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Bosse im "Stahlwerk": Der Normalo von nebenan

Bosse im "Stahlwerk": Der Normalo von nebenan

Bosse spielt vor 2000 Gästen im ausverkauften Stahlwerk.

Düsseldorf. Wer deutsche Pop-Musik macht, gerät schnell in die Gefahr, tausendfach gehörte Plattitüden wiederzukäuen. Axel Bosse, der morgen 34 wird und mit seiner Band als Bosse die Bühnen des Landes abklappert, hat diese Gefahr bisher mehr oder weniger souverän umschifft. Am Mittwoch spielte er vor etwa 2000 Besuchern im ausverkauften Stahlwerk — die eine oder andere Nullaussage verzieh man ihm da gerne.

Dabei sind Bosses Texte insbesondere live erst einmal zweitrangig. Denn vom Bühnen-Bosse geht eine unbändige Euphorie aus, die das Publikum mit dem ersten Keyboard-Klimpern von „Kraniche“ packt. Bosse selbst läuft und springt wie aufgedreht über die Bühne, ist nach drei Lieder komplett verschwitzt und bringt seine Ansagen in Kumpelmanier über die Rampe.

Aber warum jubeln diesem Normalo überhaupt so viele Frauen zwischen 25 und 40 zu? Es verhält sich wohl ähnlich wie bei Thees Uhlmann, der ja auch den Kumpeltyp von nebenan gibt und Texte schreibt, die nicht weh tun. Sätze wie „Das Gegenteil von Ballast sind drei alte Freunde“ („Du federst“) sind weder besonders einfallsreich noch diskursfähig — aber fast jeder findet sich darin wieder. Zum Glück verzichtet Bosse im Gegensatz zu Uhlmann in seinen Ansagen auf die bemühten, radebrechenden Pointen.

Live sind Bosse eine Bank, so auch im Stahlwerk. Gespielt hat er fast ausschließlich Lieder seiner letzten drei Alben „Taxi“ (2009), „Wartesaal“ (2011) und „Kraniche“ (2013): Beim Mitklatsch-Hit „3 Millionen“, mit dem Bosse den ersten großen Erfolg gehabt und der ihnen „den Arsch gerettet hat“, ging Bosse im Innenraum auf Tuchfühlung mit den Zuschauern. „Roboterbeine“ war noch rast- und ruheloser als auf Platte.

„Nächste Sommer“ ein theatralisches, vom Keyboard getragenes Duett und „Istanbul“ wurde in der „Urfassung“ gespielt: mit akustischen Instrumenten und halbem Tempo. Das Publikum ist textsicher — und während es den Refrain von „Schönste Zeit“ schmettert, bestätigt es, was das Auge längst gesehen hat: Es sind größtenteils Frauen, die hier vor der Bühne stehen.