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Bürgerbühne Düsseldorf zeigt Familienchroniken gegen das Vergessen

Bürgerbühne : Auf den heiklen Spuren der eigenen Familiengeschichte

In „Blick zurück nach vorn“ erforschen Bürgerbühnen-Akteure die NS-Verstrickungen ihrer Vorfahren.

Tisch, Stühle, Decke, Wände, Boden – alles ist grau auf der Bühne. Beton, Beton, Beton. Erinnert an einen Bunker, an eine Grabstätte, an das graue Stelenfeld des Holocaust-Mahnmals in Berlin. Könnte aber auch eine Kunst-Installation sein. Der belgische Künstler Hans Op de Beeck hat mal einen riesigen Raum mit Bibliothek, Sofa, Klavier, Seerosenteich, Tieren- und Menschenskulpturen kreiert. „The Collector‘s House“ heißt es. 2018 war es im Kunstpalast zu erleben. Vielleicht hat sich Kirsten Dephoff davon inspirieren lassen, als sie das Bühnenbild für „Blick zurück nach vorn“ erschuf. Das Stück der Düsseldorfer Bürgerbühne feierte am Sonntagabend unter Regisseur Christof Seeger-Zurmühlen im Kleinen Haus Premiere. Der Untertitel kündigt „Familienchroniken gegen das Vergessen“ an. Zehn Düsseldorfer Bürger und Schauspielerin Hanna Werth präsentieren ihre Familiengeschichten – die meisten sind eng mit der Geschichte des Nationalsozialismus verknüpft.

Auf den grauen „Bunkerwänden“ erscheinen Fotos von Familienangehörigen der Laiendarsteller, aber auch von Hitler oder dem zerbombten Düsseldorf. Foto: Melanie Zanin

Die Wände dienen als Leinwände, auf denen Fotos von Großvätern, Vätern, Brüdern oder Müttern der Laiendarsteller erscheinen, ebenso Aufnahmen von Adolf Hitler, Massenaufmärschen im Dritten Reich oder vom zerbombten Düsseldorf. Aber auch Briefe von Menschen, die davon berichten, wie Familienangehörige in KZs deportiert wurden – so inszeniert, als würde sie eine unsichtbare Hand auf die graue Wand schreiben.

Schauspielerin Hanna Werth (l.) präsentiert ihre Familiengeschichte wie in einem Puppenspiel. Die Laiendarsteller verkörpern die Familienmitglieder. Foto: Melanie Zanin

Waren Nazis unter den Familienvorfahren?

Christoph Götzen (vorne) schweigt, Armin-Laszlo Halbach erzählt die Geschichte von seinem einstigen Schul-Direktor, der AfD-Mitglied ist. Foto: Melanie Zanin

Zunächst stellen die Darsteller ihre Familienangehörigen vor. Die 70-jährige Christa Hecker etwa: „Mein Vater war ein sehr kluger, sehr musischer Mann. Ich liebte es, wenn mein Vater seine Geige auspackte und mir etwas vorspielte und dann sangen wir gemeinsam Soldatenlieder.“ Oder der 68-jährige Willi Mannheim: „Das ist mein Bruder Erhard. Er wurde am 1. Mai 1931 am Fürstenwall geboren. An dem Tag zogen die Kommunisten am Krankenhaus vorbei, und sangen die Internationale.“ Dann tritt Hanna Werth auf: Als junger Hitler mit Uniform und Schnauzer (es ist eine Figur aus „Schwejk“). Sie tritt auf als Mittlerin zwischen den Bühnen-Darstellern und Publikum: „Na, haben Sie auch gerade an Ihre Vorfahren gedacht? An schöne Zeiten? An Badeseen, Hochzeiten, Kindergeburtstage? Machen Sie das mal. Denken Sie an Ihre Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten. Und? Irgendwelche Nazis dabei?“ Die Konflikte beginnen.

Marina Feldker hat vietnamesische Wurzeln und sieht keinen Sinn in der eigenen Ahnenforschung: „Diese Geschichtsreiterei bringt doch nichts als Ärger.“. Foto: Melanie Zanin

Da kommt es zum Disput zwischen der 46-jährigen Arzthelferin Silke Götzen und ihrer 81-jährigen Mutter Marlene Natus. Ob der Opa in der Partei gewesen sei, fragt die Tochter. Nein, er sei ja Feuerwehrmann gewesen. Deswegen hätte er trotzdem in der Partei gewesen sein können. Das wisse sie nicht, erwidert die Mutter. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg habe der Opa nicht über den Krieg gesprochen. Politik und Kirche würden nicht an den Küchentisch gehören, habe er immer gesagt. Merkwürdig nur: Obwohl der Opa Angst vor einem neuen Krieg hatte, widmete er sein Leben dem Schützenverein, Marschmusik inklusive. Zeigte sich militärischen Traditionen also weiterhin zugeneigt.

Appell an das Publikum, die eigene Familiengeschichte zu erforschen: Zum Schluss des Stücks laden die Darsteller die Zuschauer auf die Bühne ein, mit ihnen bei einem Glas Sekt ins Gespräch zu kommen. Die graue „Betonplatte“ dient nun als Familienarchiv, in dem gestöbert werden kann. Foto: Thomas Frank

Die zehn Laiendarsteller und Hanna Werth haben sich für „Blick zurück nach vorn“ auf etwas eingelassen, was sie sonst wohl nicht getan hätten: Sie haben sich intensiv mit dem Leben ihrer Familien auseinandergesetzt, Angehörige gefragt, in Archiven und im Internet geforscht. Sie wollten die Wahrheit über ihre Vorfahren erfahren und damit auch über sich selbst. Hier geht es um das sogenannte transgenerationale Erbe: Eltern geben ihre Erlebnisse, Erfahrungen und Verhaltensweisen an ihre Kinder weiter. Diese „Rucksäcke“ schleppen die Kinder mit sich herum. Zum Beispiel, über heikle Themen zu schweigen. Nur, wer weiß, woher die problematischen Verhaltensmuster herrühren, kann sie auch verändern.

Die Bühnen-Akteure bekennen, zu lange nichts zur Vergangenheit ihrer Vorfahren gefragt zu haben. Und stellen die Verdrängung der NS-Verstrickungen ihrer Familienangehörigen in Verbindung zu dem wieder  aufkeimenden Rechtspopulismus und Antisemitismus in Deutschland. Am Schluss der anderhalbstündigen Aufführung appellieren die elf Darsteller an die Zuschauer, es ihnen nachzutun. Sie laden sie auf die Bühne ein, sich bei Sekt mit ihnen auszutauschen und in deren Familienchroniken einzutauchen. Fotos, Briefe oder Arbeitsbücher aus dem Dritten Reich haben die Darsteller auf einer grauen „Grabplatte“ ausgebreitet, die nun als Archiv der familiären Erinnerungen dient.