Fotozentrum „Bundesdeutsches Fotoinstitut“ soll nicht nach Düsseldorf kommen

Düsseldorf/Essen · Eine Expertenkommission hat der Kulturstaatsministerin ihr Konzept überreicht. Sie empfiehlt, dass das nationale Fotozentrum in Essen errichtet werden soll. Düsseldorf zeigt sich irritiert.

 Thomas W. Gaehtgens (l-r), Monika Grütters (CDU), Thomas Weski und Ute Eskildsen, Fotografin, Fotohistorikerin und Kuratorin stellen ein Konzept für ein nationales Institut für Fotografie vor.

Thomas W. Gaehtgens (l-r), Monika Grütters (CDU), Thomas Weski und Ute Eskildsen, Fotografin, Fotohistorikerin und Kuratorin stellen ein Konzept für ein nationales Institut für Fotografie vor.

Foto: dpa/Jörg Carstensen

Das „Bundesdeutsche Fotoinstitut“ soll nicht in Düsseldorf errichtet werden, sondern in Essen. Das hat eine Expertenkommission in Berlin gemeinsam mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters verkündet – und ihr ein knapp 50-seitiges Konzeptpapier überreicht, das sie nun auswerten wird. Dann will sie weitere Schritte zur Umsetzung des Fotoinstituts einleiten. So war es geplant. Monika Grütters hatte im vergangenen Sommer bei einer Podiumsdiskussion in der Berliner Akademie der Künste ihren Plan kundgetan, ein nationales Institut für Fotografie gründen zu wollen. Ihr Anliegen: „Wir brauchen eine zentrale Einrichtung zur Bewahrung unseres visuellen Gedächtnisses“, heißt: das künstlerische Erbe herausragender deutscher Fotografen aufarbeiten, bewahren, erforschen, öffentlich zugänglich machen und vermitteln. Die Kulturstaatsministerin hatte eine Expertenkommission ins Leben gerufen, die ein Konzept zu Inhalt, Kosten und Standort ausarbeiten sollte. Unter der Leitung von Thomas Weski (Stiftung für Fotografie und Medienkunst mit Archiv Michael Schmidt) wirkten noch drei weitere Foto-Experten mit: Thomas W. Gaehtgens (emeritierter Direktor des Getty Research Institute in Los Angeles), Ute Eskildsen (Fotografin, Kuratorin und Fotohistorikerin) und Katrin Pietsch (Dozentin am internationalen Studiengang Conservation and Restoration of Cultural Heritage; sie ist auf Fotorestaurierung an der Universität Amsterdam spezialisiert). Die vierköpfige Expertenkommission besuchte ein Dreivierteljahr lang Museen und Foto-Sammlungen im In- und Ausland und absolvierte rund 70 Gespräche und Anhörungen mit Vertretern von Museen, Foto-Sammlungen oder Universitäten. Alle Gesprächspartner hätten die Errichtung eines nationalen Fotoinstituts als notwendig erachtet, so Thomas Gaehtgens. Für das Konzept hat die Expertenkommission aber nur diejenigen Städte berücksichtigt, die sich für ein Fotoinstitut beworben hätten. Das waren nur drei: Essen, Düsseldorf und Ulm.

Warum empfiehlt das Fachgremium Essen als Standort?

Zunächst fördere die Ruhrgebietsstadt schon lange die Fotografie. Das Historische Archiv Krupp verfügt über rund 2,5 Millionen Bilder, das Fotoarchiv des Ruhr Museums besitzt etwa vier Millionen Negative, einige Zehntausend Abzüge und Dias sowie Fotografen-Nachlässe, die Fotografische Sammlung im Folkwang Museum zählt 65000 Bilder und an der Folkwang Universität der Künste bringen sechs Fach-Professoren rund 200 Studenten fotografische Theorie und Praxis bei. Jene vier Institutionen wollen nun ein gemeinsames Fotozentrum errichten. Auch ein konkreter Realisierungsplan liegt vor. Es soll laut Konzeptpapier ein „institutsübergreifender Fachbereich für Restaurierung und Konservierung von Fotografie“ mit zwei Planstellen eingerichtet werden. Zudem wolle man in Wissenschaft und Bildung zusammenarbeiten, etwa internationale Symposien veranstalten. Nicht zuletzt soll ein eigenes Medienzentrum aufgebaut werden, wo große Fachbibliotheken zusammengefasst und Materialien digitalisiert werden. Die vier Einrichtungen hätten bereits „konkret und visionär ein Zentrum für Fotografie“ begründet, heißt es im Konzeptpapier.

