Beuys einzige Theaterinszenierung dokumentiert in Bildern

Joseph Beuys - Titus/Iphigenie : Fotoband - Beuys einzige Theaterinszenierung dokumentiert in Bildern

Die große Installation „Palazzo Regale“ im K20 ist das Vermächtnis von Joseph Beuys. Erst jetzt wird im Fotoband von Abisag Tüllmann klar, wo diese Stücke gebraucht wurden.

Im Jahr 1992 gelang es dem damaligen Museumschef Armin Zweite, mit vereinten Kräften von Bund und Ländern „Palazzo Regale“ (1985) für die Kunstsammlung zu erwerben. Diese große Installation stellt das Vermächtnis des Künstlers dar. Nur wenige Monate vor seinem Tod hat er dieses Ensemble im Museo di Capodimonte, dem alten Borbonenschloss von Neapel, vollendet. Beuys integrierte dabei in eine der Vitrinen den mit leuchtend blauer Seide gefütterten Luchsmantel und zwei goldglänzende Konzertbecken. Erst jetzt wird klar, wo diese Stücke gebraucht wurden.

Der Verlag Schirmer-Mosel findet auch 22 Jahre nach dem Tod des Künstlers noch Dinge, die das Werk von Beuys beleuchten. Es handelt sich diesmal um die einzige Theaterinszenierung von Beuys, die sich in den kongenialen Aufnahmen der Fotografin Abisag Tüllmann (1935-1996) widerspiegeln. Die einstündige Aufführung gehörte zur „Experimenta 3“ im Frankfurter Theater am Turm. Dort gab es einen Verschnitt aus Titus Andronicus und Iphigenie, den Beuys mit Hut, Jöppchen, Luchsfellmantel und einem prächtigen weißen Pferd zu einem optischen Spektakel machte. Der Dichter Peter Handke schrieb über das eher „hermetische Ereignis“ in der „Zeit“, wobei ihn das Bild des Mannes mit dem Schimmel besonders überzeugte, während er sich andererseits auch ertappte, wie er unwillig reagierte, als sich die Aktionen wiederholten.

Über Mikrofon sprach Beuys die auswendig gelernten Eingangssätze der Iphigenie, „Heraus in eure Schatten, rege Wipfel (...) das Land der Griechen mit der Seele suchend.“ Danach legte er seinen gefütterten Pelzmantel bei den Konzertbecken ab, während der Regisseur Claus Peymann und der Dramaturg Wolfgang Wiens abwechselnd die Texte aus Iphigenie und Titus zitierten. Dazu stieß Beuys aus der tiefsten Kehle zweimal den Buchstaben „ö“ heraus.

Die Fotos datieren vom 29. Mai 1969. Sie beleuchten nicht die Gegensätze zwischen der blutrünstigen Szenerie von Shakespeares Erstling im Verbund mit der klassischen Iphigenie, sondern konzentrieren sich auf eine völlig undramatische Handlung des Künstlers mit dem großen, schönen, hellen Schimmel. Handke imponierte dieses Bild mit dem Pferd und dem Mann am meisten.

Das Pferd stand auf einer mit Tonabnehmern versehenen rechteckigen Eisenplatte, die als elektronisch verstärkter Resonanzboden diente. Jede Hufbewegung, selbst das Rascheln des Strohs, verursachte Krachen und Rauschen. Dazu hüpfte Beuys wie ein Vogel.

Ähnlich war Jannis Kounellis am 14. Januar 1969 in der Galleria L’Attico in Rom vorgegangen, als er gleich zwölf Pferde zur Vernissage mitbrachte. Beide Künstler betätigten sich nicht als Rossebändiger. Die Schellen benutzte Beuys mit ungeheurer Kraftanstrengung, das Hopsen, Springen und Röhren machte es dem Tier gleich, das ähnlich stoisch-ruhig blieb wie Beuys selbst.

Mehr von Westdeutsche Zeitung