Schauspielhaus: Denken ist wichtiger als Twittern

Schauspielhaus : Denken ist wichtiger als Twittern

Mit einer rhetorisch fulminanten „Ode an Europa“ eröffnet Heribert Prantl die dritte Spielzeit der Reihe der „Düsseldorfer Reden“ im Schauspielhaus.

Die klassisch vorgetragene Rede ist ein selten gewordenes Format. Zumal sie eine elementare kulturelle Technik erfordert: die des Zuhörens. Das setzt die Bereitschaft voraus, den Gedanken des Anderen auch folgen zu wollen; ihm Zeit zu schenken. Und natürlich auch die Fähigkeit des Vortragenden, einem inspirierten Denken verpflichtet zu sein. Die vom Schauspielhaus Düsseldorf und der Rheinischen Post ins Leben gerufene Reihe der „Düsseldorfer Rede“ hat schnell ein breites Publikum gefunden. Im vergangenen Jahr waren Daniel Cohn-Bendit, Charlotte Knobloch, Robert Pfaller, Axel Hacke und Miriam Meckel auf offene Ohren gestoßen. Groß war der Andrang auch am gestrigen Sonntag. Raus aus dem Improvisorium des Central am Hauptbahnhof, gelang der Sprung zurück in das Haupthaus am Gustav-Gründgens-Platz mühelos. Alle Plätze waren restlos ausverkauft. Die Düsseldorfer tun jedenfalls alles dafür, sich von dem gigantischen Dauerbaustellenwahnsinn des Kö-Bogen 2 nicht abschrecken zu lassen und aus der ehemaligen Underground-Parkplatz-Agora keine randständige Speakers Corner werden zu lassen.

Als „leidenschaftlichen Verfassungspatrioten“, stellte Intendant Wilfried Schulz seinen Gast vor, „der unterhaltsam, scharfsichtig und klug für die Verteidigung von Rechtstaatlichkeit zu Felde ziehe“. Heribert Prantl, viele Jahre als Jurist und später als Pressesprecher am Landgericht tätig, arbeitet seit 1988 bei der Süddeutschen Zeitung, ist seit Januar 2011 dort Mitglied der Chefredaktion und leitet seit 2018 das neu gegründete Meinungsressort. Prantl ist überall unterwegs, in Talkshows oder im Rundfunk. Leser kennen seine Kolumne „Prantls Blick“, eine politische Wochenvorschau. Bereits 2011 publizierte er die Streitschrift „Wir sind viele“, in der er den Finanzkapitalismus anklagte und an die Moral der Banken und Finanzmärkte appellierte. Eine seiner jüngsten Publikationen „Gebrauchsanweisung für Populisten“ widmet sich der Frage, was gegen den Frust der sogenannten „abgehängten“ Bürger getan werden könnte. Aus diesem reichen Quellenmaterial schöpfte er auch für seinen Vortrag: „Der sogenannte Populismus. Die Wiedergeburt von alten Wahnideen und Idiotien — und was dagegen zu tun ist.“

Vom „Genius loci“ offensichtlich inspiriert, beginnt Prantl an der Rednerbühne eher wie ein Schauspieler denn ein Journalist. Ein wenig pathetisch im gesprochenen Duktus zeichnet Prantl dafür zunächst das Schwarz-Weiß-Bild einer großen Winterdepression 2019 auf, „als hätte ein Weltstaubsauger allerorten Vernunft und Grundgewissheiten weggefegt“. Dabei folgt er den zerstörerischen Spuren extremistischer apokalyptischer Reiter der Jetztzeit, die es mittlerweile zu Staatsoberhäuptern geschafft haben: Trump, Erdoğan, Kaczynski, Orban und Bolsonaro und Le Pen und viele mehr. Immer wieder kehrt er während seiner Rede auf die Kartografie zerstörerischer Kräfte eines extremistischen Populismus zurück. Prantl spricht von einer „negativen Renaissance“, der Gefahr einer grundlegenden Zerstörung politischer Kultur, die in das Herz der demokratischen Verfassungen in Europa zielt. Wortgewaltig, bilderreich und voller Zitate nutzt Prantl zahlreiche Register und Stilmittel einer vielschichtigen, fast vergessenen ciceronischen Redetechnik. Mal polemisch, mal innehaltend, mal agitatorisch, mal in leisen Tönen warnt Prantl vor den „Entrechtungsbewegungen“, vor den „Rampensäuen“, die sich für den restlichen Parlamentssaal nicht interessieren, kritisiert die viel zu phlegmatischen Betrachtungen durch Presse und Zivilgesellschaft. Rassismus, Neonazismus und gar Hitlerismus seien längst keine deutsche Spezialität mehr. Deutschland sei aber in der Situation eines Alkoholikers. „Wenn der wieder trinkt, wird es gefährlich“, so ein Satz, der sitzt.

Auch wenn es keine neue oder große Utopie mehr gäbe, gehe es nun vor allem darum, Zukunft aktiv zu gestalten, sie nicht den Personen zu überlassen, die damit eh nur Schindluder betreiben würden. Im dritten Teil der Rede plädiert Prantl daher vor allem für die Wertschätzung der internationalen Errungenschaften der Nachkriegszeit als Gegenkonzept zu ihrer perfiden Ächtung durch nationalistische Agitatoren. Hier sei jeder Einzelne gefragt. Nie zuvor sei etwas so Konstruktives geschaffen worden: ein funktionierendes Friedensbündnis, das Konzept einer sozialen Marktwirtschaft und das Wunderwerk des Europäischen Parlaments. „Europa ist das Beste, was allen Europäern in ihrer Geschichte je geschehen konnte. Europa ist eine Heimat, in der man zugleich Patriot und Weltbürger sein kann.“ Zugleich appelliert Prantl an die dringliche Reformbedürftigkeit. Die Europapolitik heute leide an drei Dingen: an zu wenig Demokratie, daran, dass sie unsozial sei. Und drittens fehle ihr eine Marseillaise. „Europa ist ein nüchternes Projekt geworden, man kann es nicht singen.“ Die neue Zukunft Europas wird dabei vor allem mit ökonomischen Reformen und transnationalen sozialstaatlichen Grundgarantien verknüpft sein. Dafür gilt es zu kämpfen. Potentielle Chormitglieder, die sich nicht vom „lamento furioso“ der Europahasser übertönen lassen wollen, gab es im Düsseldorfer Publikum dafür auf jeden Fall genug.

Weitere Düsseldorfer Reden: Gerald Hüther (24.3.), Alice Schwarzer (28.4.), Achille Mbembe (12.5.) und Dunja Hayali (2.6.).