Kultur in Düsseldorf: Beat Wismer: „Man muss sich zur Kunststadt bekennen“

Kultur in Düsseldorf : Beat Wismer: „Man muss sich zur Kunststadt bekennen“

Der Generalintendant Wismer legt die Leitung des Museums Kunstpalast in jüngere Hände. Zum Abschied hält er Rückblick und Ausblick.

Düsseldorf. Beat Wismer, Generalintendant der Stiftung Museum Kunstpalast, geht am 1. Oktober in den Ruhestand. Er hat das Haus allen Widrigkeiten zum Trotz international aufgestellt. Unverhofft gaben sich Tizian und Tintoretto, Rembrandt und El Greco, Zurbaran und Cranach ein Rendezvous, alte Meister also, die man bislang kaum im Ehrenhof sah. Wismer stellte Jean Tinguely in einen aktuellen Kontext, bereitete Andreas Gursky die schönste Schau und ließ die Besucher das Gesamtkunstwerk von Katharina Grosse auf Schritt und Tritt begreifen. Im WZ-Gespräch spricht er über Erfolge und Misserfolge.

Zurbaran war noch nie im deutschsprachigen Raum zu sehen, El Greco erhielt hier die erste Retrospektive in Deutschland. Sie haben die Großen der Vergangenheit der heutigen Generation nahe gebracht. Was interessiert Sie daran?

Wismer: Man kann die Gegenwart nicht verstehen, wenn man die Zeit vorher nicht auch kennt. El Greco war wichtig für die Expressionisten, aber Zurbaran ist auch für die heutigen Künstler sehr interessant. Seine Kunst hat eine ganz große haptische Qualität. Er spielt mit der realistischen Malerei. Da ist fast etwas Magritte drin.

Sie lieben die strenge, bei allem Realismus fast überirdische Malweise der Spanier. Aber Sie selbst kommen doch von der Moderne. Wie war Ihr Weg dahin?

Wismer: Das Museum besitzt Zurbarans Heiligen Franziskus in Meditation.Von diesem rund 400 Jahre alten Bild bin ich ausgegangen. Es gibt viele Schätze im Haus, die noch zu heben sind.

El Greco war eine Steilvorlage. Der modernste Maler unter den Altmeistern?

Wismer: El Greco fand für die Dualität des Göttlich-Dämonischen, des Schauderns und der Hingerissenheit expressiv-ekstatische Bilder. Das verbindet ihn mit den Künstlern der Gegenwart. Maler wie Cezanne, van Gogh, Picasso und Delaunay nennen El Greco als wichtige Quelle der Inspiration. Die Suche nach dem neuen Menschen macht ihn so aktuell für die Maler der Gegenwart.

Es gab Düsseldorf-Bezüge?

Wismer: Es geht bei El Greco um eine verpasste Gelegenheit. Eine Auswahl seiner Werke aus der Privatsammlung Marczell von Nemes wurde 1911 in München und 1912 in Düsseldorf gezeigt. Sie löste El Greco-Fieber unter jungen Künstlern wie Max Beckmann, Oskar Kokoschka, Ludwig Meidner, vor allem unter den Vertretern des Blauen Reiters auf. Sie erkannten in ihm eine Schlüsselfigur.

Alte Meister als Impulse für die Gegenwart?

Wismer: Ja, wir haben den Bogen von Cranach bis zu Picasso und Warhol geschlagen. Wir haben für „Diana und Actaeon. Der verbotene Blick auf die Nacktheit“ sogar einen Preis für sexuelle Aufklärung des Publikums bekommen. Aber wir haben auch die Düsseldorfer Szene nicht vernachlässigt, denken Sie an Konrad Klapheck, Eat Art, Katharina Grosse und im Rahmen der Sammlung Hans Peter Feldmann.

Warum machten Sie thematische Ausstellungen?

Wismer: Damit habe ich mir schon in Aarau einen Namen gemacht. Sie sind für mich permanente Herausforderungen.

Ihr Rückblick auf die Public Private Partnerschaft?

