Kolumne des Düssel-Flaneurs über die Memoiren eines Moderlieschens

Kolumne : Memoiren eines Moderlieschens

In „Möppi – Memoiren eines Hundes“ ließ der Schriftsteller Adolf Uzarski 1921 einen ich-erzählenden Spitz-Mischling durch Düsseldorf streunen. Doch was wäre, wenn sich 2019 ein ich-erzählender Düssel-Fisch auf Möppis Spuren heftet?

Ich schwimme langsam durch die Stadt, und damit eines von Anfang an klar ist: Ich bin weder ein Hund, noch heißt mein Ghostwriter Adolf Uzarski. Nennt ihn einfach Thorsten oder Karsten oder Michael. Jedenfalls ist er ein Prinzipienreiter: Er hat einen Gartenteich, doch als „Gartenteich“ darf man den Gartenteich nicht bezeichnen, wenn man seinen Garten besucht, sonst erfolgt sofort eine Korrektur. „Das ist ein Feuchtbiotop“, sagt er dann, durchaus freundlich, aber auch ein kleines bisschen bestimmend. Was er nicht sagt: „Gartenteich“ – das klingt ihm zu sehr nach Goldfischen, und Goldfische sind spießig, und mein Ghostwriter hat große Angst davor, spießig zu wirken: „Da kann man ja gleich Koi-Karpfen züchten“, sagt er. „Oder Brieftauben, wie mein Großvater.“

Wenn er mal Zeit hat, sitzt er also zwischen Farnen und Hortensien an seinem 10-Quadratmeter-Gewässer in seinem 90-Quadratmeter-Garten, der zu einer 75-Quadratmeter-Erdgeschoss-Mietwohnung gehört – und macht: gar nichts. Wobei, so ganz stimmt das nicht: Manchmal liest er auch ein Buch. Oder die Zeitung. Oder er klickt auf seinem Smartphone rum, vergibt „Likes“ bei Facebook oder Instagram und bekommt umgehend ein schlechtes Gewissen. Seiner Frau hat er die Gartenteich-Idee nämlich mit dem Schlagwort „Yoga“ verkauft.

Moderlieschen (hier im Modell) stehen in Deutschland auf der Roten Liste gefährdeter Arten und werden sechs bis neun Zentimeter lang. Foto: picture alliance/dpa/Armin Weigel

„Du bist immer so nervös, du surfst dauernd im Internet, du musst irgendwas zur Entspannung machen“, hat sie ihm die Pistole auf die Brust gesetzt.

„Wenn ich auf Wasser gucke, ist das viel besser als Yoga, da entspanne ich sofort und habe meine Ruhe dabei“, hat er gesagt. Und dann ist mein Ghostwriter, der normalerweise Reden für Politiker schreibt, ins Gartencenter gefahren, hat Teichfolie, Seerosen und Sumpfdotterblumen gekauft, und drei Tage später hat er das Wasser eingelassen. Tja, und dann kamen irgendwann ich und meine Kollegen dazu. Moderlieschen aus einem Fischzuchtbetrieb in der Nähe von Düsseldorf. 38 Köpfe zählt unser Schwarm, genau so viele wie mein Ghostwriter und seine gleichaltrige Frau an Lebensjahren gesammelt haben. Aber das ist purer Zufall.

Adolf Uzarski (1885-1970) war Schriftsteller, Maler und Graphiker. Foto: Stadtarchiv Düsseldorf

Vor der Pro-Moderlieschen-Entscheidung hat mein Ghostwriter umfassend recherchiert. Fazit: Wir Moderlieschen sind nicht so räuberisch wie all die anderen Kaltwasserfische, seien sie importiert wie die Goldfisch-Schönlinge oder einheimisch wie Rotfeder, Schleie, Forelle und Co. Vielmehr sind wir die einzigen, die Kaulquappen in Ruhe lassen. Kurzum: Kein Fisch ist froschfreundlicher. Sogar Stichlinge, die noch kleiner sind als wir, fressen den Laich von Amphibien. Trotzdem ist der dreistachlige Stichling offiziell zum „Fisch des Jahres 2018“ ernannt worden. Uns dagegen – wie ungerecht! – kennt kaum einer ...

