„Karneval ist auch Kultur“

„Karneval ist auch Kultur“

Interview: Jürgen Hilger-Höltgen zieht seine persönliche Sessions-Bilanz und erinnert an die Ursprünge des Karnevals.

Düsseldorf. Herr Hilger-Höltgen, wie fällt Ihre Sessions-Bilanz aus?

Hilger-Höltgen: Für mich ist die Session super gelaufen. Ich hatte etwa 20 Auftritte und bin überall gut angekommen. Es hätten ein paar Auftritte mehr sein können, aber ich nehme viele Angebote nicht mehr an.

Hilger-Höltgen: Weil man in vielen Sälen nach 22 Uhr mit einer Büttenrede nicht mehr auftreten kann. Wenn ich als Fimmännchen in der Bütt stehe, dann erfordert das Zuhören und Mitdenken. Das funktioniert am besten in einem Saal mit 300 bis 400 Personen. Wenn 1000 Leute im Saal sind, ist das kaum noch möglich.

Hilger-Höltgen: Das spielt eine Rolle. Aber es sind auch die Präsidenten, die vor 22 Uhr ein oder zwei Redner ins Programm nehmen und danach sollen die Leute abfeiern. So erzieht man sich sein Publikum. Da geht aber etwas verloren. Nämlich das Bewusstsein, dass Karneval ein Stück rheinischer Kultur ist.

Hilger-Höltgen: Wir müssen uns an die Ursprünge des Karnevals erinnern. Es ging darum, der Obrigkeit den Spiegel vorzuhalten und Missstände anzuprangern. Wenn das nur in kleineren Sälen funktioniert, muss der Karneval sich eben gesundschrumpfen.

Hilger-Höltgen: Natürlich. Auch der Alkohol. Schon vor 550 Jahren wollte der Stadtrat in Ratingen den Karneval wegen seiner Auswüchse verbieten. Aber schon damals wurde an der Alkohol-Steuer verdient. Darum ist es nicht dazu gekommen.

Hilger-Höltgen: Es ist nicht so einfach, eine Büttenrede zu schreiben, gerade in Reimform. Man muss die Sprache lieben und mit ihr spielen. Außerdem muss man die Rede auch noch vortragen können. Das braucht seine Zeit, für mich war das in diesem Jahr die 39. Session. Da habe ich natürlich viel Erfahrung. Man muss auch klein anfangen können. Meine erste Gage waren drei Biermarken, Kartoffelsalat und Würstchen, dazu gab’s 20 Mark. Talent und Durchhaltevermögen gehören wohl auch dazu. Das alles kommt eben nicht so oft zusammen.

Hilger-Höltgen: Ich glaube ja, man muss nur bei der Themenwahl aufmerksam sein. Die Reise nach Mallorca beispielsweise funktioniert bei den meisten Jugendlichen nicht mehr. Ich kenne keinen Redner, der sich bislang mit Abchillen in der Disco beschäftigt hat. Oder mit den merkwürdigen Begegnungen, wenn man jemanden über das Internet kennengelernt hat. Meine Tochter könnte darüber ganze Bücher schreiben. Aber das ist eben nicht meine Welt und damit wäre das nicht authentisch.

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