und Musikstil. Cat Stevens vermittelt inneren Frieden. Oder besser: Er schenkt ihn. Denn er zwingt keinem etwas auf und schwingt keine großen Reden. Der 66-jährige Engländer nimmt sich selbst nicht wichtig. Dafür aber das Leben und alle anderen. Und hinterher ist klar: Wären alle so wie er, dann wäre die Welt ein Stück weit besser und angenehmer. Wenn er in der Halle an der Siegburger Straße auf der Bühne steht, dann gibt Cat Stevens für die 3500 Menschen, die vor ihm sitzen, beileibe kein leises Konzert. Dafür kracht es manchmal zu ordentlich im Gebälk. Seine Band kann einen schönen Wumms entfachen, wenn es nötig ist. Es wird dann bluesig und hier und da bahnt sich sogar mal ein Stück Rock ’n’ Roll den Weg hinein in diese Singer-und-Songwriter-Andacht des Mannes mit der Gitarre.

Trotzdem ist das Konzert ein Konzert der Stille. Es folgt nicht einfach einer Liste mit Songs, die nacheinander abgehakt werden, bis am Ende alle Hits gespielt sind. Es erzählt eine Geschichte. Fürs Erzählen nimmt sich Cat Stevens zwei Stunden Zeit. Er spricht von früher, als die Musik von Beatles, Leadbelly, Ray Charles und Sam Cooke ihn auf den Pfad der Tugend führte. Soul und Beat. Rock und Blues. Er erzählt davon, wie er all diese Platten hörte und selber anfing, zu komponieren. Kurzum: Wie er zu jenem Mann wurde, der auf der europäischen Seite des Atlantiks als einziger Bob Dylan etwas entgegenzusetzen hatte. Sogar einen totgenudelten Evergreen wie „All you need is love“ bekommt er unpeinlich hin. Das grandiose „Don’t let me be misunderstood“ klaut er der großen Nina Simone in dreieinhalb Minuten, als wäre es nichts.

Aber Cat Stevens macht eben keinen Wirbel darum, wie das andere tun würden. Er plaudert lieber nett und freundlich und spricht von den 60er und 70ern wie einer, der gerade im Fotoalbum seiner Jugend blättert. Für die Welt ist es bis heute ein großes Ding, dass er sich irgendwann einen Bart wachsen ließ und zu Yusuf, dem Muslim, wurde. Er aber lässt Religion und Politik und Ideologien und Gerüchte draußen in der kalten Novembernacht. Lieber ordnet er alles der Musik unter.

Der modern arrangierten Musik aus einer Zeit, in der sich „maybe“ noch auf „baby“ reimte und für romantisch-tragische Wahrheiten wie „The first cut is the deepest“ noch Platz in den Herzen der Menschen war. In der ein Aufruf wie „Morning has broken“ noch dazu aufforderte, Gutes zu tun und in der eine Fahrt im „Peace train“ noch nicht als uncooles Hippiegedöns abgetan wurde. Cat Stevens hören bei diesem letzten von drei Deutschlandkonzerten Menschen jedes Alters und aller Kulturkreise zu. Menschen, die sich in der Konzertpause im Foyer auf Niederländisch, Englisch, Türkisch und Deutsch unterhalten und die dabei lächeln. Sie wissen eben: Die Welt mag auch im 21. Jahrhundert noch eine „Wild world“ sein.

Außerdem ist Stevens schon 66 und der Bahnhof, vom dem aus er einst als Kind und Künstler losfuhr und der hinter ihm als Kulisse steht, ist verfallen. Aber der Zug des Friedens rattert immer noch daran vorbei. Mehr unter Dampf als je zuvor. Nötiger als je zuvor. Mit Yusuf am Steuer.