Interview: „Bartóks Musik ist eine Herausforderung“

Interview : „Bartóks Musik ist eine Herausforderung“

Interview Oksana Lyniv dirigiert die Sternzeichen-Konzerte in der Tonhalle am Wochenende. Wir sprachen mit ihr nach der ersten Probe.

Bei den Sternzeichen-Konzerten steht diesmal die ukrainische Dirigentin – zurzeit noch GMD in Graz – Oksana Lyniv am Pult der Symphoniker. Auf dem Programm, neben Bartók, ihrem Landsmann Lyatoschynsky auch das Oboenkonzert (Solist Ramón Ortega Quero) von Vaughan Williams.

Frau Lyniv, Sie hatten soeben die erste Probe mit den Düsseldorfern Symphonikern. Wie war es?

Oksana Lyniv: Die Symphoniker sind ein wunderbares Orchester, sehr gut vorbereitet, sehr professionell. Man merkt sogleich, dass sie mit hohen Erwartungen zur Probe kommen, diese möchte ich natürlich nicht enttäuschen. Es ist ein anspruchsvolles Programm, was wir spielen werden. Wir kennen uns noch nicht, ich war auch noch nie in Düsseldorf. Das kann ich nach der ersten Probe sagen.

Wie gefällt Ihnen die Tonhalle, der Saal?

Lyniv: Der Saal ist sehr schön, es ist ein ganz besonderer Raum. Als ich die ersten Bilder gesehen habe, war ich sehr beeindruckt. Durch die runden Formen hat die Tonhalle eine eigene Geschlossenheit, die an einen Tempel, an eine Kuppel in einer Kirche erinnert. Ich denke, der Saal hat auch eine sehr gute Akustik. Der Orchesterklang ist sehr rund und warm.

Lassen Sie uns über das Programm reden. Fangen wir mit Béla Bartóks Konzert für Orchester an. Was macht für Sie die Faszination von diesem Bartókschen Spätwerk aus?

Lyniv: Bartók gehört zu meinen Lieblingskomponisten, weil seine Musik zwar schwer zu dirigieren, aber gleichzeitig sehr leidenschaftlich, farbenreich und emotional ist. Und diese Herausforderungen liebe ich. Doch Bartók liegt mir in vielen Punkten sehr nahe. Auch wegen seiner Liebe und Verbundenheit zu seiner Heimat Ungarn. Er hat sich schon zu seiner Studentenzeit Gedanken darum gemacht, wie er als Komponist dazu beitragen kann, dass es tatsächlich zu der Gründung einer ungarischen Kompositionsschule kommt, die weltbekannt wird. Das ist ihm gelungen. Dabei ließ er sich vom einfachen Leben inspirieren, schöpfte aus seinen Wurzeln, aus der Tradition seines Volks, sammelte unermüdlich Volkslieder, um sie zu dokumentieren. Dieses ist mir sehr nahe. Ungarn und Ukraine sind ja Nachbarländer. Bartók hat zwischen 1888 und 1892 in der (jetzigen) Ukraine gelebt und dort mit elf Jahren sein erstes Soloklavierkonzert gespielt. Dahin kehrte er Jahre später auch für seine Volksliedexpeditionen zurück. Er hat die Sprache der Volkslieder in sich aufgenommen und daraus eine eigene einzigartige Sprache entwickelt. Das macht seine Person wirklich einzigartig in der Geschichte des 20. Jahrhunderts. All dies ist in seinem Konzert für Orchester präsent. Wobei das Besondere daran ist, dass es sich hierbei um sein letztes großes Orchesterwerk handelt. Es ist ein Rückblick auf sein Leben, ein Blick auf die Vergangenheit.

Gehen wir hier ins Detail.

Lyniv: Im Konzert für Orchester vereinfacht er vielleicht seine Sprache, doch andererseits hat es sehr viele dramaturgisch musikalische Schichten. Diese fünf Sätze dieses Werkes haben eine sehr spannende Dramaturgie und obwohl es heiter zu enden scheint und er auch viele scherzo-artige Intonationen und tänzerische Melodien verwendet, hat es für mich einen sehr dramatischen Charakter. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass für Bartók, als er seine Heimat verlassen musste und nach Amerika gegangen ist, das härteste gewesen sein muss, nicht nur die Heimat verlassen zu haben, sondern, dass es seine Heimat so nicht mehr gab. Mit den neuen Regeln, der neuen Politik in dem Land, konnte Bartók nichts mehr anfangen. Er hat seine Heimat zweifach verloren und diese auch nicht mehr anderswo gefunden. Er denkt in dieser Musik in die Vergangenheit, an seine Heimat in seinen Erinnerungen. Diese Schmerzstellen spürt man sehr stark.

