Ausstellung zu Szeemann in Düsseldorfer Kunsthalle

Ausstellung : Düsseldorf: Ein Einsiedler führt zum Museum der Obsessionen

Interview Der berühmte Kurator Harald Szeemann, dem die Kunsthalle eine große Ausstellung widmet, ließ sich von seiner Frau Ingeborg Lüscher inspirieren. Höhepunkt der Schau ist eine Bilderwand zu einem Aussteiger namens Armand Schulthess. Die Witwe von Szeemann erzählt, was es damit auf sich hat.

„Museum der Obsessionen“ nennt sich die Ausstellung in der Kunsthalle Düsseldorf, die dem legendären Kurator Harald Szeemann gilt. Seine Witwe Ingeborg Lüscher trug durch ihre Dokumente zum Einsiedler Armand Schulthess wesentlich dazu bei. Die Welt dieses Mannes mit den merkwürdigen Sätzen auf den verrosteten Schildern ist der Versuch, einem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Es ist der Höhepunkt der Szeemann-Ausstellung. Szeemann lud die damals junge, unbekannte Künstlerin zur Teilnahme an der Documenta 5 ein, verliebte sich in sie und änderte sein Leben. Szeemann wurde zum Visionär. Ein Gespräch mit Ingeborg Lüscher.

Die Bilderwand im Kinosaal der Kunsthalle zum Aussteiger Armand Schulthess ist das Beste in der Ausstellung. Wer war Schulthess?

Lüscher: Er war kein Geisteskranker. Er hat einfach das gemacht, was er machen wollte, eine “Enzyklopädie im Wald” mit allem, was man in seinem 18.034 Quadratmeter großen Esskastanienwald finden konnte. Er sah es nicht im Kunsttext, sondern als Inhalt seines Waldes. Jeder konnte eintreten.

Der Wald gehörte ihm?

Lüscher: Ja. Er war Angestellter in einer Abteilung des Innenministeriums in der Schweiz. Er hat jahrelang gespart, um sich dieses Gelände kaufen zu können, mit einem Steinhaus, in dem er wohnte.

Warum aber stieg er aus der Gesellschaft aus?

Lüscher: Er wollte ein freier Mensch sein, der seine Visionen lebt.

Wie kamen Sie an ihn?

Lüscher: Ich hörte von ihm und bin zwei Jahre regelmäßig in seinen Wald gegangen und habe ihn gerufen. Aber er hielt sich immer versteckt. Ich legte ihm wissenschaftliche Zeitungen und ausgewaschene Konservendosen hin.

Warum leere Dosen?

Lüscher: Darauf schrieb er ja. Ich habe die Büchsen bei allen Freunden gesammelt, gesäubert und in einem großen Sack hingebracht. Er schnitt all die Deckel aus, um darauf mit Stricknadel und Ölfarbe zu schreiben und alles überall im Wald aufzuhängen.

Was war Ihr Ziel?

Lüscher: Ich wollte, dass er mir vertraut und mich kennenlernt. Es war für mich die Berührung mit einem außerordentlichen Wesen, einem Visionär und seiner Enzyklopädie. Er hatte keine Freunde, aß nicht richtig, besaß Nichts zum Anziehen. Alles, was im Leben normal ist, hatte er nicht. Sein Leben mit ihm zu erleben, war für mich faszinierend. Es war wie Alice im Wunderland. Absolutes Wunderland. Überall hingen seine Sätze in den Bäumen. Man konnte sie lesen. Wir haben jetzt nur die verrosteten Teile, weil sie übriggeblieben sind. Es wurde irrsinnig viel gestohlen, aber nur das, was man gut lesen konnte.

Wie war er denn?

Lüscher: Ich habe ihn als sehr schwierig empfunden. Er hat von oben Steine auf mich geworfen. Er wollte mich sicherlich nicht umbringen, aber er war verärgert und wollte mich vertreiben. Doch ich wollte ihn treffen. Das war so eine irrwitzige Besoffenheit von mir. Ich wollte mit ihm sprechen, aber er versteckte sich immer. Es hat lange gedauert, bis ich ihn kennenlernte.

Wann kam der Moment?

Lüscher: Er kam aus dem Haus und machte ein schreckliches Geräusch beim Sprechen. Er hatte 14 Jahre praktisch mit niemandem geredet. Er rannte auf mich zu, obwohl er 70 Jahre alt und ich Anfang 30 war. Er sagte nur: „Wir passen nicht zusammen.“ Doch dann begleitete er mich. Wir kamen an einen Hang. Er stellte seine Füße neben den Abgrund und forderte von mir dasselbe. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das sein müsste. Ich hatte Angst, aber wusste, ich muss mich neben ihn stellen. Ich stand stumm da und habe geatmet. Von da an war ich in seinem Leben. Und er war sowieso und schon längst in meinem Leben. Ich war der einzige Mensch, mit dem er gesprochen hat, dem er vertraute.

In der Ausstellung gibt es auch merkwürdige Texte. Sie muten wie Ratgeber und wie lebensphilosophische Mitteilungen an. Sind die von ihm?

Lüscher: Es sind seine Worte. Er hat sie gesagt und ich habe sie aufgeschrieben und später in einem Buch über ihn veröffentlicht.

Wie wurde Szeemann auf die Arbeiten aufmerksam?

Lüscher: Ich war 1971 mit meinem Material bei ihm, ein Jahr vor der Documenta 5, und er war sofort begeistert. Ich war ja mit Schulthess der Link zwischen den Abteilungen der Geisteskranken und den individuellen Mythologien.

Was hat Sie an Schulthess fasziniert?

Lüscher: Es war die Obsession eines Menschen, von dem man spürte, er läuft auf dem Grat der Felsen und droht abzustürzen. Ich konnte diesen Weg verfolgen und diese wahnsinnige Besessenheit erleben, eine Vision zu erfüllen. Es war auch für Harry ein Aha-Erlebnis. Er nahm ihn in viele Ausstellungen mit.

Welche Funktion hatten Sie denn für Ihren späteren Mann?

Lüscher: Ich war für ihn auch ein Medium, ein Teil dieser Welt, über die ich ständig gesprochen habe. Wir lebten seit der Documenta 5, also seit 1972 zusammen. Nach 18 Jahren haben wir geheiratet. Die Tochter sagte: „Wie spießig!“ Wir waren 33 Jahre zusammen, bis zu seinem Tod. Er war ein leidenschaftlicher und liebevoller Mensch.

Dennoch haben Sie das große Archiv ans Getty verkauft?

Lüscher: Ich habe alles probiert, um es in Österreich, Deutschland oder der Schweiz zu halten, aber niemand hatte Platz. Getty hat aber auch Personal. Keine Institution in Europa hätte drei Jahre lang 28 Menschen pro Tag daran arbeiten lassen, im vierten Jahr nur noch 27 Leute pro Tag.

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