Wismer: Mit dem Modell einer öffentlich-privaten Kooperation in Stiftungsform, an der außer Eon auch Metro und Degussa beteiligt werden, wollte Kulturdezernent Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff das Museum retten. Das Modell wurde 2001 mit der Eröffnung des kernsanierten Museums Kunstpalast und des neuen Konzernsitzes umgesetzt. Damals war Eon unendlich reich.

Haben Sie mit dem Geldsegen von Eon gerechnet?

Wismer: Als ich anfing, waren die fetten Jahre vorüber. Eon war noch Partner der Stiftung, aber nicht mehr bei der Finanzierung des Ausstellungsetats. 1,5 Millionen Euro für Ausstellungen gab es nur in der Ära von Jean Hubert Martin. Seit meinem Amtsantritt wurden auch die Zuwendungen, die zunächst bei 1,1 Millionen Euro lagen, reduziert. Der Vertrag endet Ende 2017. Der Konzern sponsert noch 2018 und 2019 zwei große Ausstellungen.

Wer ist schuld an dieser Scheidung?

Wismer: Nach dem Teilrückzug von Eon kam Fukushima und der Atomausstieg. Dann folgten Rekordverluste des Energieriesen, die Aufspaltung in die Gesellschaften Eon und Uniper und die Verlegung der Firmenzentrale von Düsseldorf nach Essen. Die Abhängigkeit von einem Konzern, der konjunkturabhängig ist, ist Apriori problematisch.

Sie haben Premieren wie die Bangkok-Bilder von Andreas Gursky und die Retrospektive von Wim Wenders organisiert. Candida Höfer schätzte es, in Düsseldorf zu fotografieren. Klaus Mettig erhielt eine kapitale Schau. Sie hofften auf den Ausbau eines Zentrums für Fotografie und Neue Medien. Warum wurde aus der Stiftung nichts?

Wismer: Das hat u. a. mit der Raumfrage zu tun. Unter meinem Nachfolger wird die geplante Fotostiftung kommen. Mein Erfolg ist es, dass Max Becher bereit ist, mit dem Museum Kunstpalast die erste posthume Ausstellung von Hilla und Bernd Becher zu machen. Die Initiative geht von uns aus. Es gibt ein großes Interesse an einer Kooperation mit San Francisco und dem Metropolitan Museum. Die Ausstellung soll 2020 im Ehrenhof stattfinden.

Warum kommt die für 2017 angekündigte Retrospektive zu Angelika Kaufmann nicht?

Wismer: Sie kommt 2020.

Was ist sonst noch für die Zeit nach Ihnen geplant?

Wismer: 2018 wird es eine Ausstellung zu Black & White geben, die mit der National Gallery London vorbereitet wurde. 2019 wird das Hundertjährigen des Jungen Rheinland gefeiert.

Den Wunsch nach einem Restaurant bleibt unerfüllt?

Wismer: Es war eine Riesenenttäuschung, dass wir trotz vieler Gespräche dieses Restaurant unter der Liegenden von Arno Breker nicht bekamen. Wir haben nur Bierwagen, Currywurst und Liegestühle rund um den Brunnen erreicht.

Was empfehlen Sie zum Abschied:

Wismer: Düsseldorf ist eine Kunststadt. Man muss sich nur zu ihr bekennen und ihr unglaubliches Potenzial nutzen.

Ihre eigenen Pläne?

Wismer: Wir ziehen nach Zürich. Ich darf 2019 eine große Turner-Ausstellung im Kunsthaus Luzern mitkuratieren, in Zusammenarbeit mit der Londoner Tate Britain. Die Tate ist daran interessiert, dass Turners Werke dort zu sehen sind, wo er sie gemalt hat.

Und die Abschiedsfeier am 7. Oktober?

Wismer: Die Freunde des Museums richten sie mit Oberbürgermeister Thomas Geisel im Robert-Schumann-Saal aus. Es wird eine Versteigerung zugunsten der Sammlung geben.

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