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Der Düsseldorfer Laurenz Berges ist der Chronist der vergessenen Orte

Ausstellung : Der Chronist der vergessenen Orte

Stadt im Verfall: Der Düsseldorfer Fotokünstler Laurenz Berges zeigt in Bottrop Aufnahmen von Duisburg.

Die sandgelbe Hausfassade ist schmutzig, ebenso der heruntergelassene Rolladen – überall schwarze Punkte und Striche. Der Fenstersims ist ausgeblichen und die dunkelbraune Tür – von der nur ein Stückchen zu sehen ist – hat schon bessere Tage gesehen. Das mit blauen Mosaiken geflieste Eingangsportal scheint noch am besten erhalten zu sein. Das Haus liegt an der Kaiser-Wilhelm-Straße in Duisburg-Bruckhausen. Nummer 391, wie auf der Aufnahme zu erkennen ist. Der Düsseldorfer Fotokünstler hat das Architekturdetail angeschrägt eingefangen.

Mehr als die Straße und die Hausnummer verrät Berges im Titel nicht. Was es mit diesem Gebäude auf sich hat, erfahren wir nicht. Ebenso wenig, ob darin jemand wohnt. Der Betrachter muss sich selbst vorstellen, welche Geschichte und welche Geschichten mit dem Haus in Bruckhausen verbunden sein könnten. Genauso verhält es sich mit den anderen Fotografien, die nun im Josef Albers Museum unter dem Titel „4100 Duisburg. Das letzte Jahrhundert“ zu sehen sind – in kleinen wie großen Formaten. Etwa der Matenatunnel, der früher Bruckhausen mit dem einstigen Fischerdorf Alsum verband. Das Bild stammt von 2010. Die Unterführung wird nur rechts von Deckenlampen beleuchtet, die linke Seite erscheint in ockerfarbenem Dunkel. Der Beton bröckelt, Fliesen sind aus den Wänden herausgebrochen, der Boden ist aus Pflastersteinen und Asphalt zusammengemischt. Der denkmalgeschützte Tunnel, in dem einst Schimanski-Tatorte gedreht wurden, wurde mittlerweile zugeschüttet, von dem kriegszerstörten Alsum ist heute nur noch ein grüner Berg übrig. Laurenz Berges, der 1966 in Cloppenburg geboren wurde und seit den 1990ern in Düsseldorf lebt und arbeitet, ist ein Chronist der vernachlässigten und vergessenen Orte in Deutschland. Bekannt wurde er mit einer Foto-Serie zu leerstehenden Kaserne der Sowjetarmee auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. In anderen Foto-Serien setzt er Häuserfassaden, Innenräume oder Straßenszenerien von Etzweiler ins Licht, einem Ortsteil von Elsdorf, das 2006 dem Braunkohle-Tagebau in Hambach weichen musste. „Diese Orte erzählen auf ganz eigentümliche Art und Weise ihre Geschichte fast wie von alleine. In den Gebäuden ist atmosphärisch viel eingeschrieben: in den Oberflächen, in den Fassaden. Das ist meine Art, Geschichte Revue passieren zu lassen“, sagt Berges.

Berges nimmt sich für seine Foto-Projekte viel Zeit, im Ruhrgebiet arbeitet er seit rund zehn Jahren. Er arbeitet immer in Serien, die auch immer in Büchern veröffentlicht werden. Auch seine Arbeitstechnik ist zeitaufwendig: Berges hält seine Entdeckungen mit einer Plattenkamera fest. Analog. „Die Kamera ist schwer, die Belichtungszeiten sind lange, aber ich kann sehr exakt mit ihr arbeiten, sie hat sehr viele Einstellmöglichkeiten“, sagt der Fotokünstler. Die Ergebnisse fesseln. Wenn Berges etwa das verschwundene Alsum am Rhein im Abendlicht einfängt, das Geländer am Gewässer in rotem Licht, von dem man nicht weiß, woher es stammt, entsteht eine geheimnisvolle Aura, eine Stille, in der nach und nach das einstige Leben ertönt, das hier stattfand: Menschen, die auf den Rhein blickten, sich von der Arbeit erholten, miteinander sprachen. Und selbst wenn ein Mensch auf einem Foto auftaucht, wie der alte Herr Scholz, der in einem verwitterten Hinterhof in einem vermoosten Gartenstuhl sitzt, herrschen graues Licht und Stille. Was Herr Scholz erlebt hat oder denkt, bleibt der Fantasie des Betrachters überlassen. Die Fotos bezeugen einerseits eine Stadtlandschaft, wo der industrielle Strukturwandel missraten ist, anderseits sind es universelle Erinnerungen an vergangenes Leben.

„Laurenz Berges. 4100 Duisburg. Das letzte Jahrhundert“ im Josef-Albers-Museum, Quadrat Bottrop, Im Stadtgarten 20.

quadrat-bottrop.de

laurenzberges.de