Ausstellung im Düsseldorfer Kunstpalast: „Fotografinnen an der Front“

Ausstellung im Kunstpalast : Frauen, die Kriege fotografieren

Mit einer Auswahl von acht berühmten Fotojournalistinnen würdigt der Kunstpalast in Düsseldorf den wichtigen Beitrag von Frauen zur Kriegsfotografie.

Als die Kriegs- und Sportfotografin Anja Niedringhaus 2014 in Afghanistan erschossen wurde, war die Anteilnahme weltweit groß. Über zwei Jahrzehnte hatte die 1965 in Höxter geborene Fotojournalistin in Bosnien, im Irak, in Afghanistan, Pakistan, Gaza und Libyen gearbeitet; schonungslos, ungeschönt, unmittelbar und zugleich in respektvoller Distanz. Ihre Kunst und die von sieben weiteren Fotografinnen zeigt das Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Angefangen hatte Niedringhaus bei Lokalredaktionen der Neuen Westfälischen Zeitung; später dem Göttinger Tageblatt. Mit nur 24 Jahren war sie fest bei der European Press Agency angestellt; überzeugt hatten ihre Bilder vom Fall der Mauer 1989. Ihren ersten Einsatz überlebte sie in Sarajevo. Für ihre Irak-Reportagen gewann sie mit einem AP-Team 2005 den Pulitzer-Preis. Aufrütteln sollten die Bilder, dem Leiden und den Opfern eine Stimme geben, Aufschrei für dringliche Friedensverhandlungen sein. Zugleich kämpften sie dabei gegen die immer schnellere Verfallszeit von Aktualität und gegen schreiend-dumpfe Bildmontagen in Zeitungen à la Bild an.

Der Vater des Museumsdirektors starb selbst im Kosovo

Anja Niedringhaus ist Ursprung und Motivation der umfangreichen Gruppenausstellung „Fotografinnen an der Front“. Felix Krämer, neu berufener Direktor des Museum Kunstpalast, erwarb 2017 mit Unterstützung des Freundeskreises ein Konvolut von ca. 74 Aufnahmen der Bildjournalistin direkt von der Agentur. Es ist der erste Kauf des Direktors, der sich seit vielen Jahren diesem Thema widmet. wohl auch weil sein Vater, der ehemals auch in Düsseldorf tätige Bildjournalist Volker Krämer, 1999 im Kosovo starb. Allerdings ist in der Ausstellung nur ein kleiner Teil der erworbenen Werke von Niedringhaus zu sehen und im Katalog publiziert. Mit den etwa 140 Aufnahmen, die in den Jahren zwischen 1936 bis 2011 aus unterschiedlichsten Kriegsgebieten und aus unterschiedlichen Perspektiven entstanden sind, bietet die Ausstellung einen Querschnitt des Genres und setzt dabei ganz auf das hochästhetisierte Einzelbild und seine letztlich emphatische oder gar sentimentale Betrachtung.

Die Bilder erst in Magazinen, jetzt in Rahmen und Rampenlicht

Gleich zu Beginn der Ausstellung ist man hineingezogen in einen Parcours der Meisterwerke des Genres. Gerda Taros republikanische Milizionärin bei Schießübungen am Strand bei Barcelona (1936), Lee Miller in der Badewanne von Hitler (1945), Catherine Leroys US-Marinesanitäter Vernon Wike neben einem sterbenden US-Marine in Südvietnam (1967), Christine Spenglers Aufnahme nach der Bombardierung von Phnom Penh (1975), Françoise Demulders Zeugnis des Massakers von Karantina (1976), für das sie 1977 als erste Frau mit dem World Press Award ausgezeichnet wurde. Und nicht zu vergessen Suzanne Meiselas farbige Dokumentation aus Nicaragua, darunter das Portrait eines Rebellen mit Indio-Maske am Stacheldrahtzaun (1978).

Gerda Taro zeigt eine republikanische Milizionärin bei der Ausbildung am Strand bei Barcelona im August 1936. Foto: nn

Nicht serielle Reportagen oder schockierende, sondern primär ikonische Bilder der Kriegsberichterstattung wurden ausgewählt, die über ihren jeweiligen Nachrichtenwert weit hinausgehen. Carolyn Cole fotografiert eine dramatische Szene eines sterbenden Palästinensers in Bethlehem, der umgeben von Helfern ist, fast wie eine Kreuzabnahme Christi. In einem anderen Krieg entsteht ihre Aufnahme aus einem Massengrab am Rande von Monrovia. Mit Sand bestäubte Leichen junger Männer sind so beseelt ins Bild gerückt, als würden sie schlafen.

Dass man die Bilder so sieht, hat auch damit zu tun, dass man sie nun im Museum betrachtet. Für jede der acht ausgewählten Fotografinnen ist ein eigener Kabinettraum eingerichtet. Auf dunkelgrau getünchten Wänden, sorgfältig gerahmt und belichtet, wird jedes Bild zu einem Objekt der Kontemplation und Konfrontation. Ganz anders der Kontext, für den sie ursprünglich entstanden sind: als Bilder für Magazine wie „Life“ oder „Der Spiegel“, für Modezeitschriften wie die „Vogue“ (!), die Lee Millers Aufnahmen von Dachau und Buchenwald publizierten, oder die Tageszeitung wie die Los Angeles Times, für die Carolyn Cole zeit ihrer Arbeit unter Vertrag steht. Dieser ursprüngliche Kontext oder fototheoretische Fragen werden in der Ausstellung leider nur sehr exemplarisch angedeutet.

Zur Erinnerung: 2011 fand im benachbarten NRW-Forum die Ausstellung „Frontlinie“ mit Bildern von neun, damals noch ausschließlich männlichen Kriegsfotografen der Agentur Magnum statt. Tiefere Befragungen zu Arbeits- und Publikationsbedingungen für Kriegsfotografinnen hätten auch ihrer Würdigung im Kunstpalast gutgetan. Welchen Einfluss hat das Sterben der Printmedien, die Allpräsenz von Blogger- und Handyfotos aus Krisenregionen? Wie wirkt sich die zunehmende Presseunfreiheit aus? Wer finanziert noch Reportagen? Wie steht es um die Zukunft für die professionelle Kriegsfotografie? Die hohe Kunst der ausgestellten Bilder ist zumindest ein selbstredendes Plädoyer dafür.

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