Chinesische Künstlerin Kong Ning kam in den Malkasten

Performance-Künstlerin : Eine höfliche Entschuldigung des Schmerzes

Die chinesische Künstlerin Kong Ning besuchte den Malkasten. Dabei offenbarte sie auch traumatische Erlebnisse aus ihrer Heimat.

Moderne Kunst aus China ist präsent in Düsseldorf. Dies zeigte sich nicht nur jüngst beim Photo-Weekend, die Kunstsammlung bereitet gerade eine große Ai Wei Wei-Ausstellung vor. Galerien, Sammler und Kunstinteressierte entdecken gerade ein spannendes Feld.

Die traurigen Augen. Das war das erste, was ihr aufgefallen war beim Zusammentreffen in Peking, berichtet Corina Gertz im Malkasten, wo die chinesische Künstlerin Kong Ning im Gespräch mit der Düsseldorfer Künstlerin und Mode-Designerin ihr Werk vorstellte.

„Gegen die Mauer“ hieß der gewählte Titel. Ein 20-minütiger Film zeigt, wo Kong Ning eher dagegen war und dabei immer wieder vertrieben wurde und wird: Auf dem Tiananmen-Platz, dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking, der immer wieder mit dem Massaker von 1989 in Verbindung gebracht wird, bei dem eine Studentenrevolute gewaltsam beendet wurde. Die Künstlerin, Jahrgang 1958, war die erste, die danach dort inszenierte.

Ihr persönliches Schlüsselerlebnis datiert allerdings aus dem Jahr 1984. Damals war Kong Ning noch keine Künstlerin, sondern eine Anwältin, die auch Häftlinge betreute: „Das war eine schwierige Zeit in China.“ In der wurde sie abkommandiert als Zeugin einer Hinrichtung von 34 Menschen.

Danach konnte sie ihren Beruf nicht mehr ausüben, vertauschte die Uniform gegen eine transparente, bemalte Plastikhülle, vornehmlich in Rot, der Farbe des Blutes. Ihr Ausdruck: 34 Gedichte, 34 Träume, 34 Drehbücher. Arbeiten, die Schmerz, Mitleid, auch Respekt ausdrücken sollen.

In Düsseldorf tritt Kong Ning auf wie eine gepanzerte Kriegerin: im schwarz-gekachelten Neopren-Outfit auf Sandalen-Sohlen wie Briketts – und mit diesen traurigen Augen. „Viele Jahre habe ich Menschen verteidigt. Das konnte ich dann nicht mehr.“ Oder nur noch mit anderen Mitteln: „Ich brauche Energie aus der Natur.“

Auch die ist bedroht. Gegen die Luftverschmutzung in Peking demonstriert Kong Ning als Braut in einem Hochzeitskleid wie aus Hunderten weißen Blüten zusammengesetzt – doch es sind Mundschutzmasken. Ein Schiffsunglück auf dem Yangtse, bei dem viele Menschen umkamen, dokumentiert sie mit einer Installation aus Rettungswesten.

In China ist Kunst auch immer Kommunikation, beinhaltet oft politische Botschaften. Man sollte sie lesen (können) wie eine Art Wandzeitung. Die Übersetzung von mündlichen Aussagen ist dabei eine Kunst für sich, allzu oft eine Art simultane Korrektur, im Malkasten beinahe zu erleben wie im chinesischen Alltagsgeschäft. In Düsseldorf war das temperamentvolle mit Gestik, Mimik unterstützte Statement der Künstlerin in chinesischer Sprache beinahe besser zu verstehen als die blutleere Übersetzung – in ihrer Zusammenfassung eine „höfliche Entschuldigung des Schmerzes.“

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