Jenseits des Starkults: Das Kraftwerk-Mysterium

Jenseits des Starkults: Das Kraftwerk-Mysterium

Trotz weltweiter Berühmtheit ist kaum etwas über Kraftwerk bekannt. Nur einige wenige Interviews gab Mitgründer Ralf Hütter in mehr als 40 Jahren Bandgeschichte. Eine Annäherung.

Düsseldorf. Umgeben von Nachtclubs, leerstehenden Ladenlokalen und Spielotheken ging einem Musikjournalisten aus Indien plötzlich das Herz auf. Das müsse er zu Hause allen erzählen — dass er tatsächlich hier war. „Hier“ ist in diesem Fall die schmutzig-beige Häuserfront an der Mintropstraße 16. Im Hinterhof befand sich bis Anfang des Jahrtausends das Kling-Klang-Studio, der Proberaum der Band Kraftwerk. Auch in Bombay sei die Gruppe eine große Nummer, sagte der Journalist, der vergangenen Sommer mit Kollegen aus Brasilien, China und den USA vom Auswärtigen Amt zu einer Deutschland-Reise für Musikjournalisten angetreten war. Ein Höhepunkt: Auf den Spuren von Kraftwerk durch Düsseldorf. Und das, obwohl es fast keine gibt.

Trotz eines kaum hoch genug einzuschätzenden Einflusses auf die Entwicklung der elektronischen Popmusik, internationalen Erfolgs und weltweiter Berühmtheit ist nur wenig über Kraftwerk bekannt, auch in der eigenen Stadt. Es folgt der Versuch, ein wenig Licht ins Dunkle des Kraftwerk-Mysteriums zu bringen.

Dass das nicht so einfach ist, hatte im Jahr 2003 ein Reporter des Guardian erfahren müssen. In einem Düsseldorfer Fahrradladen fand er lediglich heraus, dass dem mittlerweile ausgestiegenen Bandmitgründer Florian Schneider zu dieser Zeit ein Renn- und ein Klapprad gehörte. Ansonsten fand er nichts.

Und das ist gewollt. Dem Starkult des Pop setzt Kraftwerk Entpersonalisierung entgegen und Konzentration aufs Werk. Auf der Bühne stehen die vier Musiker uniformiert nebeneinander, versteckt hinter ihren Pulten, keine Miene verziehend und mittlerweile in einer 3D-Installation nahezu verschwindend. Zudem gab nur der heute 66 Jahre alte zweite Bandgründer Ralf Hütter in den mehr als 40 Jahren Bandgeschichte einige wenige Interviews, und ließ sich dabei auch schon mal wie auf der Bühne von einem ihm ähnlich sehenden Roboter vertreten. Die Antworten hatte Hütter vorher programmiert. Privates blieb ausgeklammert.

Eine Interview-Anfrage der WZ bei der Kling Klang GmbH für diesen Artikel blieb ohne Antwort.

Einen tieferen Einblick in die Arbeits- und Lebensweise der Bandmitglieder gewährte 1999 erst Wolfgang Flür mit seinem Buch „Ich war ein Roboter“, gegen dessen Veröffentlichung Schneider und Hütter erfolglos prozessierten. Seit 2004 darf das Buch an wenigen Stellen überarbeitet wieder erscheinen.

13 Jahre lang trommelte Flür für Kraftwerk. Die Gründer Schneider und Hütter hatten ihn 1973 engagiert. Mit Karl Bartos, der wie Schneider an der Robert-Schumann-Hochschule studiert hatte, sollte er die kreativste Zeit der Band mitprägen. In seinem Buch verriet der heute 65-Jährige nicht nur den Standort des Kling-Klang-Studios, den nur wenige Freunde der Band kannten, sondern schilderte auch, wie dort gearbeitet wurde: So löteten sich Flür und Schneider beispielsweise aus einer simplen Rhythmus-Box ein erstes elektrisches Schlagzeug zusammen.

Und wenn Kraftwerk bei Live-Auftritten unnahbar und unterkühlt erscheint, schildert Flür, wie die Bandmitglieder privat das Leben in vollen Zügen genossen. Sie kauften teure Autos. Sie feierten wilde Partys in Hütters und später Flürs Wohnung an der Berger Allee 9 und im Haus des Stararchitekten Schneider-Esleben — natürlich nur, wenn der Vater von Florian auf Reisen war — sowie in einschlägigen Szeneläden: dem „Rockin’ Eagles“ an der Talstraße, dem „Malesh“ (später „Checkers“) an der Königsallee und dem „Mora“ an der Schneider-Wibbel-Gasse. Ein Kellner dieser Diskothek schaffte es sogar in den erfolgreichsten Song der Band „Das Model“. Und zwar mit seinem Begrüßungsspruch „Sekt? Korrrrrekt!“ Laut Flür lud die Band den Kellner ins Studio ein, weil er die Schicki-Micki-Szene Düsseldorfs so gut auf den Punkt gebracht hatte.

Den Text für den Song schrieb übrigens Beuys-Schüler Emil Schult, der eng mit der Band befreundet war, auch in der Wohnung an der Berger Allee lebte und schon das Cover für das Album „Autobahn“ gestaltet hatte. Schult, der noch heute in Düsseldorf lebt, soll unsterblich in ein Model verliebt gewesen sein, das in der Szene der Reichen und Schönen verkehrte.

