Alex Wissels Barbarossa : Wie Künstler Alex Wissels den Nationalismus persifliert

Der Düsseldorfer besuchte das Kyffhäuser-Denkmal in Thüringen und zeigt nun bei Philara eine bitterböse Inszenierung mit Barbarossa und Germania in den Hauptrollen.

Alex Wissel (36) wurde mit „Rheingold“ berühmt, dem Projekt über den gefallenen Kunstberater Helge Achenbach. Dabei ging es letztlich um die Selbstinszenierung der gesamten Kunstszene in der Art eines Schelmenromans. Nun hat er sich ein weitaus komplizierteres Thema auserkoren und spricht von der „Tagespolitik der AfD“. Zusammen mit dem Textautor Timo Feldhaus ist er zum Kyffhäuser-Denkmal nach Thüringen gefahren. „Wir wollten wissen, was am teutonischen Touristenhotspot los ist“, sagt er im Gespräch. Erste Ergebnisse werden in einer Ausstellung bei Philara präsentiert.

Kulissenzauber für das
Deutsche Reich

Wissel & Feldhaus waren nicht allein an diesem Kultort deutscher Geschichte. In einem brillanten Text, der am Tresen bei Philara ausliegt, erfährt der Besucher, was die beiden Autoren dort sahen, all die Deutschlandfahnen, Armbrüste und geflochtenen Bärte, aber auch die hölzerne Merkelstatue, in die man rostige Nägel schlagen konnte. Der Hotspot ist ein Lieblingsort von Björn Höcke, der sich einmal im Jahr mit seinem völkisch-rechtsnationalen Flügel dort trifft. Höcke liebt keine Mahnmale, die an den Holocaust erinnern, sondern „deutsche Denkmäler“. Und Wissel sagt: „Der Wunsch nach Verzauberung der Welt ist heute groß.“

Barbarossa kommt da gerade recht. Er soll in der Höhle des Kyffhäuserbergs mitsamt seinen Getreuen ruhen und eines Tages erwachen, um das Reich zu retten und zu neuer Herrlichkeit zu führen. Über der in Stein gehauenen Figur Barbarossas herrscht Wilhelm I., der Gründer des deutschen Reichs, auf einem überlebensgroßen Pferd. Und Wissel will wissen, was es mit der Kulturpolitik auf sich hat, der der Preußen und der der AfD. Er kommt zu ungewöhnlichen Schlussfolgerungen, denn die Verkleidungen auf den Malkastenfesten tauchen auch auf den Denkmälern zur Nationalgeschichte auf. War die Inszenierung der Geschichte etwa nur ein Kulissenzauber?

Gleich im Vorraum zur Ausstellung ließ sich Alexander Wissel von Theaterplastikern ein Speibecken nachbauen. Dieses Requisit sei, so Wissel, der einzige Kommentar, in dem er sich von jeder Art Populismus distanziert.

Vom Helden aus Styropor und farbiger Modelliermasse

Unter dem Titel „Kyffhäusertreffen“ geht es in den ersten Raum. Auf einer gläsernen Bahre, einem religiösen Display, um Heilige durch die Städte zu tragen, ruht Wissels Barbarossa. „Ich lasse das Denkmal auf Lebensgröße schrumpfen“, sagt er. Er habe die Figur nach einem Foto von Theaterplastikern in Styropor schnitzen lassen und mit farbiger Modelliermasse überzogen. Wie es zum Image des toten Kaisers gehört, trägt er Bart. Doch Wissel gibt dem Styropor-Kerl zugleich eine Attrappe von Hausmannskost an die Seite, wie er sie in einem Laden für Autobahnraststätten und Metzgerei-Auslagen in Freising gefunden hatte. Diese Würstchen oder Kartoffeln mit Fleisch gleichen täuschend echt dem deutschen Kantinenessen. Wissel deutet sie als „kannibalistischen Nationalismus“.

Im nächsten Raum wird es perfide. Da gibt es ein Pegida-Plakat nach dem Motto „Monday‘s for the Past“ als Reaktion auf „Friday’s for Future“, diesmal mit einem Bühnenbildentwurf von Andreas Achenbach, dem Haupt der Düsseldorfer Malerschule. Auch ein Bild mit dem „Merkelmussweg“ ist da, sowie eine Kostümstudie von Tusnelda, der Frau von Hermann, aus dem Kaiserfest im Malkasten, anno 1877. Natürlich fehlt auch Hermanns Schwert vom Nationaldenkmal in Detmold nicht. Ein reduziertes Schwert allerdings, gleichfalls aus Styropor plus Modelliermasse.

Germania hängt kopfüber als Panzerkoller an der Leine

Drei Tage nach dem Kostümfest im Malkasten soll die Fest- und Politgesellschaft des 19. Jahrhunderts nach Rüdesheim gefahren sein, um den Grundstein für das Niederwalddenkmal zu legen. Mit Germania in der Hauptrolle. Sie hängt im letzten Raum der Ausstellung unter dem Titel „Die Wacht am Rhein“ kopfüber als Panzerkoller an einer Leine, auch sie auf Lebensgröße geschrumpft; aus ihrer ärmellosen Panzerbrust wachsen Wasserwurzeln.

Noch ist nicht alles ausformuliert zu diesem Thema, an dem Alex schon seit einem Jahr arbeitet. Der Titel der Ausstellung, „Thymostraining“, klingt etwas verquast. Der AfD-Vordenker Marc Stephan Jongen spricht von der „thymotischen Unterversorgung der Bundesrepublik“, er diagnostiziert eine „Armut an Zorn und Wutbereitschaft“. Auch Wissels Barbarossa guckt wütend. Er wird erst dann erwachen, wenn Adler statt schwarzer Raben über dem Kyffhäuser kreisen. Wenn er aufersteht, wird er ein goldenes, verständlicherweise deutsches Zeitalter begründen.

Und Wissel erklärt: „Bis zur Gründung des Nationalstaats bestand Deutschland aus 39 Einheiten. Die Preußen wollten das deutsche Wesen erfinden. Darin lag ihre Identitätspolitik. In ihnen sollte sich die deutsche Geschichte vollenden. So ließen sie sich von den Künstlern lebende Bilder bauen und setzten sie in Stein in die Landschaft, als monumentale Gedenkbauwerke.“

Ausstellung in Philara, Birkenstraße 47, bis 19. Januar. Öffnungszeiten: Freitag 16 bis 20 Uhr, Samstag und Sonntag 14 bis 18 Uhr

philara.de

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