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Jugendamtselternbeirat: „Den Düsseldorfer Eltern reicht es jetzt“

Interview : Jugendamtselternbeirat: „Den Düsseldorfer Eltern reicht es jetzt“

Unklare Perspektive, wenig kreative Konzepte: Düsseldorfer Kita-Eltern kritisieren das Vorgehen bei der Wiederöffnung der Kitas.

Michail Knauel ist als Vorsitzender des Jugendamtselternbeirats Sprecher der Düsseldorfer Kita-Eltern. Er kritisiert das Vorgehen bei der Wiederöffnung der Kitas und gibt damit die Stimmung vieler berufstätiger Eltern wieder, die nach diesem Konzept immer noch keine verlässliche Perspektive haben.

Der Landeselternbeirat NRW hat das Vorgehen bei der Wiederöffnung der Kitas in einem Brandbrief an die Landesregierung scharf kritisiert. Er nannte das Konzept eine schallende Ohrfeige. In einem Video sagen Eltern aus NRW, dass es Ihnen reicht. Ihnen auch?

Michail Knauel: Vielen Eltern, die ich kenne, geht es so. Ich persönlich bin nicht so betroffen, weil ich in einem systemrelevanten Beruf arbeite. Meine Freunde aber beispielsweise betreuen die Kinder zu Hause im Schichtdienst, damit beide arbeiten können. Dass das kein Modell ist, das dauerhaft funktionieren kann, ist jedem schnell klar. Das Ganze geht schon seit mindestens sieben Wochen so.

Wie ist denn die Stimmung bei den anderen Düsseldorfer Eltern?

Knauel: Bis vor Kurzem war es überraschend ruhig. Sie haben vieles mitgetragen, vieles für sinnvoll erachtet. Aber jetzt ist ein deutlicher Stimmungsumschwung zu spüren. Den Düsseldorfer Eltern reicht es. Wir beteiligen uns an Demos und fordern klare Aussagen von der Politik.

Was genau kritisieren Sie am Konzept?

Knauel: Der Hauptpunkt, warum wir Eltern über das Konzept so entsetzt sind, ist die unklare Perspektive. Zuletzt hat Familienminister Stamp seine vorher getätigten Aussagen, dass alle Kinder vor den Schulferien ein bis zwei Tage die Kita besucht haben sollen, zwar abgemildert und betont, das sei das Minimum. Aber damit kann man halt trotzdem ganz schlecht planen. Jedes Kind hat das Recht, regelmäßig seine Freunde zu sehen und in der Kita gefördert zu werden und nicht nach drei Monaten zwei Mal im Juni und dann wieder zwei Monate nicht.

Konkret sind ja die Punkte, dass aktuell Vorschulkinder mit Förderbedarf in die Kita gehen und ab dem 28. Mai alle Vorschulkinder in die Kitas zurückkehren.

Knauel: Richtig. Und dann wird es unkonkret. Wenn Eltern nur ein Vorschulkind haben, könnten sie mit dieser Perspektive, ab kommender Woche wieder eine Betreuung zu haben, sehr zufrieden sein. Für Eltern, die aber ein Vorschulkind und ein jüngeres Kind haben, sieht es schon wieder anders aus. Denn dann müssen sie das jüngere Kind ja bis September dennoch weiter zu Hause betreuen. Und dann fehlt sogar auch noch das Geschwisterkind als Spielkamerad, was das Arbeiten zu Hause für Eltern nicht unbedingt leichter machen wird.

In Berlin gibt es den Ansatz, dass Geschwisterkinder mit berücksichtigt werden. Ist das hier nicht angedacht?

Knauel: Das gibt es in NRW bisher nicht. Für die jüngeren Kinder gilt bisher, dass sie im Juni mindestens zwei Tage in die Kita gehen können. Inwiefern das den Familien weiterhelfen soll, weiß ich auch nicht. Denn sinnvoll erscheint es mir nicht, dass ein Kleinkind nach zwei Monaten zu Hause zwei Mal in die Kita gehen darf und dann wieder zu Hause ist, weil sich die Kita ja in die „Sommerpause“ verabschiedet.

Sie meinen, auf die Schließungszeiten sollte verzichtet werden?

Knauel: Ich habe vollstes Verständnis dafür, dass Erzieher in diesem Zeitraum ihren Urlaub gebucht haben und es arbeitsrechtlich sicher schwierig ist, das rückgängig zu machen. Aber wir Eltern haben auch den Urlaub gecancelt, um unsere Kinder betreuen zu können. Deshalb ist mein Verständnis, dass die Kita Ende Juni, nach 14, 15 Wochen Betreuung zu Hause wieder schließt, doch sehr begrenzt.

