Ausstellung im Kunstpalast - Aufstieg und Fall des Jungen Rheinland

Hundertjähriges Jubiläum: Ausstellung im Kunstpalast - Aufstieg und Fall des Jungen Rheinland

„Zu schön, um wahr zu sein“ nannte Max Ernst die Zeit des Jungen Rheinland. Einen Rückblick zum hundertjährigen Jubiläum gibt es im Düsseldorfer Kunstpalast.

. Das Schlüsselbild des Jungen Rheinland, der Künstlervereinigung nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, hängt am Ende der Ausstellung im Museum Kunstpalast. Es ist Gert H. Wollheims „Abschied von Düsseldorf“ (1924). Es gibt ein karnevalistisches Verkleidungsspiel, in dessen Mitte der Künstler mit Zylinder und Frack den Dandy gibt. Er lässt sich von spinnerten Grazien anhimmeln, die aus dem Altar von Grünewald wie aus einem Horrorkabinett entsprungen sein könnten.

Wollheim, der Querkopf, der Antipode aller Spießer, zieht sich im „Selbstbildnis in der Dachkammer“  eine Brecht‘sche Lederjacke über und mimt zeitweise mit Otto Dix ein Zweigespann. Dass er sich im Bildnis der „Wahnsinnigen“ zugleich die Farben von Grünewald, Bosch und Dürer leiht, macht seine Kunst nur noch attraktiver. Sogar auf Goyas „Saturn verschlingt eines seiner Kinder“ von 1819/21 greift er im „Weiblichen Selbstbildnis“ zurück und zeigt sich als Kannibale, der ein Hinterteil mit weißer Rüschchen-Unterhose und modischem Damenschuh verschlingt. Grotesker kann der Reigen um Liebe und Tod kaum sein.

Ein Herzstück der hochkarätigen Schau bietet Max Ernst mit  der „Mutter Gottes, die das Jesuskind züchtigt“. Als das Werk 1926 im Kölnischen Kunstverein gezeigt wurde, rastete der Kölner Erzbischof aus. Das Abbild musste aus dem Katalog gerissen werden. Der avantgardistische Blasphemiker  hatte nicht nur Maria, sondern seine eigene Signatur mit einem Heiligenschein umrahmt. Dies bezeugt die surrealistische Dreierbande von Geschworenen, zu denen auch der Künstler gehört,  hinter dem Guckloch einer altrosa Mauer. Unbeeindruckt davon  setzt Maria im Bild zum Klatsch auf den leicht erröteten Hintern des Jesuskindes an.

Der Durst nach Leben und der Schrecken des Nazi-Terrors

Dieser Max Ernst, der seine Bilder  über die Kunsthändlerin Johanna Ey verkaufte, nannte in seinen Erinnerungen die Zeit des Jungen Rheinland „zu schön, um wahr zu sein“. Es wurde der Titel der Ausstellung. „Allen Mitgliedern dieses Kreises war der Durst nach Leben, Poesie, nach Freiheit, dem Absoluten, nach Wissen gemein“, so Ernst.

Und damit kommen wir zur Historie. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg starteten der Dichter Herbert Eulenberg, der Maler Arthur Kaufmann und der Illustrator und Schriftsteller Adolf Uzarski einen Aufruf zu gemeinsamen Wanderausstellungen, dem über hundert Künstler folgten.  Der letzte Raum der Schau zeigt den Abgesang in einem Cover zum „Schlegelkeller“ von Karl Schwesig, dem Folterraum der Nazis: Auf einer Alligatorhaut steht mit Silberfolie der Titel, umgeben vom Hakenkreuz mit Blutflecken. Schwesig wurde von den Nazis verhaftet, gefoltert und halbtot gequält. Schon 1922 hatte sich in Düsseldorf eine NSDAP-Gruppe gebildet. 1937 fielen der Ausstellung „Entartete Kunst“ tausend Werke zum Opfer.

Kurator Kay Heymer konzentriert sich auf zwölf „exemplarische Künstler“, die er als Stellvertreter der großen, breiten Bewegung zwischen den Weltkriegen begreift. Im Präludium gibt es noch Nachwehen der Düsseldorfer Malerschule, neben kapitalen Werke von Walter Ophey und August Macke, der den Ersten Weltkrieg nicht überlebt hatte. In die Mitte gerückt ist das Gruppenbild Arthur Kaufmanns,  auf dem einige  Malerhelden Platz nehmen.

Key Heymer und Co-Kurator Daniel Cremer packen die historische Fleißarbeit in den Katalog, wo sie die Flügelkämpfe und die immer wieder neuen, radikalen oder konservativen Gruppierungen auflisten, darunter Vorkämpfer und Angepasste. Im Ausstellungstrakt fällt Heinrich Nauen mit den „Badenden“ aus den Krefelder Museen durch seine kultivierte Diktion auf. Vom späteren Akademieprofessor stammt auch das faszinierende Bildnis der Bertha Hofmacher, das die Peinture der französischen Malerei in sich vereint und in den Bildraum überträgt.

Otto Dix reift unter dem strengen Blick der Johanna Ey zum großen Künstler heran. In Dresden hatte er die Altmeister in sich aufgesogen, in Düsseldorf wird er seine Galeristin Johanna Ey ironisch-bissig und königlich zugleich porträtieren. Schonungslos zeigt er den pummeligen Körper, steckt ihn ins abgeschabte Wams, umgibt ihn mit El-Greco-Farbe und platziert die fleischigen Finger auf einem Tisch in königlicher Pose. Aus strengen Augen hinter monströser Brille blickt sie auf die Nachwelt.

Das Junge Rheinland umfasste neben Widerstandskünstlern auch Leisetreter und Opportunisten. Wilhelm Kreis schenkte Düsseldorf das wunderbare Ensemble am Ehrenhof, aber er stieg bei den Nazis zum Präsidenten der Reichskammer der bildenden Künste und zum „Gottbegnadeten“ unter Adolf Hitler auf. Das letzte Urteil über Carl Lauterbach ist noch nicht gefällt. Hier bleiben viele Fragen offen, urteilen die Moralhüter der Gegenwart doch über einen Mann, der kein mutiger Held war, dessen Stiftung die Stadt aber dankend annahm. Sein Grafikpreis wird nicht verliehen.

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