Am Donnerstag lesen Literaten wieder in Düsseldorfer Hinterhöfen

Serie : Literaten lesen in Düsseldorfer Hinterhöfen

Am Donnerstag startet im Hinterhof von „Niemandsland“ die erste von drei Lesungen im August. Wir stellen die Autoren des Auftakt-Abends vor.

Die Hinterhoflesungen gehören mittlerweile fest zum Düsseldorfer Kultursommer. Vor sechs Jahren rief das Zakk das Literatur-Projekt ins Leben, das Konzept erwies sich als erfolgreich: Drei Hinterhöfe verwandeln sich an drei Abenden im August in Schauplätze von Live-Literatur. Zu jeder Lesung treten drei Autoren an: Ein unbekannter, ein mittelbekannter und ein etablierter. Wie bei einem Musik-Konzert: Vorbands, dann Headliner. So lernen die Besucher nicht nur drei unterschiedliche Literaten an einem Abend kennen, sondern auch einen neuen Ort. Denn es sind soziale Vereine, die ihre Hinterhöfe für die Literatur öffnen und sich selbst auch bekannter machen wollen.

Meral Ziegler nimmt Alltagsrassismen literarisch ins Visier. Foto: Jakob Kielgaß

Den Auftakt der diesjährigen Lese-Reihe macht der Verein „Niemandsland“ in Oberbilk. Dahinter steckt eine ökologische Projekt-Werkstatt – gemeinschaftlich betrieben, die Menschen können sich dort treffen und arbeiten. In einer Holzwerkstatt bauen sie etwa Möbel aus Sperrmüll, in einer Fahrradwerkstatt reparieren sie Zweiräder, sie kochen gemeinsam bio-vegane Gerichte oder betreiben einen Umsonstladen, in dem Second-Hand-Waren vom Kinderspielzeug bis zur Designer-Handtasche angenommen und verschenkt werden, etwa an Hartz-IV-Empfänger oder Konsumverweigerer. „Niemandsland“ hat von sich aus dem Zakk seinen Hinterhof an der Heerstraße 19 angeboten.

Zwischen Werkstattmauern, Pflanzenkübeln und Weinreben begrüßt Moderatorin Pamela Granderath am Donnerstag um 19 Uhr als Erstes die 14-jährige Nachwuchsautorin Mina. Sie hat sich bislang bei zwei Poetry-Slams Gehör verschafft und zeigte sich überrascht, dass sie nicht benotet wurde. Im „Niemandsland“ wagt sie einen weiteren Schritt in die Welt der unbenoteten Schreib- und Leseleistungen. Ihre Themen: die Dinge des Alltags, etwa Bahnfahren oder Schule. Ihre Beobachtungen schildert sie in einer abstrakt-traumhaften Sprache im Poetry-Slam-Stil.

Die 25-jährige Schriftstellerin Meral Ziegler hat zwar auch noch nie auf einem Hinterhof gelesen, doch als Poetry-Slammerin hat sie ohnehin noch nie „klassische“ Lesungen mit Wasserglas bestritten. „Tendenziell bin ich immer dabei, Lesungen für ein breiteres Publikum interessanter zu machen. Nichts anderes tue ich seit zehn Jahren“, sagt Ziegler. Das „Niemandsland“ kennt sie durch eine WG-Mitbewohnerin, die dort mitgärtnert und miterntet. Meral Ziegler lebt seit vergangenen Oktober in Düsseldorf, wo sie ihren Master in Kunstvermittlung und Kulturmanagement macht. Zuvor lebte sie im schweizerischen Kreuzlingen am Bodensee, von wo sie immer über den Rhein in das benachbarte Konstanz fuhr, um dort ihren Bachelor in „Literatur-Kunst-Medien“ zu absolvieren. Geboren ist Ziegler in Berlin, aufgewachsen in Reinbek bei Hamburg.

Als Poetry-Slammerin seziert sie radikal und direkt unsere Zeitgeist-Phänomene, darunter die Akteure der digitalen Netzkultur wie YouTube-Stars. Ein Thema, das sich momentan aber wie ein roter Faden durch ihre Texte zieht, sind die Rassismen des Alltags. Sie erzählt davon, wie sie aufgrund ihres Vornamens oder ihres Aussehens schon an der Schule diskriminiert wurde, etwa als ihr Lehrer nach einer kleinen Abitur-Abschiedsfeier in einer Kiez-Bar mitteilte: „Vielleicht hast du Talent, das gebe ich zu, aber den Migrationshintergrund, den kann man einfach herauslesen, wenn du schreibst!“ Oder als eine ältere Dame sie nach einer Lesung fragte, woher sie denn ursprünglich herkomme wegen ihres Namens. Nachdem die Autorin entgegnete, dass Meral ein türkischer Name sei, sagte die Dame: „Ja, weil manche integrieren sich ja nie.“

Meral Ziegler reagiert mit ihren Texten auf Alltagsrassismen

Neben ihren persönlichen Erfahrungen ist es der gesellschaftlich wieder salonfähig gewordene Rechtspopulismus, der Meral Ziegler dahin treibt, die Alltagsrassismen literarisch aufzugreifen. „Ich bin der festen Überzeugung, dass es einen gewissen Ansporn für das gesellschaftliche Zusammenleben braucht, um die richtigen Fragen zu stellen. Und wenn die richtigen Fragen gestellt werden, dann kann erst eine tolerante Gesellschaft in Ausblick stehen“, meint Meral Ziegler.

Was die Düsseldorfer Autorin am Donnerstagabend lesen wird, weiß sie noch nicht genau. Neben einem slam-typischen Text will sie jedenfalls auch Prosa-Texte oder klassische Gedichte präsentieren, um auszutesten, wie sie beim Publikum ankommen. Bei Poetry-Slams finde sich durch den Wetttbewerbsgeist und die stark begrenzte Vortragszeit kaum die Möglichkeit, mit anderen Texten zu experimentieren.

Den Haupt-Act bildet der Musikjournalist und Autor Linus Volkmann, der auf WDR Cosmo regelmäßig die Trends und Absurditäten der Global-Pop-Welt kommentiert. Auch der 46-Jährige hat noch nie in einem Hinterhof gelesen, es reizt ihn aber, das „Niemandsland“-Gelände mit Wort und Stimme zu bespielen: „Ein linkes, autonomes Flair, Selbstorganisation, Do-it-yourself-Philosophie – das sind Zusammenhänge, in denen ich mich persönlich wohlfühle.“ Der in Köln lebende Volkmann wird aus seinem neuen Buch „Sprengt die Charts! Wie werde ich Popstar (und warum?)“ vortragen. Er gibt Tipps, wie man die Charts stürmt, etwa indem man gegnerische Popstars mit Rübensirup überschüttet. Volkmann wird aber auch darüber reden, welche Mischgetränke sich am besten für Festivals eignen – dazu verköstigt er die Zuschauer eigens mit „Klosterfrau Energy“.

Erste Hinterhoflesung am 15. August um 19 Uhr bei „Niemandsland e.V.“, Heerstr. 19, Einlass um 18 Uhr, der Eintritt ist frei.

hinterhoflesung.de/">hinterhoflesung.de/

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