Brechts "Mann ist Mann" hatte Premiere im Central Düsseldorf

Premiere : Brechts Lehrstück „Mann ist Mann“ im Turbotempo

David Schnaegelberger bringt im Central eine frische Inszenierung von „Mann ist Mann“ auf die Bühne – mit starken Schauspielern.

Am Ende ist er der Mann ohne Namen. Aber nicht ohne Eigenschaften. Obwohl der britische Packer, der seiner Frau einfach nur einen Fisch kaufen soll, Galy Gay heißt. Jedoch sich auf einen selbst-zerstörerischen Deal einlässt: mit Soldaten. Sie haben einen Diebstahl in einer Pagode verübt.

Doch bei der Flucht verliert einer der Übeltäter, Jeraiha Jip, ein Büschel Haare, wird anhand dieses ‚Indiziums’ (einem „viertel Pfund Haare“) von einem Sergeanten gesucht und muss untertauchen. So benötigen die drei anderen für das bevorstehende Polizei-Verhör einen vierten Mann. Und da kommt der harmlos daherlaufende Galy Gay gerade recht.

Sie bezirzen den Galy Gay, der immer wieder beteuert „Ich bin doch nur ein einfacher Packer, meine Frau wartet zu Hause“. Er solle die Identität des untergetauchten Jip annehmen. Sie und die Wirtin Begbick spendieren Whisky und machen ihm so lange die Hölle heißt, bis Galy Gay langsam, aber sicher ihrem Wunsch nachkommt. Nach dem Motto „Mann ist Mann“ verbiegt und verdreht sich Galy so sehr, dass er schließlich zu einer Kampfmaschine wie eben Jip mutiert – aggressiv und unberechenbar.

Das gleichnamige Lehrstück von Bertolt Brecht über den Verlust der Identität eines Menschen ist jetzt auf der kleinen Bühne im Central, der Dependance des Schauspielhauses am Hauptbahnhof, zu erleben. In einer frischen, draufgängerischen Inszenierung von David Schnaegelberger, der nach seiner Zeit als Regie-Assistent nun seine erste eigene Regie-Tat präsentiert. Nach der Premiere wurde eine durch und durch junge Produktion gefeiert – mit Absolventen des Thomas-Bernhard-Instituts am Salzburger Mozarteum. Die sieben Darsteller im Alter von 22 bis 28, allen voran Hauptdarsteller Niklas Mitteregger, haben in Düsseldorf ein neunmonatiges „Theater-Referendariat“ hinter sich gebracht und stellen mit diesem Brecht-Abend eine Art Examensarbeit vor.

Die jungen Schauspieler konnten allesamt überzeugen

Keine Frage: bestanden haben alle. So wundert es wenig, dass einige bereits vorher einen Vertrag in anderen Häusern der Theater-Republik in der Tasche hatten. Jedenfalls sind alle sieben richtig gute Typen, beweisen extreme Wandlungsfähigkeit, Spielfreude und verausgaben sich körperlich.

So rauschen die elf Szenen in 100 Minuten im Turbotempo vorüber. Und hauchen dem seltsamen Werk aus der Feder von Polit-Dichter Brecht, der bei der Uraufführung 1926 (parallel in Düsseldorf und Darmstadt) so alt war wie die Jung-Mimen heute, Leben ein. Seltsam ist das von Brecht als „Lustspiel“ bezeichnete Stück, weil man nicht so recht versteht, was Brecht eigentlich im Schilde führte. Schnaegelberger und seine Crew bringen es eher als überspitzte Psycho-Groteske mit finsterem Tenor und Dialogen, die manchmal an absurdes Theater erinnern, auf die Bretter. Überraschungs-Finale inklusive. Vielleicht hat sich Galy Gay ja nur deshalb eingelassen auf die körperliche Tortur und Seelenpein, der er sich unterziehen muss, um die anderen auszutricksen und selbst die Diebes-Beute einzusacken. Im Schlussbild jedenfalls zieht er davon wie Hans im Glück, mit den Taschen voller Geld.

Das vielsagende, ja verschmitzte Lächeln von Niklas Mitteregger legt diese Vermutung jedenfalls nah’. Der österreichische Schauspieler packt den Zuschauer am meisten: Er lotet die Extreme der Verwandlung von Galy Gay aus. Mehr als nur glaubwürdig wirken seine Versuche, sich einzuschleimen. Nervös zitternd will er es den drei Herausforderern (Kilian Bierwirth, Vincent Sauer und Naima Laube) recht machen. Spielt das schüchterne Opfer.  Dann soll er einen Elefanten, der nicht mehr als eine Attrappe ist, der strammen Witwe Begbick (stark und überzeugend: Genet Zegay) verkaufen. Die tragikomische Szene mit schwebendem Stangen-Gerüst und Rüssel (Bühne: Simone Grieshaber) mutiert zur absurden Comedy-Nummer. Ebenso, wenn er plötzlich von einem schnell herbeigerufenen Gericht verurteilt, gefesselt und zum Schein erschossen wird. Schwer nachvollziehbar ist das Tableau mit dem Sergeanten ‚Blutiger Fünfer’ (Rudi Grieser), der sich plötzlich mit einer Pistole selbst entmannt.

Fazit: Die Inszenierung und die Mimen sind stark und überzeugen mehr als das Stück selbst, das nur in wenigen Momenten ein Lustspiel ist.

Termine: 19., 25. Jan., 4., 7., 19., 25. Feb. Telefon: 369911

Mehr von Westdeutsche Zeitung