Klaus Heuser verzauberte seine Nichte — und Thomas Mann

Klaus Heuser verzauberte seine Nichte — und Thomas Mann

Sabine Benser-Reimann erinnert sich an ihren Onkel. Im Heine Haus werden Fotos von ihm gezeigt.

Düsseldorf. „Ich war elf Jahre alt und fest entschlossen, Klaus Heuser zu heiraten“, sagt dessen Nichte und Erbin, die heute 70-jährige Düsseldorferin Sabine Benser-Reimann, und hat dabei ein Schmunzeln im Gesicht.

Ihr Onkel, den sie 1954 in Düsseldorf zum ersten Mal sah, habe etwas an sich gehabt, dass sich reihenweise Mädchen in ihn verliebten. An der Geschichte wäre weiter nichts Ungewöhnliches.

Doch dadurch, dass sich auch der Literatur-Nobelpreisträger Thomas Mann einst von ihm verzaubern ließ, sehr viel früher übrigens, im Jahre 1926, als Klaus Heuser gerade mal 17 war, gehört dem Düsseldorfer ein kleines Stück Literaturgeschichte.

Der schöne dunkle Holztisch in Benser-Reimanns Oberkasseler Altbauwohnung ist übersät mit Fotos und Briefumschlägen. Die meisten Bilder zeigen den jungen Klaus Heuser in Asien, wo er gut fünf Jahrzehnte seines Lebens verbrachte. Dass Thomas Mann Gefühle für ihn entwickelte, habe Klaus Heuser wohl nicht sehr beschäftigt, meint die Nichte.

Dabei war Heuser vom Großschriftsteller nach München eingeladen worden. Und dessen Aufzeichnungen sprechen immerhin von einer Umarmung und — einem Kuss. „Thomas Mann hat in seinem Haus recht steife Lesungen abgehalten, während Klaus lieber etwas mit dessen Kindern Klaus und Erika unternommen hätte“, sagt Benser-Reimann, die mit ihrem Onkel in engem Kontakt stand.

Übermäßig kunstinteressiert sei er auch gar nicht gewesen. Dabei war er geradezu umzingelt von Hochkultur, der 1909 im Rahmen mehrjähriger Flitterwochen in Rom geborene Klaus Heuser. Vater Werner Heuser war Direktor der Kunstakademie, Mutter Mira Rethel (Enkelin des Malers Alfred Rethel) musisch begabt und eng befreundet mit den Theater-Legenden Louise Dumont, Gustav Lindemann und Gustaf Gründgens.

Auf Sylt lernten Heusers die Familie Thomas Manns kennen. Und ab diesem Sommer 1927 war ein deutscher Großschriftsteller entflammt und so nachhaltig von dem Jungen angetan, dass er dessen körperliche Merkmale auf die Figur des ebenfalls 17-jährigen „Joseph“ sprachkünstlerisch übertrug, vor allem im Kapitel „Von der Schönheit“.

Durch den kürzlich erschienenen Roman „Königsallee“ von Hans Pleschinski, der Thomas Manns und Klaus Heusers zeitgleichen Düsseldorf-Besuch im Jahr 1954 zum Anlass nahm, eine abermalige Begegnung zu schildern, kam der Düsseldorfer mal wieder ins Gespräch.

Sabine Benser-Reimann, von der Pleschinski viele Briefe und Fotos zur Verfügung gestellt wurden, glaubt nicht an eine reale Begegnung der beiden in Düsseldorf. „Meine Großeltern waren 1954 bei Thomas Manns Ehren-Empfang im Malkasten, Klaus Heuser aber sicherlich nicht.“ Dieser habe mit Kunst nicht besonders viel im Sinn gehabt, dafür ungewöhnliche Dinge getan.

„Wenn mein Onkel die Sommermonate in Europa verbrachte, reiste er mit dem Zug kreuz und quer ohne besondere Anlässe.“ Von ihm habe sie eine sonderbare Angewohnheit übernommen: „Wenn wir zusammen in Hongkong spazieren gingen, stibitzte er in jedem Café, an dem er vorbei kam, ein Zucker-Tütchen. „Das mache ich heute noch“, sagt sie verschmitzt.

Heuser sei dem eigenen Geschlecht wohl auch zugeneigt gewesen, sagt Benser-Reimann. Einmal habe das dramatische Konsequenzen gehabt: „In Sumatra wurde er einmal mit seinem Boy in flagranti erwischt und vor Gericht gestellt.“ Es gab ein halbes Jahr Hausarrest.

Seine letzten Monate verbrachte Heuser dann in Düsseldorf. „Er war starker Raucher und zuletzt sehr krank, und wir standen ständig in Telefonkontakt.“ Er habe dann in einem chinesischen Krankenhaus bei Hongkong gelegen. „Ich nahm ihn dann zu mir nach Düsseldorf“, sagt Benser-Reimann. Sechs Monate später, es war das Jahr 1994, sei Klaus Heuser, der den größten Teil seines Lebens fern von Europa verbracht hatte, in seiner Heimat gestorben.

“ In der Literaturhandlung Müller und Böhm im Heine Haus an der Bolkerstraße 53 steht ein Schaukasten mit Klaus Heusers römischer Geburtsurkunde, Briefen und vielen Fotos. Zu sehen ist auch seine Sammlung von asiatischen Streichholzschachtel-Bildchen.

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