Textilkunst-Ausstellung im Tunnel Der Stoff, aus dem die Märchen sind

Düsseldorf · Im Tunnel unter der Rheinuferpromenade spinnen vier Künstler einen roten Faden, der zu Bildern und Installationen führt.

 Viki Berg inmitten ihrer Installation „Monster Garden“.

Viki Berg inmitten ihrer Installation „Monster Garden“.

Foto: Ivo Faber/KIT

Wer hinabsteigt in die unterirdische Ausstellungszone des Kit, fühlt sich ein bisschen wie in einer Märchenwelt. Als Erstes nämlich fällt der Blick auf Sofía Magdits Espinozas Bodenarbeit „Ofrendas al infinito“ („Gaben für die Unendlichkeit“) – mit Perlen, Muscheln, Korallen und Schmuck hat die Künstlerin aus Peru (Jahrgang 1995) eine verwunschene Wasseroberfläche voller Poesie in Szene gesetzt. Es sei eine entfernte Anspielung auf den benachbarten Rhein, so die in Düsseldorf lebende Künstlerin. Dass die Installation nicht gar zu dekorativ vor sich hin plätschert, dafür sorgen die schwarzen und weißen Perlen. Verweisen will Espinoza damit auf gekenterte Frachter, aus denen Öl ausläuft, und auf Korallen, die sich weiß verfärben, wenn sie sterben. Selbst „Gaben für die Unendlichkeit“ haben mitunter ein begrenztes Haltbarkeitsdatum.

Espinoza ist eine von vier Künstlern, die Kit-Volontärin Jessica Gilles zu ihrer Ausstellung „Der rote Faden – Follow the Thread“ eingeladen hat. Mit von der Partie sind außerdem Viki Berg, eine ukrainische Künstlerin, die in Berlin lebt, sowie die in Düsseldorf ansässigen Hyunjin Kim und Erik Mikaia. Bei der Themenschau handelt es sich um das krönende Finale des Volontariats von Jessica Gilles. Überzeugend ihre Idee, den Begriff „Anschauungsstoff“ beim Wort zu nehmen: Die filigranen Materialien, beispielsweise Wolle, Stickgarne, Acrylfäden, Teppichgrund und Markisenstoff, kommen in dem von rohen Betonwänden geprägten Tunnelambiente besonders wirkungsvoll zur Geltung.

Das im Kit vertretene Quartett steht in einer ehrwürdigen kunsthistorischen Tradition der Textilkunst – sie reicht vom Wandteppich von Bayeux, den bretonische Nonnen im 11. Jahrhundert mit kriegerischen Motiven bestickten, über barocke Prunkgobelins, den Jugendstil, die Wiener Werkstätte und das Bauhaus bis zu heutigen Kunstschaffenden, die mit Stricken, Häkeln, Flechten oder Weben experimentieren – beispielsweise Magdalena Abakanowicz, Rosemarie Trockel oder die Amerikanerin Sheila Hicks, der die Kunsthalle Düsseldorf im kommenden Herbst eine Einzelausstellung widmet.

Seltsam, dass trotz der allerorts proklamierten Überwindung von Geschlechter-Stereotypen nach wie vor hauptsächlich Frauen die Textilkunst-Nische besetzen. Immerhin kann die Kit-Ausstellung mit einem Quotenmann aufwarten: Erik Mikaia (Jahrgang 1988) hinterlässt am Tunnelende starken Eindruck mit seinen monumentalen Baumwollbahnen, denen er Farbe entzogen hat. Durch die Bleichung entstehen dynamische Strukturen, die an die abstrakte Malerei des Informel denken lassen. Das hinter den Stoffen versteckte LED-Licht weckt in der Kapelle, wie der spitze Abschluss des Tunnels genannt wird, die Assoziation eines Heiligenscheins.

Dass man mit Nadel und Faden förmlich malen kann, demonstriert Hyunjin Kim (Jahrgang 1994) mit ihren Leinwänden. Alltagsmotive, die sie mit ihrer Handykamera festhält, übersetzt sie mit farbigem Garn in bunte Motive, die diskret um Landschaftliches und Ornamentales kreisen. Daneben springt ein „Monster Garden“ ins Auge, den Viki Berg (Jahrgang 1992) als persönliches Biotop in den Tunnel gepflanzt hat. Ihre Installation steht für Ängste und negative Gefühle, die ihrem Unterbewusstsein entsprießen. Doch wer dächte angesichts der Lebensumstände der Künstlerin, die 2022 aus Charkiw nach Berlin ging, um dem Krieg zu entkommen, nicht an die Blumen des Bösen, die Putin in der Ukraine gepflanzt hat?