Dirigiert man Bartók anders, wenn man weiß, welche Ursprünge diese Musik hat? Große ungarische Dirigenten interpretierten seinerzeit Bartók aus der folkloristischen Tönung heraus.

Lyniv: Ich kann es auch nicht anders interpretieren als mit einem Bewusstsein um dieses Folkloristische in seinem Wesen. Zugleich geht es auch um die Präzision; aber ohne Feuer und ein Gespür für den Tanz und diesen inneren Puls geht es nicht.

Sie haben auch Boris Lyatoschynskys Tanzsuite aus der Oper „Der Goldene Reif“ mitgebracht.

Lyniv: Lyatoschynsky ist ein ukrainischer Zeitgenosse von Schostakowitsch. Er studierte Komposition bei Reinhold Glière. Er war einer der markantesten Komponistenpersönlichkeiten der ukrainischen Kompositionsschule. Er hat es nicht wirklich leicht gehabt, auch weil er begeistert war von der Neuen Wiener Schule, auch von Bartók, Mahler und Richard Strauss. Man hat ihm recht schnell erklärt, dass er in diesem Stil in der Sowjetunion nicht schreiben dürfe. Diese Suite ist aus seiner ersten Oper, die er 1929 geschrieben hat. In der Geschichte geht es um einen Überfall von Tataren auf slawische Völker. Die Tanzsuite ist aus dem zweiten Akt.

Was erwartet das Publikum klanglich bei diesem Werk?

Lyniv: Es ist Expressionismus; vielleichte erinnert es ein bisschen an Richard Strauss – ganz besonders muss ich dabei an Salomes Tanz denken. Seine Art zu instrumentieren und die harmonischen Dissonanzen erinnern aber auch an Schostakowitsch. Es gibt einen persischen, einen chinesischen – ganz ohne Streicher –, dann einen indischen und einen Schlusstanz. Dieses Stück wurde in Westeuropa noch nie gespielt.

Und dann hätten wir noch das Oboenkonzert von Vaughan Williams.

Lyniv: Das ist vielleicht eine Art romantische Insel im Programm. Aber bei unserem Programm erzählen sich alle Stücke von selbst. Die Musik allein lässt die Bilder entstehen.

Wir sind im Jahr 2019 und eigentlich sollte es kein Thema sein, dass Sie eine Frau sind als Dirigentin. Aber es gibt leider viel zu wenige in der Öffentlichkeit stehende Dirigentinnen. Wie sehen Sie die Situation? Unabhängig vom Geschlecht sollte es doch immer nur um Qualität gehen.

Lyniv: Ich finde die Lage hat sich wesentlich verbessert. Es ist fast schon ein Trend, dass jedes Haus oder Orchester mindestens einmal in der Saison eine Dirigentin einlädt. Wie mir soeben in der Deutschen Oper Berlin gesagt wurde, wo ich gerade Tosca-Vorstellungen hatte, ist die Situation zurzeit wiederum nicht so leicht, weil die Top Fünf Dirigentinnen ausgebucht sind. Für anspruchsvolle Programme braucht man Erfahrung. Wenn wir aber zurückblicken, dann war es selbst 2009, als ich stellvertretende Chefdirigentin in Odessa mit einem Repertoire von 15 Bühnenwerken war, problematisch. Ich habe viele Agenturen angeschrieben und oft hat man als Antwort gehört: Mit Frauen ist es schwierig, es dauert länger, wer weiß ob das überhaupt ein Erfolg sein wird. Außerdem hört man enttäuschende Sachen von Musikkollegen, wie etwa, „Du wirst nie zu dem Erfolg kommen wie ein Mann“. Es wäre gut, wenn die Vorbehalte weniger wären.

Einige Worte zur Ukraine.

Lyniv: Mir liegt sehr viel daran, Kontakt zu meiner Heimat zu halten; ich freue mich sehr, dass ich international immer weiterkomme, aber gleichzeitig versuche ich trotzdem sehr eng mit meiner Heimat zu kooperieren. Es geht mir auch um die Zukunft der Ukraine, insbesondere um die Kultur. Wir wissen, es waren und bleiben politisch schwierige Jahre. Ich bin auch eine Art Kämpferin geworden. Ich setze mich auch für Aufführung von ukrainischen Komponisten ein. Zudem habe ich auch zwei große Projekte zu Hause, die ich gerne erwähnen möchte, die ich selbst gegründet habe: Das Lwiw Mozart Festival und das Jugendsinfonieorchester der Ukraine. Meine Idee war dabei stets, Ost und West zusammen zu bringen.

Konzerte am Freitag (20 Uhr), Sonntag (11 Uhr) und Montag (20 Uhr), Tonhalle (Ehrenhof).

Hier geht es zur Bilderstrecke: Oksana Lyniv probt zurzeit mit den Düsseldorfer Symphonikern

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