Apokalyptisches Partyleuchten im Studio Central

Apokalyptisches Partyleuchten im Studio Central

Guillermo Calderóns Stück im Central uraufgeführt.

Düsseldorf. Es ist stockfinster im Studio Central. Taschenlampen blitzen auf, gepresstes Flüstern ist zu hören. Ein Mann erzählt von einem Hund, der den Arm einer Frau im Maul herumträgt. Düster und grotesk zugleich beginnt „Beben“, das Stück des chilenischen Autors und Regisseurs Guillermo Calderón.

Im Zentrum stehen vier deutsche NGO-Mitglieder, die nach einem Erd- und Seebeben nach Chile gekommen sind, um zu helfen.

Calderóns pessimistische Komödie enthüllt nach und nach, dass sich hinter den guten Absichten vier krisenhafte Leben verbergen und der Idealismus purem Eigennutz entspringt. Beben nimmt Bezug auf Heinrich von Kleists berühmte Novelle „Das Erdbeben in Chili“. Auch Kleist hatte bekanntlich einen Hang zum drastischen Plot.

In seiner Erdbeben-Erzählung schwängert Jeronimo die junge Josephe im Kloster, sie kommt auf den Kirchenstufen nieder; Gefängnis und Hinrichtung entgehen beide durch ein Erdbeben und werden dann doch vom religiösen Mob gelyncht.

Ist solche Literatur etwas für traumatisierte Kinder? Darüber streiten die vier Helfer in Calderóns Stück, nachdem Therapeutin Karin die Kleist-Story chilenischen traumatisierten Kindern erzählt hat und die alle in Tränen ausbrechen.

NGO-Gründerin Anna (Janin Sachau) scheucht wie eine Furie ihre drei Mithelfer aus dem Rettungsiglu und stellt sie zur Rede. Auf Stühlen hocken die vier dann um zwei Scheinwerfer wie um ein Lagerfeuer. Pfadfinderromantik.

Karin (Xenia Noetzelmann) erzählt mit Inbrunst ihre Kleistversion und enthüllt vor allem ihr eigenes Lebenskonzept: Das Leben ist Leiden. Willi dagegen ist ein Hasardeur, der alles klaut, was verkäuflich ist und seinen vertrockneten revolutionären Traum auslebt. Marie (Elena Schmidt) schließlich ist das opportunistische Fähnchen im Wind.

Regisseur Calderón gelingt zwar ein bewegliches Spiel mit kräftigem Komödienton, er bricht auch zahlreiche Motive Kleists ironisch herunter, so wenn zur Theodizee-Frage, wie Gott das Leiden in der Welt zulassen kann, unvermittelt Willis Party-Equipment im Zelt leuchtet. Doch den Plot hat man allzu schnell durchschaut und mehr als Schmalspurcharaktere gibt das Stück-Personal kaum her.

Kleists Dringlichkeit mit Fragen nach Gesellschaft und Gewalt oder Paradies und Narration erreicht der Abend nicht. Es bleibt beim apokalyptischen Partyleuchten.