Kaulquappen, Frösche? Ja, Moment, ich muss das noch kurz erklären: Während das normale Auf-den-Gartenteich-Starren für meinen Ghostwriter wie Yoga ist, so wäre die Steigerung davon, quasi die komplette Erleuchtung. Nämlich: im eigenen Gartenteich Kaulquappen und Frösche zu beobachten. Insgeheim ist ihm natürlich klar, dass sich in den vielumfahrenen Häuserblock zwischen Bilker Allee sowie Kronen-, Kirchfeld- und Elisabethstraße kein Frosch jemals verirren wird – aber wie gesagt: Er ist ein Prinzipienreiter. Seine Frau, mit der er offiziell gar nicht verheiratet ist, weil beide das spießig finden, aber auch.

Als die Ghostwriter-Frau vor knapp neun Monaten schwanger geworden ist, zogen nach einem zweiwöchigen Glücks-Regenbogen dunkle Wolken am Unterbilker Spätgebärenden-Himmel auf. Ihre Angst, das Neugeborene könne in den Jahren zwischen Laufstall und Einschulung im Gartenteich ertrinken, ist nämlich noch größer als die Angst meines Ghostwriters, spießig zu wirken. Anfangs hielt er noch tapfer mit „Da muss man doch nur einen Zaun drum machen“ dagegen. Woraufhin die Ghostwriter-Frau mit „Wir haben so lange für ein Kind gekämpft, und jetzt willst du das aufs Spiel setzen?“ konterte. Je länger das Gartenteich-Ping-Pong dauerte, desto mehr begann mein Ghostwriter zu wackeln. Inzwischen hatte er nämlich selbst ein bisschen Angst bekommen, denn es stimmt ja tatsächlich, dass Kinder in Pfützen ertrinken können, und im Vergleich zu einer Pfütze ist ein Gartenteich ein Ozean.

Und jetzt? Die Geburt steht in zwei Wochen an, aber weil Menschen ja nie so genau wissen, wann es wirklich so weit ist, hat mein Ghostwriter vor ein paar Tagen in vorauseilendem Gehorsam und mit feuchten Augen den Teich abgelassen und zugeschüttet. Die inzwischen „zugezogenen“ Libellenlarven und Wasserkäfer hat er mit Hilfe eines Eimers in den Florapark-Weiher umziehen lassen. „Nimm die Fische doch auch mit“, hat die Ghostwriter-Frau gesagt.

„Meine Fische? In dieses von Enten zugeschissene Drecksloch?“, hat mein Ghostwriter geantwortet und dabei bewusst ein wenig übertrieben. „Drama“ kann er nämlich auch – geholfen hat es aber nicht.

Meinen Schwarm und mich wollte er zunächst an der Ecke Karolinger-/Brunnenstraße in die Düssel aussetzen. Weil er die Düssel so sehr mag und annahm, wir würden uns gut mit ihr vertragen, und wenn uns eine Stelle nicht so gut gefiele, könnten wir ja einfach weiterschwimmen. Mein Ghostwriter stellt also sein Fahrrad am Düssel-Geländer ab, geht die Treppe hinter dem Blumenladen zum Flüsschen hinunter, hockt sich unten ans Ufer und öffnet die mit Wasser und Moderlieschen gefüllte Plastiktüte. Neun von uns schwimmen heraus, hinein in die Strömung, ich inklusive. Strömung, schießt es meinem kaltwasserfisch-ratgeber-belesenem Ghostwriter durch den Kopf, war da nicht was?! Und dann – ziemlich abrupt – schließt er die Plastiktüte wieder, geht zu seinem Fahrrad und fährt Richtung Volksgarten – meine 29 restlichen Schwarm-Kollegen mit ihm.