Doch bei Flür wich die anfängliche Euphorie zunehmend. Er berichtete, dass er als Angestellter der Band nur wenig Geld verdiente. Und während Hütter und Schneider mit wohlhabenden Elternhäusern im Rücken auf Tour in den besten Hotels abstiegen, mussten für Flür und Bartos beispielsweise 1975 in New York Mittelklasse-Häuser reichen.

Zudem klagte Flür, dass zu Beginn der 80er Jahre die Fantasie immer mehr auf der Strecke blieb. Er unterstellte Hütter und Schneider sogar, dass sie sich mittlerweile mehr fürs Radfahren interessierten als für die Musik. Tatsächlich fuhren die beiden sogar Tour-de-France-Etappen nach. Vor allem aber warf er Hütter und Schneider mangelnde Empathie ihren Angestellten gegenüber vor, eben Bartos und ihm selbst. Hütter habe Kraftwerk wie „eine kapitalistische Firma geführt, mit ihm als Präsident und Florian als Vize.“

Ein Zweiklassen-System in einer Band also? Ob Hütter und Schneider ihre Musiker tatsächlich schlecht bezahlten oder in den langen Pausen zwischen den Alben in der Luft hängen ließen, lässt sich schwer beurteilen. Ebenso die Frage, ob in Flürs Einschätzung auch eine gewisse Eifersucht auf die Bandgründer eine Rolle spielte.

Von einem anderen Weggefährten Hütters und Schneiders hört man jedenfalls andere Töne. Der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer hatte die beiden bereits in den 60er Jahren in seiner Galerie in Krefeld kennengelernt und engen Kontakt gehalten. „Ich habe immer die liebenswerte Bescheidenheit an den beiden geschätzt“, sagt er. Auch wenn sie ihre Jugend inklusive Luxus voll ausgelebt hätten. Neben gemeinsamen Abenden im früheren Altstadt-Szeneladen „Creamcheese“ erinnert sich Mayer vor allem an die Weltpremiere der 3D-Installation von Kraftwerk.

Zur Wiedereröffnung von Mayers Galerie am Grabbeplatz vor knapp anderthalb Jahren hatte Hütter das 25-minütige Video per Beamer auf die Außenwand des K 20 geworfen. Mayer bat ihn deshalb um eine kurze Rede. Hütter lehnte aber ab, und mischte sich lieber wie Florian Schneider, der mit dem Fahrrad vorfuhr, weitgehend unerkannt unters überraschte Publikum. Denn die Aktion hatte wegen Sicherheitsbedenken der Stadt geheim bleiben müssen.

Alles andere als einen kühl kalkulierenden Kapitalisten lernte auch Kunstsammlungsdirektorin Marion Ackermann kennen. Hans Mayer hatte sie zu Verhandlungen über die Konzertreihe mit ins neue Kling-Klang-Studio in Osterath genommen. Damit zählt sie zu den wenigen Eingeweihten, die den genauen Ort kennen und hinein durften.

„Wir haben uns auf Anhieb prächtig verstanden. Ich habe Ralf Hütter vor allem als kunstbegeisterten Menschen kennengelernt, auch wenn er sicher einen perfekten Umgang mit der Marke Kraftwerk pflegt.“ Vor allem über Künstler des Konstruktivismus wie Kandinsky, Mondrian und Malewitsch hätten sie sich intensiv ausgetauscht, über deren Fortschrittsgläubigkeit und Parallelen zum Ansatz von Kraftwerk.

Zudem verweist Ackermann auf die Herkunft der Band aus der Kunstszene. Nicht zufällig fand eines der ersten Konzerte der Band in der Kunsthalle statt, die Bechers fotografierten für Albumcover und Beuys war ein Fan der ersten Stunde. Auch für die Konzerte in Düsseldorf habe Hütter nun die Nähe zur klassischen Moderne und Gegenwartskunst gesucht und so das K 20 dem K 21 vorgezogen, da sich dort der Kern der Sammlung befindet. Zudem zog Hütter die zwölf Meter Hohe Grabbehalle der ihm zu gewöhnlich erscheinenden Kleehalle vor — obwohl dort deutlich mehr Menschen hineingepasst hätten. „Wichtig war Kraftwerk die möglichst perfekte Inszenierung von Klang und Bild im Raum“, sagt Ackermann.

Allerdings habe Hütter gezögert, überhaupt Konzerte in Düsseldorf zu spielen. Laut Szenekennern ist sogar die Aussage von Hütter überliefert, dass Kraftwerk in Düsseldorf eigentlich nie gewollt wurde. Auch Flür hatte das in seinem Buch so gesehen, angesichts ausverkaufter Häuser in zahlreichen Ländern und einer nur halbgefüllten Philipshalle im Jahr 1981. Der Prophet galt offenbar nichts in der eigenen Stadt.

Mittlerweile scheinen die Düsseldorfer Kraftwerk jedoch ins Herz geschlossen zu haben. Die Konzerte waren wie im New Yorker Museum of Modern Art und in der Londoner Tate Modern in wenigen Minuten ausverkauft.

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