Demontage eines Helden

Die Oper „Billy Budd“ kommt als subtiles Musikdrama daher.

Düsseldorf. Düster geht es zu in Benjamin Brittens 1951 uraufgeführten Oper „Billy Budd“, die nun zum ersten Mal in Düsseldorf zu erleben ist. Und eine musikdramatische Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit verbreitet auch die Neuinszenierung von Immo Karaman an der Oper.

Das auf der 1891 erschienenen Novelle von Herman Melville basierende Stück handelt vom Schicksal eines Matrosen, dessen sonniges Gemüt in der finsteren Kriegsschiff-Gesellschaft der „Indomitable“ für Verunsicherung sorgt. Zu erleben ist die Demontage einer Heldenfigur.

Billy Budd hat zunächst alles, was einen Liebling auszeichnet: gutes Aussehen, Optimismus und Teamgeist. Doch einigen Mitgliedern der Offiziersriege ist das zu viel des Guten, es kommt zu einer Intrige. Dass Billy Budd in emotionalen Ausnahmezuständen zu stottern beginnt, erweist sich am Ende als tödliches Handicap.

Karaman, der bereits Brittens „Peter Grimes“ eindrucksvoll in Szene setzte und an der Rheinoper für einen ganzen Britten-Zyklus zur Verfügung steht, findet hier nun wieder zu einer dichten Bildsprache (Bühne und Kostüme: Nicola Reichert). Der Regisseur verzichtet auf jede maritime Folklore, zeigt Schiffswände aus verwittertem Stahl. Die Elemente lassen sich verschieben und ermöglichen fließende visuelle Übergänge beim Szenenwechsel.

An den Kostümen, die britischen Marineuniformen aus dem Zweiten Weltkrieg nachempfunden sind, wird eine Zeitversetzung vom späten 18. ins mittlere 20. Jahrhundert erkennbar. Das ist irritierend, denn zurzeit Billy Budds gibt’s im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg sehr wohl einen Konflikt zwischen England und Frankreich.

Gelungen ist die reduzierte Personenregie. Sie fokussiert die Psyche der Figuren. Im Vordergrund stehen Mimik und Körpersprache, die sich bis zum Statuarischen verlangsamen. So ergeben sich starke Momente, vor alle wenn Billy Budd seiner Hinrichtung entgegenblickt.

Mit dem estnischen Bariton Lauri Vasar fand sich ein wandlungsfähiger Darsteller für die Titelfigur. Den naiven Strahlemann verkörpert er ebenso glaubwürdig wie den gebrochenen Menschen. Stimmlich fehlt es ihm allerdings an Volumen. Präsenter ist Tenor Raymond Very in der Rolle des Captain Vere, der starke Sympathie für Billy Budd empfindet, aber nicht imstande ist, dessen Schicksal abzuwenden.

Die Düsseldorfer Symphoniker musizieren unter Leitung von Peter Hirsch schattierungsreich und expressiv. Das Publikum reagiert mit viel Beifall, jedoch nicht überschwänglich.

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