Düsseldorf zeigt sich irritiert bis empört. Hagen Lippe-Weißenfeld, der als Geschäftsführer der hiesigen Kulturberatungsgesellschaft „Projektschmiede“ das Konzept für ein Düsseldorfer Fotoinstitut mitverantwortet, spricht von einem Affront gegen die Parlamente von Bund und NRW, die am 14. und 15. November 2019 gemeinsam 83 Millionen Euro für ein Düsseldorfer Foto-Zentrum bewilligt hatten. Doch genau jene „unerwartete Schützenhilfe“ bedauert Monika Grütters. Düsseldorf hätte auf die Entscheidung der Experten warten sollen, wofür Bundes- und Landesgelder ausgegeben werden, schon im Interesse der Steuerzahler, sagte die Kulturstaatsministerin in Berlin. Als Retourkutsche für den Alleingang der Düsseldorfer Fraktion um Fotokünstler Andreas Gursky ist die Entscheidung für Essen als Standort für ein nationales Fotozentrum allerdings nicht zu verstehen. Grütters regt an, dass beide Städte kooperieren sollten, nicht nur weil sie 45 Kilometer voneinander entfernt lägen. Allerdings handelt es sich beim Plädoyer für Essen nur um eine Empfehlung. Ob die 83 Millionen Euro nun nach Essen gehen, entscheiden schlussendlich Bundestag und Landtag NRW. Monika Grütters wünscht sich jedenfalls, dass die Realisierung des Fotoinstituts nun schnell voranschreitet.

Wie Düsseldorf die Empfehlung der Experten aufnimmt

Ministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen: „Das künftige Deutsche Fotoinstitut kommt nach Nordrhein-Westfalen. Das freut mich sehr. Sowohl Essen als Empfehlung der Experten-Kommission wie auch Düsseldorf sind hervorragende Orte für ein solches nationales Institut. Wir werden das Gutachten sorgfältig auswerten und zügig mit dem Bund in gemeinsame Gespräche zum weiteren Vorgehen einsteigen.“

OB Thomas Geisel: „Ich bin Demokrat. Wenn der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags eine einstimmige Entscheidung zugunsten von Düsseldorf trifft, lege ich der eine größere Bedeutung bei als der Empfehlung einer Expertenkommission. Wenn dadurch der Zug gestoppt würde, wäre es der Sache sehr, sehr schädlich.“

Kulturdezernent Hans-Georg Lohe: „Die Experten-Kommission gibt lediglich eine Empfehlung ab. Für den Kulturausschuss am Donnerstag bringen wir eine Vorlage ein, die das bundesdeutsche Foto-Institut in Düsseldorf vorsieht, und zwar in der Nähe von Kunstpalast, Restaurierungszentrum und Kunstakademie mit dem Lehrstuhl für Fotografie.“

Kunsthallen-Chef Gregor Jansen: „In Essen gibt es eine sehr gute Vernetzung zwischen Hochschule, Museum und diversen anderen Instituten. Dennoch ist Düsseldorf der idealere Standpunkt, wie unsere kommende Ausstellung „Foto Rhein Ruhr“ zeigen wird. Düsseldorf liegt genau in der Mitte zwischen Krefeld, Essen, Köln und Mönchengladbach.“

Andreas Gursky/ Moritz Wegwerth, Gründer des „Vereins zur Gründung und Förderung eines Deutschen Fotoinstituts“: „Wir haben den Antrag zur Vereinsgründung mit Standort Düsseldorf abgegeben. Dazu stehen wir. Was die Politik daraus macht, werden wir sehen.“

Laurenz Berges, Becher-Schüler: „Das Wichtigste ist, dass ein solches Institut gegründet wird. Ich bin kein Lokalpatriot, aber ich möchte auch nicht, dass es in die Pampas zur Zeche Zollverein kommt. Eine zentrale Anbindung ist das Wichtigste.“

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