Nach dem „Umzug“ vom Gartenteich in die Düssel haben wir drei Tage Kraft getankt. Kraft für die Mission „Wiedervereinigung“. Motto: Neun Moderlieschen sind kein richtiger Schwarm, wo also sind die restlichen 29? Meine Antenne sagt mir: Erst mal durch die Tunnel unter Brunnen- und Mecumstraße schwimmen. Wir Moderlieschen sind keine Fans von strömendem Wasser, das ist was für Bachforellen. Viel lieber tummeln wir uns da, wo es ruhig ist, zwischen Schilf und Wasserpflanzen. Das ist meinem Ghostwriter dann auch noch eingefallen, wenn auch zu spät für mich und meine acht Kollegen. Den Rest des Schwarms hat er rund zwei Kilometer flussaufwärts ausgesetzt. Da, wo die Düssel im Volkgarten neben der Ballonwiese und vor der Mitsubishi Electric Halle aufgestaut ist, quasi einen riesigen Gartenteich bildet. Da müssen wir hin! Langsam tasten wir uns vor, parallel zur Feuerbachstraße, wo die Düssel tiefer ist als an der Karolinger und nur ganz gemächlich, kaum merklich dahinfließt. Aufpassen, denn hier gibt es sogar den einen oder anderen Hecht, und ich als ihr Anführer möchte meine Truppe natürlich ohne Verluste zum Ziel führen. Sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass auch der räuberische Hecht schon offiziell prämiert wurde? Als „Fisch des Jahres 2016“? Nein, das lassen wir weg.

Natürlich wird er kommen – der Fake-News-Vorwurf, wenn Menschen diesen Text lesen. Meine Antwort ist simpel: Es soll vielgelesene Geschichten über Menschen geben, die sich nach und nach in Käfer verwandeln. Im Vergleich dazu sind meine Moderlieschen-Erlebnisse doch absolut realistisch, und außerdem liebe ich die Wahrheit, und wäre ich ein Hund, dann stünde mein tierisches Geschick, sich schriftlich zu äußern, gar in einer Düsseldorfer Tradition. Im Jahr 1921 nämlich ließ ein Spitz-Mischling namens Möppi vom Schriftsteller Adolf Uzarski im Münchener Delphin-Verlag eine haarsträubende Geschichte erzählen, von der man ebenso behaupten könnte, sie habe sich in Wirklichkeit niemals so zugetragen: Wie Möppi aus einem Ort namens Dingeskirchen in der Nähe von Aachen über Köln nach Düsseldorf gelangt und Menschen trifft, die Frau Eimer oder Herr Buchsenschitz oder Max Popitz oder Engelbert Kackert heißen. Mein Ghostwriter hat das Möppi-Buch, das nur noch antiquarisch zu haben ist, gelesen und war fasziniert, wie anschaulich das alte Düsseldorf beschrieben wird. Zum Beispiel der Worringer Platz „mit einem Bedürfnishäuschen aus einem grünen und einem Wartehäuschen aus gelben Blendsteinen, ersteres mit einer Wasserstandsuhr, letzteres mit einer Normaluhr geschmückt“. Oder die Graf-Adolf-Straße, die all das anbiete, „was man in der Königsallee haben kann, zu herabgesetzten Preisen“. Nicht zu vergessen den Hauptbahnhof – ein „schönes Gebäude“, das aussehe „wie eine verunglückte Markthalle“ und „der Treff- und Sammelpunkt der Düsseldorfer Großkaufleute“ sei, „kurz Schieberbörse genannt“ und auch gerne „als Schuttabladestelle gebraucht“ werde.

