Kafka-Romane als multimediales Kammerspiel

Kafka-Romane als multimediales Kammerspiel

Philipp Hochmair hat zum Finale des Asphalt-Festivals aus „Amerika“ und „Der Prozess“ gelesen. Der Termin fürs nächste Asphalt-Festival steht schon fest.

Düsseldorf. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben“ — so lautet einer der berühmtesten Roman-Anfänge der neueren Literaturgeschichte. Die Worte wirken wie der Beginn einer langen Zündschnur, an deren Ende sich ein Sprengkörper unbekannten Ausmaßes befindet. Franz Kafkas Roman „Der Prozess“ spannt den Leser über lange Strecken auf die Folter, erfährt er doch nie mehr als der überrumpelte Josef K. selbst. Schauspieler Philipp Hochmair macht beim Asphalt-Festival die Kafka-Romane „Amerika“ und „Der Prozess“ an zwei Abenden zum Kammerspiel für einen Sprecher.

Foto: Ralf Puder (3), Nana Franck

Die Bühne der Glashalle des Weltkunstzimmers an der Ronsdorfer Straße besteht im Wesentlichen nur aus einem antiken Schreibtisch mit Tischlampe. Und die Grundstruktur der Abende ist die einer Lesung. Doch Hochmair liest nicht einfach ab, sondern spielt auf subtile Weise Theater. Die Manuskriptblätter sind kaum mehr als Requisite. Denn der Schauspieler spricht so frei und benötigt so wenig Licht und Ordnung auf seinem Pult, dass bald klar wird, wie gut er den Text auswendig kennt.

Foto: Ralf Puder (3), Nana Franck

Multimedial ist die Performance. Hochmair spricht größtenteils ohne Mikrofon. Doch sobald ein Polizeibeamter oder eine andere Figur außer Erzähler oder K, zu Wort kommen, nutzt der Schauspieler doch die künstliche Ton-Verstärkung, vielleicht um eine gewisse Überlegenheit der Anderen elektroakustisch zu suggerieren. Zum Einsatz kommt auch ein Diaprojektor mit Bildern, die zu einzelnen Kapiteln passen. Zum Beispiel erscheint ein altfränkisch anmutendes Gruppenbild mit lachenden Herren im Anzug an einem länglichen Tisch. Das sollen die Banker-Kollegen des Herrn K. sein, die sich womöglich - so die anfängliche Hoffnung - nur einen schlechten Scherz mit der Verhaftung erlaubt haben.

Foto: Ralf Puder (3), Nana Franck

Aus dem Lautsprecher kommen unterdessen Geräusche wie von einem Motor, der ewig nicht anspringen will oder vom unermüdlichen Messerschleifen. Alle Klänge verbreiten das Gefühl von bedrohlicher Ausweglosigkeit, also von etwas, was man eben als „kafkaesk“ bezeichnen kann. „Der Aufseher ruft Sie!“ - gehört zu den herben Sprüchen, die im Roman eine betont ungemütliche Stimmung verbreiten und die jetzt von Hochmair im Befehlston ausgesprochen werden. Auch andere Sätze, die den Ernst der Lage charakterisieren, kommen vor: „Machen Sie nicht solchen Lärm mit den Gefühlen Ihrer Unschuld“, schallt es dem um Aufklärung bittenden Häftling entgegen.

Das langsame Zerbrechen des Protagonisten kommt in diesem theatralischen Roman-Querschnitt voll zum Ausdruck. Typisch für diesen Vorgang sind Sätze wie: „Verachtung gegenüber dem Prozess galt nicht mehr.“ Und im Raum stehen bleibt bis zuletzt die Fragen nach dem Richter und der Schuld. Hochmair zelebriert dies alles sehr pointiert. Auch die Textauswahl überzeugt, da trotz Kürzung der rote Faden erhalten bleibt. Und es treten auch Schwächen zutage, die aber weniger mit der Präsentation zu tun haben als mehr mit Kafkas Erzählkunst, die ja unbestreitbar fein und differenziert Situationen und Befindlichkeiten beleuchtet. Doch Kafkas Handlung wirkt ein wenig konstruiert und monochrom. Gleichwohl: ein eindrucksvoller, nicht alltäglicher Theaterabend. Kräftiger Beifall.

Das Asphalt-Festival ist mit dem Kafka-Abend zu Ende gegangen. Doch der Zeitrahmen für die nächste Ausgabe steht bereits: 11. bis 21. Juli 2019.

www.asphalt-festival.de