Jetzt führt die Landesregierung ja auch Gründe an, weshalb die Öffnung der Kitas schrittweise ablaufen muss. Wegen des Infektionsrisikos des in der Kita tätigen Personals oder auch der eingeschränkten Raumkapazitäten. Was ist Ihr Gegenvorschlag?

Knauel: Ich hätte mir zunächst einmal gewünscht, dass die Eltern nach ihrem tatsächlichen Betreuungsbedarf gefragt worden wären. Auf dieser Datengrundlage hätte man weiterplanen können. Wie viel Personal eingesetzt werden muss und ob zusätzliche Räume benötigt werden. Klar ist, dass weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen als ohnehin schon, weil einige zur Risikogruppe zählen und ausfallen. Viele Eltern erwarten mit Sicherheit nicht, dass ihre Kinder aktuell ausschließlich von ausgebildeten Erziehern betreut werden.

Sondern?

Knauel: Es gäbe doch sicherlich die Möglichkeit, weiteres Betreuungspersonal zu akquirieren – Kinderpflegerinnen, Studenten, Bundesfreiwilligendienstleistende, Sporttrainer. So könnten die Gruppen verkleinert werden und jeweils eine Gruppe könnte von einer Fachkraft und einer Hilfskraft betreut werden. Allein schon, wenn Kitas zur Desinfektion der Einrichtungen keine Erzieher einsetzen müssten, sondern dort anderes Personal einsetzen könnten, würde das die Situation entzerren. Und auch räumlich hätte man weiterdenken müssen: Gemeindesäle und Turnhallen stehen leer. Wälder stehen zur Verfügung. Dass solche Konzepte nicht entwickelt wurden, enttäuscht.

Noch mal zurück zum Gesundheitsrisiko. Es heißt, kleine Kinder verstehen keine Abstandsregeln, brauchen die Nähe. Ist das Personal in Kitas Ihrer Meinung nach systemrelevant, in dem Sinne, dass es sich dem Gesundheitsrisiko aussetzen muss?

Knauel: Wenn von den Eltern erwartet wird, dass sie wieder arbeiten gehen und die Wirtschaft am Laufen halten, dann ist das Personal in Kitas systemrelevant, ja. Der Punkt, der immer wieder zu kurz kommt in der öffentlichen Debatte ist, dass Studien belegen, dass Kinder gar nicht so infektiös sind, wie oft behauptet wurde. Natürlich wird von keiner Erzieherin einer Risikogruppe erwartet, dass sie die kleinen Kinder betreut, aber von einer Erzieherin ohne Vorerkrankungen muss das schon erwartet werden. Schließlich läuft seit Donnerstag ja auch die Tagespflege wieder. Und das ist im Prinzip die Gruppe Kleinkinder, die in der Kita zurzeit nicht betreut wird. Da ist der Verweis, dass die Kleinkinder so gefährlich für die Erzieher wären, nicht statthaft in meinen Augen.

Wie groß ist der Leidensdruck der Düsseldorfer Eltern?

Knauel: Einige Familien bringt die Situation an den Rand ihrer wirtschaftlichen Existenz. Gerade wenn Eltern auf zwei Einkommen angewiesen sind, und das ist in Düsseldorf bei den hohen Lebenshaltungskosten nicht unwahrscheinlich. Ein paar Wochen kann man immer irgendwie managen, aber wenn es nun heißt, dass erst ab dem 1. September wieder eingeschränkter Regelbetrieb in den Kitas losgehen soll – und es ist nicht mal definiert, was das genau bedeutet - ist das für Eltern schon niederschmetternd. Von immer mehr Eltern wird mittlerweile erwartet, dass sie ins Büro zurückkommen und ihr normales Arbeitspensum erfüllen. Aber das geht nun mal nicht, wenn sie kleine Kinder zu Hause haben. Die Hälfte der Eltern mit Kitakindern hat keine Perspektive, wie es genau weitergeht. Und damit können sie auch dem Arbeitgeber nicht konkret zusichern, wann sie wieder voll einsatzfähig sind.

Wie ist ihre private Situation?

Knauel: Wir sind kurz vor der Kitaschließung zu meinen Eltern ins Sauerland gezogen. Die Kinder hatten vorher schon engen Kontakt zu den Großeltern, so dass sie sich eh schon angesteckt hätten. Die Kinder haben hier einen Garten im Gegensatz zu unserer Düsseldorfer Wohnung. Auch sie haben seit acht Wochen kein anderes Kind gesehen, können aber glücklicherweise von den Großeltern betreut werden, während wir Eltern arbeiten. Ende Mai werde ich wieder ins Büro müssen, dann ziehen wir nach Düsseldorf zurück. Und meine sechsjährige Tochter wird dann auch wieder in die Kita gehen. Für unsere jüngere Tochter werden wir wohl ab diesem Zeitpunkt die Notbetreuung in Anspruch nehmen müssen.