Kunstpalast für Kinder Im Kopfkino von Christoph Niemann

Düsseldorf · Der renommierte Illustrator gestaltete im neuen Kunstpalast die Sammlungsräume für Kinder. Er spielt mit Perspektive und Wahrnehmung. Und wer das sieht, bekommt Lust zu zeichnen.

Illustrator Christoph Niemann im Kunstpalast.

Illustrator Christoph Niemann im Kunstpalast.

Foto: Philipp Holstein

Man muss ja vorsichtig sein mit der Verwendung des Begriffs genial, aber Christoph Niemann ist wirklich genial. Man schaue sich nur mal das Titelbild an, das er für die Ausgabe des Magazins „New Yorker“ vom 31. Juli gestaltet hat. Darauf sieht man Mikrowellen, darin jeweils den Erdball, und in dem kleinen Feld, das eigentlich anzeigt, wie lange der Teller noch bestrahlt wird, eine Jahreszahl. 2022 ist die Erde noch beige, 2023 ist sie schon orange, und 2024 erkennt man nicht mehr richtig, aber man ahnt die Farbe: Alarmstufe Rot. Konkreter kann man den Klimawandel kaum ins Bild setzen.

Zumindest ein bisschen genial ist auch die Idee von Kunstpalast-Chef Felix Krämer, den Berliner Illustrator und Künstler für die Neupräsentation der Sammlung zu verpflichten. Der 52 Jahre alte Niemann hat darin eine Ausstellung für Kinder gestaltet, für die – und das ist der Clou – junge Besucher nicht in einen eigenen, anderen Bereich des Museums abgeschoben werden. Der Kunstpalast für Kinder läuft gewissermaßen als Subtext in der regulären Schau mit. Mehrere kleine Türen mit Klinken in Kniehöhe öffnen sich in verborgene Kabinette, in denen Niemann Werke installierte, die dem Publikum die unterschiedlichen Sichtweisen der Wahrnehmung auffächern.

Niemann studierte bei Heinz Edelmann, der das legendäre Magazin „twen“ mitgestaltete und Art Director des Beatles-Films „Yellow Submarine“ war. Niemann schafft regelmäßig Titelbilder für den „New Yorker“, noch vor zwei Wochen das zur KI-Ausgabe etwa, und bei Instagram liefert er jeden Sonntag eine Zeichnung, die von 1,1 Millionen Abonnenten gesehen wird. Wie er auf seine Ideen kommt? Jedenfalls nicht unter der Dusche, wie manche glaubten, sagt er. Wenn eine Idee auf die Realität treffe, sei das Konzept oft null und nichtig. Er müsse am Schreibtisch skizzieren, brauche Papier und Stift. Es sei wie beim Schachspiel: Im Kopf könne er höchstens die ersten ein, zwei Züge machen.

Interaktive Beiträge und viele Erwachsene in seinen Räumen

Niemann ist gerade mit seiner Studio-Managerin im Kunstpalast, und er erzählt, dass er ganz frei gewesen sei bei der Ausgestaltung der Aufgabe, er habe keine Vorgaben bekommen. Was sein Ansatz ist? Die Grundprinzipien der Kunst wolle er Besuchenden nahebringen und sie zu einer möglichen Antwort auf die Frage „Was passiert zwischen Werke und Betrachtenden?“ führen. Es sei ja alles nur Illusion, sagt er, und deshalb zeigt er schwarze und weiße Streifen, sie sich zu dreidimensionalen Treppen fügen, wenn man richtig steht. Einen Füllfederhalter, der Stufen malt. Einen Tunnel aus fließenden Lichtpunkten, an dessen Ende sich eine Überraschung verbirgt. Es gibt einen Tisch zu sehen, bei dem scheinbar eine Ecke fehlt, und man kann sich auf diese Ecke stellen und wird verblüfft sein, was auf dem Bildschirm am anderen Ende des Raums zu sehen ist. Niemanns Beiträge sind interaktiv, und es ist keine gewagte These, dass man auch viele Erwachsene in seinen Räumen treffen wird.

Er sagt es zwar nicht, aber Niemann dürfte beabsichtigt haben, was man bereits spürt, wenn man seine Kunstpalast-Beiträge sieht: Man bekommt Lust, selbst mit Perspektive herumzuprobieren, Tiefe auf dem Papier zu erzeugen und zu schauen, was passiert, wenn eine Zeichnung um zwei Ecken geht. Man bekommt Lust zu zeichnen.

Niemann klappt seinen Laptop auf, man sieht auf dem Monitor ein Gesicht, und als er sagt, dass man den Kopf mal nach links und rechts drehen solle, reagiert die Linie via Gesichtserkennung auf die Bewegungen des Betrachters. Niemann hat die Software selbst programmiert, das sei ja überhaupt alles „hardcore Geometrie“, sagt er.

Im Grunde ist Niemann gar kein Illustrator, sondern Regisseur. Einer, der das Publikum immer mitdenkt. „Die Mona Lisa ohne Betrachter ist nichts, nur Farbmoleküle“, sagt er. „Die Action passiert im Kopf.“

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