Kritische Blicke, Lob und Nachfragen

Kritische Blicke, Lob und Nachfragen

Bei den Rundgängen kommen Absolventen der Akademie mit Besuchern und potenziellen Kunden ins Gespräch.

„Was ist das?“, ist der Gedanke, der vielen Besuchern von Raum 105 beim Akademie-Rundgang in den Sinn und den kleineren Besuchern sogar über die Lippen kommt. Mitten im Raum ist hier eine große, spiegelnde Fläche. Drumherum ein schmaler Weg, der es erlaubt, das Kunstwerk von allen Seiten zu betrachten.

„19 weeks of water“ heißt die Abschlussarbeit von Aurel Dahlgrün aus der Klasse Christopher Williams. Auf dem Boden hat er mit vier Randleisten eine Art Gefäß geschaffen. Gefüllt ist es mit Wasser, das er in den letzten viereinhalb Monaten per Entfeuchter aus der Luft des Raumes gezogen hat — und welches, das auch jetzt während der Rundgänge noch gesammelt wird. Dass an diesem Sonntag viele Besucher mit nasser Kleidung von draußen kommen, bringt Bewegung in Dahlgrüns Arbeit.

Immer wieder fließt ein kleiner Schwall durch einen dünnen Schlauch und tropft von einer Empore im Raum auf die Fläche. Besucher, die das sehen, wissen schnell, worin sie sich da auf dem Boden spiegeln. Fließt aber nicht gerade Wasser herunter, wird die Oberfläche glatt. Das Fenster, das Licht von draußen, die Gesichter der Besucher sind klar zu erkennen. Der Boden wirkt wie eine bewegte Fotografie.

Manch einer will es dann genauer wissen. Eine Besucherin kniet sich auf den Boden, pustet vorsichtig auf die Oberfläche und sieht, wie sich Kreise bilden. Ein anderer stampft mehrmals auf den Boden und sieht sein Spiegelbild erschüttern. Ein Junge macht in einem unbeobachteten Moment etwas, das eigentlich meistens verboten ist — und berührt vorsichtig und nur ganz kurz die Fläche. Ah, Wasser.

Bei Aurel Dahlgrün ist das alles erlaubt. Der Künstler freut sich sogar, wenn die Besucher seiner Arbeit näher kommen. Fast ein bisschen intim wird es da, findet er, wenn die Interessierten sich seinem Werk nähern.

Für alle anderen steht er für Fragen bereit und erklärt — mal begeistert, mal geduldig —, was er sich für seinen Abschluss überlegt hat. Ihm ging es um verschiedene Sichtweisen auf Wasser. Neben dem großen „Wasserspiegel“ in der Raummitte zeigt er auf der Empore zusätzlich Fotografien — per Fotoradierung auf Leinwand und in ein Buch zum Blättern gebracht. Darauf Blicke in den Wasserkocher, die Waschmaschine, ins Aquarium. Und das Meer. Auf zwei Aufschlagseiten in einem der Bücher ist jeweils links eine Ansicht auf die Wasseroberfläche und rechts eine Aufnahme unter Wasser zu sehen. „Das eine Bild war Anlass für das andere“, sagt Dahlgrün. Was sieht man da Helles unter der Wasseroberfläche? Die Frage beantwortet sich auf der Gegenseite.

Als Fotokünstler hat man es heute manchmal schwer, findet Dahlgrün, wo doch inzwischen jeder so viel fotografiert. So ist es auch beim Rundgang — und auch in Dahlgrüns Raum. Viele, die den Raum betreten, zücken sofort das Smartphone und halten auf den spiegelnden Boden. Für Dahlgrün war das aber eher eine Herausforderung. Auch deshalb hat er sich entschlossen, zum Rundherumgehen einzuladen. So dass es eben nicht mit einem Foto von vorne getan ist, sondern jeder verschiedene Perspektiven ausprobieren kann.

Die positive Resonanz freut Dahlgrün sehr. 2019 wird er auch im Museum Kunstpalast ausstellen — ein Ritterschlag, sagt er. Und auch heute fragen immer wieder Besucher, ob er noch größere Auflagen von Buch und Druck machen wird. „Mal sehen“, sagt Dahlgrün zurückhaltend.

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