Einmal, als er in unserem letzten gemeinsamen Sommer einige Freunde zum „Männer-Grillen“ an seinen Kronenstraßen-Gartenteich eingeladen hatte, erzählte mein Ghostwriter von der Lektüres des Möppi-Buches und hielt anschließend ein Möppi-Plädoyer: Wie es denn sein könne, dass dieses wegweisende Standard-Werk der Ich-Erzählung aus Tier-Perspektive nicht mehr zu haben sei. Und wie schade es sei, dass Möppis Schöpfer, der Maler, Graphiker und Werbefachmann Adolf Uzarski, in der Werber-Stadt Düsseldorf nur so wenigen Menschen bekannt sei. Ein Hund, der nach Möppis Vorbild durch das 2019er Düsseldorf streife – das wäre doch eine Idee, das müsste man mal erzählen. Daraufhin meinte einer seiner Grillgäste, der Detlef oder Igor oder Edin heißt und womöglich in der Werbebranche arbeitet und für seinen Hang zu Sarkasmus und Ironie bekannt ist, so was würde heutzutage keinen mehr interessieren, da könne er ja gleich eine Geschichte aus der Perspektive der Goldfische in seinem Gartenteich schreiben. Natürlich protestierte der Ghostwriter umgehend: „In meinem Feuchtbiotop haben Goldfische Hausverbot, ich habe nur Moderlieschen.“ Moderlieschen? Das klinge doch viel besser als Möppi, entgegnete Detlef oder Igor oder Edin, das wäre sogar ein passender Name für ein Musikprojekt: Eine Indie-Band aus Portland etwa, die sich dem Neo-Krautrock nach Düsseldorfer Vorbild verschriebe. Oder ein DJ-Duo aus Kapstadt – Moder & Lieschen –, das sich in den Pressetexten zum Debütalbum zwar auf deutschen Underground-Techno als Initialzündung beriefe, aber tatsächlich eine gefällige Mischung aus Disco-Klassikern und vocal-lastigen House-Songs auflege. Die Fisch-Diskussion endete damit, dass es – wie Google nach kurzer Befragung verriet – in der Nähe von Berlin unter dem Motto „Entspannt feiern am See“ bereits eine „Event-Location“ namens Moderlieschen gibt, in der man Hochzeiten oder Firmenfeiern ausrichten kann. Danach wurde mit Blick auf den Gartenteich gegrillt und biergetrunken und fußballgefachsimpelt.

Vor drei Tagen hat mein Ghostwriter Elternzeit beantragt – allerdings nicht beim Amt, sondern bei seiner Frau, die berufstätig ist und möglichst schnell ihre Karriere fortsetzen will. „Als Freelancer Reden für Politiker schreiben – das kann man ja auch nebenbei“, hat sie gesagt. „Ich habe gerade eh keine Lust mehr auf den ganzen Scheiß“, hat er geantwortet und sich ehrlich auf das Vater-Sein gefreut. Der Name des Ghostwriter-Kindes, das ein Junge wird, steht übrigens schon fest, aber aus Datenschutzgründen darf ich ihn hier nicht verraten. Adolf oder Möppi oder Detlef heißt er jedenfalls nicht. Vielleicht könntet ihr den Ghostwriter ja persönlich fragen, wenn er im kommenden Frühjahr vor einem Kinderwagen, der auf keinen Fall von Bugaboo sein darf, weil den ja „alle“ haben, auf der Terrasse der Flora-Bar im Florapark sitzt und Kaffee trinkt. Damit ihn keiner für einen Latte-Macchiato-Papa hält, wird er natürlich schwarzen Kaffee bestellen, mit einem kleinen Schuss Milch. Nein, mein Ghostwriter will weder Spießer noch Hipster, weder Tragepapa noch Bakfiets-Pilot sein. Was und wie er genau sein will – das weiß er vermutlich selbst nicht so genau. Nur eines weiß er sicher: Wenn sein Sohn aus dem In-der-Pfütze-Ertrinken-Alter raus ist, also um das Jahr 2025 herum, wird er ein zweites Feuchtbiotop anlegen. Bis dahin dürften auch wir Moderlieschen den Titel „Fisch des Jahres“ geangelt haben. Schließlich stehen wir auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Kauf also nie wieder Goldfische, kauft uns! Wir fressen Mückenlarven und schmecken dem Eisvogel, wir sind die zukünftigen Gartenteich-Stars der Republik.

duessel-flaneur.de

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