Schauspiel: Bürgerbühne: Wie viel Peer Gynt steckt in uns?

Schauspiel: Bürgerbühne: Wie viel Peer Gynt steckt in uns?

Felix Krakau hat mit Jugendlichen den Stoff aus Ibsens Werk mit einer – scheinbaren? – Lebensrealität verwoben. Wir besuchten die Generalprobe.

Wer bin ich? Wer bin ich, wenn ich träume, eine Welt in meiner Fantasie erschaffe oder ein Bild von mir in der Fantasie meines Umfelds? Das sind Fragen, die sich jeder Mensch schon einmal im Leben gestellt hat. Wir erschaffen Tag für Tag ein inneres wie äußeres Bild von uns. Dabei entsteht eine sonderbare Wechselwirkung zwischen der Realität, wie sie sich um uns herum zeigt, und der Realität, wie wir sie in uns selbst wahrnehmen. Das klingt vielleicht ein bisschen allzu philosophisch, doch mit genau diesen Problemen müssen sich gerade Jugendliche im Prozess ihrer Entwicklung auseinandersetzen. Wie sehen mich meine Freunde? Wie möchte ich gesehen werden? Und was möchte ich tun, um so zu sein, wie ich es mir wünsche?

Eine Figur, die genau diese Themen verhandelt, ist Henrik Ibsens Peer Gynt. Der Bauernsohn, der sich seine eigene Realität erschafft, eine – neudeutsch würde man sagen – virtuelle Realität, die fast anmuten mag, wie so mancher Facebook- oder Instagram-Account.

Die Bürgerbühne-Produktionen des Schauspielhauses Düsseldorf bemühen sich stets, die Lebensrealität der Menschen, – diese sind bei der Bürgerbühne eben keine ausgebildeten Schauspieler – die bei den Projekten mitwirken in Dialog mit der Keimzelle eines Theaterstückes zu setzen. Daraus die Geschichte und Geschichten der Menschen, die mitmachen, erwachsen zu lassen, diese zu erzählen. So ist es auch bei beim Peer Gynt, der am 16. Dezember Premiere am Central feierte und dessen Generalprobe wir besuchten.

Was die Idee der Iszenierung, die unter der Regie von Felix Krakau zu sehen war, indes so besonders macht, ist eine vielschichtige Verzahnung, eine, wenn man so möchte, mehrdimensionale Auseinandersetzung mit der Frage nach Identität, Lebensentwurf und Projektion. Denn ist unser Bild in der Gesellschaft und dessen Spiegelungen zwar auch nur ein Konstrukt, wie oben beschrieben, so ist diese Konstruierheit auf einer Bühne im Schauspiel noch einmal auf den Kopf gestellt. Sind Jugendliche, die auf einer Bühne von ihrem Leben erzählen, authentisch, ist Fiktion von Realität unterscheidbar. Und ist die Fiktion unserer Selbst in unserem Alltag nicht mindestens genauso chimärenhaft wie die auf der Bühne?

Dies mit der Geschichte des Peer Gynt zu amalgamieren, führt zu einer wunderbaren Ambivalenz, die die gesamte Inszenierung durchdrang. Iman Abbasi, Marion Avgeris, Adriano Bennett, Henk Buchholz, Sean Schroeder-Finckh, Vega Fenske, Anne Gatzka, Luisa Mages Salgado, Ji-Hun Park und Ahmed Shmouki spielen sich selbst und doch nicht sich selbst. Sie spielen Peer Gynt und tun es doch nicht. Ein beleuchtbares Gerüst (Bühne: Ansgar Prüwer), mit mehreren Ebenen und Treppen steht in der Mitte der Bühne, kann bewegt werden und sorgt von Moment zu Moment für eine mal bedrohlich wirkende, mal neutrale Kulisse. In ihr entfaltet sich die Geschichte um Peer Gynt, die aber immer wieder auf das Leben der jungen Menschen – das fiktive Leben? – zurückfällt.

Am Anfang mischen sich die Darsteller unter das Publikum, erzählen, was sie alles bei dieser Inszenierung tun wollen, auf welchen Auftritt sie sich besonders freuen. Wieso sie dabei sind. Wieso ihr Peer Gynt so großartig sein wird. „Ihr müsst es euch nur vorstellen!“, fordern sie das Publikum auf. Sind es wirklich die Menschen hinter den Figuren, oder sind es schon Figuren, die in ihrem übersteigertem Alltags-Look (Kostüme Jenny Theisen) – der eben nur fast real ist – schon Fiktionen ihrer selbst sind? Fiktionen wie die Welt des Peer Gynt? Endlich eine Liebesszene spielen dürfen, einen Song auf der Bühne singen, mal etwas ganz anderes machen – Wünsche, die Motivation sein können, bei einem Bürgerbühne-Projekt mitzumachen. Henk Buchholz etwa wird immer wieder Schlagzeug spielen.

Nach einem Countdown setzt die Geschichte um Peer Gynt an. Die klangliche Untermalung von Thomas Klein erschafft eine geladene Stimmung, wird auch so manches kleine Zitat aus Griegs Schauspielmusik einflechten. Doch der bisweilen an zeitgenössische Serienmusik erinnernde Sound unterstreicht die Ambivalenz. „Wir haben versucht, der Peer-Gynt-Geschichte zu folgen, das ist eine Reise, eine Ich-Suche – Peer Gynt ist ein großer Ich-Sucher – andererseits aber auch zu fragen, was sind die Lebensentwürfe der Jugendlichen“, erklärt uns Felix Krakau vor der Generalprobe. „Unser Ausgangspunkt war der Text, haben aber gleichzeitig überlegt, was ist daran, was uns persönlich interessiert. Unser Versuch war, das ineinander greifen zu lassen.“

Genau dieses Konzept geht auf. Die jugendlichen Darsteller erweisen sich als wunderbare Schauspieler, denen es gelingt, den Betrachter auch mal hinters Licht zu führen. Sie sind gar nicht die, für die sie sich auszugeben scheinen, genauso wie Peer Gynt, der sich seine Welt macht, wie sie ihm gefällt. Doch diese Fiktion der Fiktion muss scheitern. Das Stück kulminiert in einem großen Moment des Zweifels. Lethargie, Selbstzweifel, Entzauberung machen sich breit. Wenn die Fantasie-Welt zusammenbricht, bleibt oft nur noch Leere. Selbsterkenntnis kann schmerzhaft sein, doch führt sie zu einer Katharsis, einer Läuterung, einer Befreiung. Wie bei Peer Gynt, wie bei den Jugendlichen und ihrem Alter Ego auf der Bühne.

Trotz des Scheiterns: Am Ende wird es den ersehnten Song geben, den Ji-Hun Park, oder seine Figur, die ganze Zeit schon singen wollte.

Central, Worringer Straße 140, Kleine Bühne. Donnerstag 20 Uhr. 6. Januar 18.30 Uhr. Weitere Infos:

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