Schuleingangsuntersuchungen: Kinderärztin: „Mangelnde Konzentrationsfähigkeit ist gravierender geworden“

Schuleingangsuntersuchungen : Kinderärztin: „Mangelnde Konzentrationsfähigkeit ist gravierender geworden“

Kinderärztin Renate Bredahl führt bei der Stadt Schuleingangsuntersuchungen durch. Sie gibt Tipps für die Eltern.

Frau Dr. Bredahl, gibt es noch die klassische Untersuchung der Schulreife bei Kindern?

Dr. Renate Bredahl: Nein, da hat ein echter Paradigmenwechsel stattgefunden. Der Begriff Schulreife ist aus dem Gesetzestext verschwunden. Die Untersuchung, die aber alle Kinder durchlaufen sollen, hat verschiedene Facetten. Anonymisiert müssen wir die Daten weitergeben, um zu erheben, in welchem Zustand die Kinder insgesamt sind. Für die Familien ist das aber im Hintergrund. Wir schauen, welche gesundheitlichen und sozialpädiatrischen Aspekte es in der Entwicklung des Kindes gibt und machen „schulrelevante Anmerkungen“ in unserem Gutachten, dessen Adressat die Schule ist. Etwa, in welchen Bereichen eine spezielle Förderung möglich wäre. Aber es bedarf nicht unserer Erlaubnis, damit das Kind in die Schule darf. Das steht ihm zu.

Wie läuft die Untersuchung in Düsseldorf ab?

Bredahl: Wir prüfen ab: Was kann das Kind schon. Bei uns gibt es drei Schritte — die Kinderkrankenschwester, den Sporttest und den Kinderarzt. Die Krankenschwester macht einen Seh- und Hörtest, schaut sich den Impfpass an und macht den ersten Teil des sozialpädiatrischen Entwicklungsscreenings — da werden Bilder gemalt, Zahlen- und Mengenwissen abgefragt, die Konzentrationsfähigkeit überprüft. Der Sporttest ist dann eine Besonderheit in Düsseldorf, weil er eine ganze Reihe motorischer Fähigkeiten abfragt. Die besten zehn Prozent werden für eine spezielle Förderung empfohlen. Wir schauen aber auch auf Größe und Gewicht. Dann geht es zur Kinderärztin, also zu mir. Die Eltern haben vorher einen Fragebogen bekommen, ich beginne dann mit der Anamnese, der Abfrage aller gesundheitlichen Informationen. Es folgt der zweite Teil des sozialpädiatrischen Screenings, aber auch etwa das Abtasten des Bauches und die Untersuchung des Rückens — und natürlich findet die ganze Zeit über eine Verhaltensbeobachtung statt. Dann geht es in die Beratung der Eltern.

Was für Tipps kann man Eltern geben, damit ihr Kind fit für die Schule wird?

Bredahl: Es kommt auf viele Dinge an. Kinder brauchen Bindung, eine authentische Umgebung, sie müssen mit anderen Kontakt aufnehmen, sich aber auch abgrenzen können. In aller Regel ist ein Kindergartenbesuch sinnvoll — und dabei wie auch zu Hause Regelmäßigkeit. Kinder müssen auch lernen, ihre Bedürfnisbefriedigung mal zurückzustellen. Der Fachausdruck ist „Vorläuferfähigkeiten“ — also Fähigkeiten, die sie befähigen, Unterrichtsinhalte später aufzunehmen und zu verarbeiten.

Wie ist Ihr Eindruck von den Kindern in Düsseldorf generell?

Bredahl: Im Großen und Ganzen geht es vielen Düsseldorfer Kindern gut — auch wenn sie eine chronische Erkrankung haben. Zum Beispiel Asthma. Da waren Kinder früher oft akut krank, mussten ins Krankenhaus. Das ist heute sehr viel weniger; die Krankheit wird gut behandelt, die Kinder können alles mitmachen. Das ist erfreulich. Auch das Problem Adipositas hat in den vergangenen Jahren stark nachgelassen — der Anteil der übergewichtigen Kinder ist seit der Jahrtausendwende von 16,5 auf elf Prozent zurückgegangen. Aber mangelnde Konzentrationsfähigkeit und verwandte Probleme sind schon gravierender geworden — und dass sicher auch durch den Verlust einer authentischen Umgebung und den Ersatz durch Medien.