Britischer Medienkunst-Star Ed Atkins stellt im Düsseldorfer K 21 aus

Medienkunst : Die sinnfreie Existenz der Avatare

Der britische Medienkunststar Ed Atkins hinterfragt die Versprechungen der Technologie. Nun zu sehen im K21.

Erinnern Sie sich an den Science-Fiction-Film „Her“ (dt. „Sie“), der 2013 in die Kinos kam? Der junge Mann Theodore verliebt sich nach der Scheidung von seiner Frau in das Betriebssystem seines Handys. Als Ghostwriter einer Firma schreibt er für unglückliche Kunden Liebesbriefe. Er selbst ist seiner neuen digitalen und körperlosen Assistentin Samantha (gesprochen von Scarlett Johansson) hoffnungslos verfallen. Immer irrealer und virtueller wird diese Beziehung. Samantha ist neugierig, einfühlsam, motivierend – auf Knopfdruck. Theodore wird zum Liebhaber einer künstlichen Intelligenz, ‚geschaffen aus dem Datensatz seines eigenen Lebens‘. Seine Tränen, die am Ende fließen, sind noch echt. Bei „Blade Runner“ (1982) war es übrigens die Replikantin Rachel, die heftige Liebesgefühle auf sich zu ziehen vermochte.

Ed Atkins jagt seine Avatare durch ein künstliches Welttheater

Jede Generation hat ihre eigenen Künstler und Bilder. Wie in einem rotierenden Kreisel endloser Loops jagt der virtuose Medienkünstler Ed Atkins seine Avatare durch ein künstliches Welttheater. Verfolgen können das nun auch die Besucher seiner aktuellen Ausstellung im K21 in Düsseldorf. Frauen gibt es hier nicht. Nur Männerbilder aus alten Zeiten. Unter dem merkwürdigen, altenglischen Titel „Ye Olde Food“ wird so einiges schräges Zeug zusammengefasst, das sich hier zusammenbraut. Man sollte sich das kluge Geflecht aus Bildern, Ton und Texten auf keinen Fall entgehen lassen. Im Zentrum stehen drei Figuren, dargestellt in unterschiedlichen Lebenszeitaltern und historischen Epochen: ein riesiges Photoshop-Baby, ein comic-artiger Hellebarde im lilafarbenen Wams, ein alter Mann im Mönchskostüm. Unablässig stöhnen, keuchen und heulen sie. Pausenlos fließen digitale Sekrete, gallertartige Schleimspuren, Krokodilstränen. Das gezeichnete Altmännergesicht scheint sich in Mitgefühl erheischenden Ergüssen förmlich aufzulösen. Aus welchem Grund das Ganze? Weil ihr Schöpfer sie heulen lässt.

Die Avatare in den Videos von Ed Atkins führen eine sinnfreie Existenz. In „Good Wine" hüpft ein Junge durch eine animierte Sommerwiese. Foto: Courtesy Ed Atkins, Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rom, und dépendance, Brüssel

Die sinnfreie Existenz der Wesen lässt sich auf insgesamt neun imposanten Monitoren in HD-Qualität verfolgen. Mal joggen die Charaktere durch einen synthetischen Märchenwald, mal bricht das Riesenbaby in die Kaminfeuer-Idylle einer Holzhütte ein, nebenbei hüpft der Junge durch eine animierte Sommerwiese. Oder er spielt in einem unterirdischen Limbo-Bunker Klavier; die immergleiche Filmmusik aus lediglich vier Akkorden. Ergänzt werden die filmischen Bilder durch Texte an den Ausstellungswänden, die auf lasergeschnittenen Platten aufgedruckt sind. Es sind Zitate aus dem bekannten Internetblog „Contemporary Art Daily“, ohne direkten Bezug zur Ausstellung. Skulpturales Zentrum der auf drei Räume verteilten Installation bilden die vier riesigen Kleiderständer mit Kostümen aus dem Fundus der Deutschen Oper in Berlin. Dort war „Old Food“ vorab im Gropius-Bau zu sehen. Zeitgleich wird das Werk übrigens gerade auch im Kunsthaus Bregenz ausgestellt. Die massive Präsenz der Kostüme aus Opern wie „Turandot“, „Aida“, „Don Carlos“ oder „Macbeth“ unterstreicht umso mehr die Abwesenheit von realen Akteuren und Körpern.

Ed Atkins, der 1982 geborene Brite, der in Berlin und Kopenhagen lebt, ist schon seit Jahren ein Superstar der internationalen Kunstszene. Im vergangenen Jahr hatte er eine luzide Gruppenausstellung in der Sammlung Julia Stoschek in Düsseldorf kuratiert. Demnächst wird er auf der Biennale in Venedig zu sehen sein. Atkins nutzt die digitale Bildproduktion, um zugleich auf ihre Verfallszeit hinzuweisen. So nahe die virtuellen Körper und Gegenstände auch an eine materielle Realität heranreichen, so offensichtlich lassen sie sich auch wieder auflösen. Besonders anschaulich, faszinierend und witzig führt er dies an einer Serie von Sandwiches aus; digitaler Food-Porn der ironischen Art; montiert aus Werbeaufnahmen.

Atkins hinterfragt die Versprechungen der  Technologien

Verblüffend ist auch, dass Atkins für seine kunstvoll verwobenen Pixelphantasien meist auf Bestehendes zurückgreifen kann. Er selber programmiert eher wenig. So ist der Barde im lilafarbenen Rock einem Objekt entlehnt, wie es auf Foren wie TurboSquid zu erwerben ist. Ed Atkins wird in der Kunstszene gepriesen, da er Versprechungen, Potentiale und Ideologien der von ihm verwendeten Technologien kritisch hinterfragt. Immer öfter beeinflussen und durchströmen Datensammlungen reale Existenzen. Und auch die Mitteilung von Emotionen erfolgt zunehmend digital. Atkins folgt dabei in „Ye Olde Food“ der Strategie des Theaters, Geschichten durch romantisierende Fiktionen zu neuem Leben zu erwecken. Eine tolle Ausstellung, die man mit vielen Fragen oder philosophischen Gedanken verlässt.

Anders als der Mensch, der trauert, weil er weiß, dass und was er verloren hat, simulieren die Avatare eine bizarre Melancholie. Wissen sie doch nicht einmal, was ihnen fehlt.

Ed Atkins: Ye Olde Food, bis zum 16. Juni im K 21, Ständehausstraße 1. Geöffnet von Di-Fr 10-18 Uhr, samstags, sonntags, feiertags 11-18 Uhr.

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