Koeps Kino

<h2>Vor uns das MeerDer Biedermann und das Meer. Es war die schiere Verzweiflung, die Donald Crowhurst zum Abenteurer machte. 1968 startete der Hobbysegler ohne jede Hochsee-Erfahrung zu einer Einhandsegler-Weltumrundung, sein Ziel war weder bootsmännischer Ruhm noch Grenzerfahrung.

Es ging dem Engländer lediglich um das erkleckliche Preisgeld, das die Sunday Times ausgeschrieben hatte. Damit wollte er seine kriselnde Firma retten. Der Familie schwindelte er Abenteuerlust vor und konnte sogar einen Geldgeber für das in jeder Hinsicht abenteuerliche Projekt gewinnen. Auf den letzten Drücker stach er in einem nicht einmal fertiggestellten Trimaran und mit ein paar Handbüchern in See. Schon bald tauchten die ersten Probleme auf, die den zweckoptimistischen Crowhurst nach und nach in die Verzweiflung trieben.

Nach „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ präsentiert Regisseur James Marsh erneut einen Helden, der nicht so recht ins heroische Kinoschema passt. So changiert Crowhurst (gespielt von Colin Firth) zwischen liebenswürdigem Familienmenschen und verantwortungslosem Hasardeur, der getrieben und gezogen ins Unglück steuert.

Atelier, Vorpremiere am Mo. um 19 Uhr (engl. OmU)

Tonya Harding hatte keine Chance. Das Publikum hasste die Rivalin von Nancy Kerrigan, vor allem wegen des hinterhältigen Attentats während der US-Meisterschaft im Eiskunstlauf 1994. Mit einer Eisenstange sollte Kerrigan das Knie zertrümmert werden, später wurde bekannt, dass Hardings Ehemann - und womöglich auch sie selbst — dahinter steckte. Seither war Tonya Harding nur noch die „Eishexe“. Während sich das klassische Sportdrama auf Nancy Kerrigan und ihren Triumph über das Foul Play konzentrieren würde, ist der Perspektivenwechsel bei Craig Gillespie der Clou. Wie ein Plädoyer der Ungeliebten kommt das schräge Biopic daher: ein satirischer Blick auf die heile Märchenwelt des Sports, in der Feen und Hexen auch nur Rollen sind.

Bambi, tgl. 18.45 u. 21.30 Uhr (Mo. im engl. OmU)

Da sitzen der Wirt Pankraz und sein Sohn nach der Beerdigung von Frau und Mutter in der Wirtstube, und doch sind sie nicht die beiden, von denen der Titel spricht. Mit der Verfilmung seines autobiographischen Romans „Mittelreich“ leistet der urbayrische Schauspieler und Regiedebütant Josef Bierbichler einen Beitrag zum Thema Heimat, wie er dem neuen Heimatminister Seehofer wohl nicht so recht schmecken dürfte. In der Rolle seines Vaters Pankraz versucht Bierbichler, den provinzhistorischen Bogen vom 3. Reich über die Wirtschaftswunderzeit bis zur 68er-Revolte zu schlagen. Bierbichler versucht so etwas wie eine süddeutsche Variante von Edgar Reitz „Heimat“-Trilogie, dabei geht ihm mitunter die Dramaturgie theaterdonnernd durch.

Metropol, tgl. 16 (außer Di/Mi.) u. 18.45 Uhr

Nachhaltigkeit hin oder her - die Konsumparty geht unvermindert weiter. Durch geschicktes „Greenwashing“ erwecken die Marketingabteilungen großer Konzerne wie Adidas, Ikea oder H&M, die Illusion, dass der Kauf ihrer Produkte, der Umwelt nutze. Dokumentarfilmer Werner Boote und die Autorin Kathrin Hartmann machen sich auf die Spur der Öko-Tricksereien, die den Profit über Raubbau und Menschenrechtsverletzungen in den Entwicklungsländern stellen.

Metropol, Sa./So. 14.15, Mo. - Mi. um 16.45 Uhr

Der Münchner Filmemacher und „Enfant terrible“ Roland Reber hat sich da einen bunten Reigen erotischer Provokationen zwischen bizarr und spießig ausgedacht. Die Bloggerin Nikki (die boulevard- skandalumwitterte Ex-Nonne Antje Mönning) reist durch die Lande und befragt Frauen, danach, was denn ein richtiger Mann ist. Wenn sie dann auch zwischendurch einen Mann oral befriedigt, dann - ja - geht es um den Geschmack des Lebens (als Rohmaterial). Rund 90 Minuten dauert der Sturmlauf gegen alle möglichen und unmöglichen Tabus.

Metropol, Premiere am Do. um 19 Uhr mit Gästen, zusätzl. Vorst. Mi. 21.30 Uhr

Für den Regisseur sollte es das erste Filmprojekt sein, für seinen Star das letzte. Als Peter Bogdanovic von seinem Mentor Roger Corman 1968 20 Filmminuten mit Frankenstein-Darsteller Boris Karloff zur Verfügung gestellt bekam, da entwickelte er einen Film, der die Geschichte des texanischen Amokschützen Whitman aufgriff. Ein junger Mann kauft sich ein Gewehr, hantiert daheim beim Fernsehen damit herum. Dann schießt er wahllos auf Autofahrer und kann in ein Autokino entkommen, wo er weiter tötet. Auf der Flucht trifft er auf einen Horror-Darsteller, dessen echter Auftritt ihn völlig verwirrt und lässt sich schließlich überwältigen.

Metropol, Fr. 23.30 Uhr in der Reihe Mitternachtskino

Das Familiendrama hat etwas von „Warten auf Godot“. Denn vergeblich warten Familie (und der Zuschauer) auf den Auftritt des 18-jährigen Sohnes Mike, der sich seit ein paar Wochen in seinem Zimmer eingeschlossen hat und jeden Kontakt verweigert. Zwischen Sorge, Wut und Verzweiflung pendelt die Seelenlage der Eltern Thomas und Susanne. Doch alles Bitten, Drohen und Brüllen hilft nicht, die Tür bleibt zu. Nur gelegentlich schiebt Mike rätselhafte Zettelbotschaften darunter durch oder holt bereitgestellte Schnittchen ins selbstgewählte Verließ. Der Film von Isa Prahl bietet keinerlei versöhnliche Erklärung, sondern konzentriert sich auf den reinen Versuchsaufbau einer Familienkrise als pubertärem Ego-Trip des Sohns.

Bambi, NRW-Premiere am Di. um 19 Uhr mit Gästen

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