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Kampf um das Sorgerecht: Gericht trennt Geschwister

Kampf um das Sorgerecht: Gericht trennt Geschwister

Bruder und Schwester wurden nach der Scheidung der Eltern aufgeteilt – die Trennung hat das Mädchen (15) krank gemacht.

Düsseldorf. Dreimal sackt das 15 Jahre alte Mädchen in einer halben Stunde bewusstlos in sich zusammen. In dieser halben Stunde soll sie über ihren Bruder sprechen.

Ein Thema, mit dem Beatriz (alle Namen der Familie von der Redaktion geändert) überhaupt nicht zurechtkommt. Seit vier Jahren lebt sie nicht mehr mit dem zwölfjährigen José zusammen.

2004 trennte das Gericht die Geschwister nach einem langen Streit der Eltern um das Sorgerecht: Beatriz kam zur Mutter, José zum Vater. Eine ungewöhnliche Entscheidung.

Seither leidet Beatriz unter Essstörungen, Depressionen - jetzt Ohnmachtsanfällen. Ärzte der Uni-Klinik haben bestätigt: Die Trennung vom Bruder macht die 15-Jährige krank.

Die Geschichte der Familie ist ein Drama - vor allem für die Kinder. Als Giovanna Moreira und Thilo Schubert sich trennten, blieben die Kinder zunächst bei der Mutter. Doch der Streit der Eltern eskalierte zu einem erbitterten Kampf um das Sorgerecht durch alle Instanzen.

Zurzeit laufen zwei Verfahren: Die Mutter hat den Vater wegen Kindesmisshandlung angezeigt, er sie wegen Kindesentzugs - Giovanna Moreira floh 2007 mit dem Sohn wegen der angeblichen Misshandlung in ein Frauenhaus.

Die Entscheidung des Familiengerichts, Beatriz und ihren Bruder José zu trennen, hat das Oberlandesgericht im Januar bestätigt. Giovanna Moreira will jetzt sogar vor das Bundesverfassungsgericht ziehen. "Eine Geschwistertrennung ist die absolute Ausnahme", sagt Stefan Coners vom Düsseldorfer Amtsgericht. Aber ein Sachverständigengutachten hat laut Oberlandesgericht 2004 gezeigt, dass der Junge eine engere Bindung zum Vater habe.

"Entscheidend ist das Kindeswohl", sagt Coners. Dazu gehört ihm zufolge allerdings auch, dass Kinder höchstens getrennt werden, wenn Vater und Mutter dies übereinstimmend wünschen. Im Fall Moreira-Schubert indes war abzusehen, dass eine Aufteilung des Sorgerechts auf die zerstrittenen Eltern auch Beatriz und José entzweien würde.

Mittlerweile ist für die Justiz kaum mehr zu ermitteln, was die Kinder wirklich wollen. Beteiligte gehen von einer massiven Beeinflussung der Kinder durch das jeweilige Elternteil aus. "Da wird es ganz, ganz schwierig", weiß Ina Schubert vom Projekt Kinderanwalt Till Eulenspiegel der Düsseldorfer Awo.

"Eltern können oft nicht zwischen der Eltern- und der Paarebene unterscheiden." Die Kinder würden dann gegen den Ex-Partner instrumentalisiert. Und letztlich in der Schlacht zwischen den Eltern aufgerieben. Aber selbst bei Fällen, in denen eine solche Manipulation nachgewiesen wurde, hat Schubert nie Konsequenzen wie etwa den Entzug des Sorgerechts erlebt: "Das Elternrecht ist sehr stark in Deutschland.

Das Problem: Ein Kind hat immer ein Recht darauf, beide Eltern zu sehen - ein ausdrückliches Umgangsrecht mit Geschwistern hingegen gibt es nicht. Der Kontakt von Geschwistern läuft nur über die Eltern. Bei den Moreira-Schuberts ist das schwierig: José will seine Mutter nicht sehen, Beatriz den Vater nicht. Unklar ist, wie weit die Eltern jeweils für diese Ablehnung verantwortlich sind.

"Eine Form von psychischer Gewalt", nennt Diana Goldermann-Wolf vom Kinderschutzbund Düsseldorf den Zwang, sich mit einem Elternteil zu solidarisieren. Letztlich bleibe nur, zu hoffen, dass sich die Kinder vom Kampf ihrer Eltern emanzipieren. José und Beatriz etwa sind alt genug, sich ohne die Eltern zu treffen.

Beatriz hat über ihre Mutter inzwischen einen Antrag auf Umgangsrecht mit ihrem Bruder beim Amtsgericht gestellt. Auch das Jugendamt hat sich eingeschaltet. Amtsleiter Johannes Horn will vom Kinderschutzbund betreute Treffen für die Kinder arrangieren: "Wir bereiten alles vor." Mitspielen müssen dann allerdings wieder Giovanna Moreira und Thilo Schubert. Die beste Lösung sieht für Diana Goldermann-Wolf anders aus: "Letztlich müssen die Eltern erkennen, dass sie für diese Situation verantwortlich sind."