Düsseldorf: Jean-Michel Jarre: „Der kreative Prozess ist wie eine Sucht“

Düsseldorf: Jean-Michel Jarre: „Der kreative Prozess ist wie eine Sucht“

Jean-Michel Jarre ist einer der Erfinder der elektronischen Musik. Bald ist er im Dome zu erleben.

Düsseldorf. Jean-Michel Jarre gehört zu den Erfindern der elektronischen Musik. Am 22. Oktober tritt er im Rather Dome auf und präsentiert seine Hits ebenso wie seine aktuellen Alben „Electronica 1 & 2“. Bei einem ersten Kurzbesuch in Düsseldorf wenige Wochen zuvor sprachen wir mit Jean-Michel Jarre über Kraftwerk, Sucht, Unterhaltungsmusik und Whistleblower.

Herr Jarre, sie stellen in Düsseldorf ihre „Electronica“-Alben vor, auf denen sie mit zahlreichen Stars der Elektroszene zusammenarbeiteten. Ausgerechnet die hiesigen Lokalmatadore Kraftwerk aber waren nicht dabei. Haben Sie Ralf Hütter telefonisch nicht erreicht?

Jean-Michel Jarre: Wissen Sie: Das Werk dieser wunderbaren Band ist sehr eigen. Kraftwerk konzentrieren sich eher auf ihren bestehenden Musikkatalog und verfolgen ein museales Konzept. Sie befinden sich in keinerlei Kollaboration mit anderen Künstlern, betreiben ihre eigene musikalische Evolution und haben seit langer Zeit keine neue Musik mehr hervorgebracht. Das ist vollkommen in Ordnung und ich bewerte das auch nicht. Dazu habe ich kein Recht. Zudem ist auch das eine Form der Kunst. Aber deshalb kamen sie als Partner für mich von vornherein nicht in Frage.

Könnten Sie das denn auch: Irgendwann keine neue Musik mehr aufnehmen und wie Kraftwerk einfach nur das eigene, sattsam bekannte Material verwalten?

Jarre: Nein. Für mich ist der kreative Prozess wie eine Sucht. Ich habe keine andere Chance, als immer wieder neue Musik aufzunehmen.

Von was sind Sie denn sonst noch abhängig — außerhalb der Musik?

Jarre: Von so Einigem. Von gutem Wein, von Bowling, von japanischem Essen. Von vielen alltäglichen Dingen. Aber das ist etwas Anderes. Diese Sucht, die ich bezüglich der Musik habe, bedeutet: Ich habe keine Wahl. Ich muss kreativ sein. Ein Glas Wein kann ich immer noch ablehnen, meine Berufung nicht. Das fordert manchmal Entbehrungen: Als ich die „Electronica“-Alben aufnahm, habe ich mehr Zeit mit Instrumenten verbracht, als mit Menschen. Das war schon eine besondere Situation.

Sie sprechen es an: Elektronik-Musiker sind meist auf sich allein gestellt. Haben Sie je in einer Band gespielt?

Jarre: Oh ja. Als Teenager war ich in mehreren Rockbands. Also kenne ich auch das. (lacht) Aber Sie haben recht: Der kreative Prozess eines Elektro-Musikers ist eher wie der eines Schriftstellers oder eines Malers, der in seinem Atelier arbeitet — man ist meist alleine.

Dann muss die Arbeit an „Electronica“ für Sie ja wie ein Schock gewesen sein: Auf einmal waren da viele andere um Sie herum — und dann auch noch Ikonen der Elektro-Szene wie Moby, die Pet Shop Boys oder Vince Clarke von Depeche Mode und Erasure.

Jarre: Und genau das war der Sinn. Ich habe mir Künstler herausgesucht, ältere und jüngere, die ich vielleicht ebenso inspiriert habe, wie sie mich inspiriert haben. Ich fand die Vorstellung, unsere musikalische DNA miteinander zu verknüpfen, ungemein spannend. Von jeder Seite sollten 50 Prozent in den Songs stecken. Und auch wenn ich viel Zeit im Studio verbracht habe, ging es mir letztlich doch vor allem um den direkten Kontakt. Um Treffen und Kennenlernen. Um Händeschütteln. Ich wollte nicht nur Dateien und Files mit Musik per E-Mail herumschicken. Ich wollte jeden Künstler persönlich treffen.

Das hört sich wiederum nach einer Menge Aufwand an…

Jarre: Nun ja, ich habe fünf Jahre an „Electronica“ gearbeitet und bin viel gereist, bis ich den finalen Cut machte und wusste: Ja, das ist es!

Ihre Kollaborationspartner sind, wie Sie, allesamt Alphatiere in Sachen Musik. Hand aufs Herz: Wer hatte das letzte Wort bei den Aufnahmen?

Jarre: Es war Teil aller Vereinbarungen, dass ich das letzte Wort habe. Aber ich denke, das ist normal, wenn man eingeladen wird, an einem solchen Projekt mitzumachen.

Und alle Künstler, die Sie anfragten, sagten sofort zu?

Jarre: Ja. Bis auf John Carpenter. John sagte, er müsse erst einen Film drehen — und meldete sich dann acht Monate später von sich aus zurück. Einer der beteiligten Menschen war seltsamerweise der US-Whistleblower Edward Snowden.

Wurden Sie vor oder nach den Gesprächen mit ihm vom US-Geheimdienst kontaktiert?

Jarre: Ja, und wir werden gerade wahrscheinlich abgehört. (lacht)

Ernsthaft: Warum wollten Sie ihn dabei haben. Er hat mit Musik nun gar nichts zu tun.

Jarre: Bei Edward Snowden ging es mir um das Verhältnis, das wir heutzutage zur Technologie haben. Auf der einen Seite haben wir den eigenen Blick stets auf unser Smartphone gerichtet und bewegen uns dauernd im Internet. Auf der anderen Seite kümmert es uns aber gar nicht, was das für Folgen hat und was mit unseren Daten geschieht. Genau das hat Snowden in Frage gestellt.Aber: Er hat die moderne Technologie dabei nicht verteufelt, sondern einfach nur den Umgang damit kritisiert. Und das imponiert mir. Ich traf ihn in Moskau und muss sagen, er ist ein toller Mensch. Er hat all das, was er getan hat, für seine Heimat und für die Menschen dort getan. Also ist er ein Held und sollte nicht von den drei größten Geheimdiensten der Welt gejagt werden. Zudem liebt er elektronische Musik. Und gemeinsam haben wir seinen Song in einem hektischen Stil gehalten, um die Geschwindigkeit zu symbolisieren, mit der wir uns heutzutage technologisch bewegen und mit der wir elektronisch kommunizieren. Das ist eine schöne Geschichte.

Und ein gutes Stichwort: Kann man mit elektronischer Musik, die ja meist instrumental ist und keine Texte hat, überhaupt richtige Geschichten erzählen?

Jarre: Natürlich! Hören Sie sich andere instrumentale Werke an: die Neunte von Beethoven etwa. Oder „Sketches Of Spain“ und „Kind Of Blue“ von Miles Davis. Das sagt doch alles!

Eine gute Erklärung. Erklären Sie uns doch bitte auch noch, warum Sie in den 70er Jahren ihre Erfolgsalben „Oxygene“ und „Equinox“ ausgerechnet zu einer Zeit aufnahmen, als Punk das große Ding war.

Jarre: Es hat mich einfach nicht gekümmert, was es sonst noch gab. Ich habe die Musik gemacht, die ich machen wollte.

Sie mögen also keinen Punkrock?

Jarre: Doch, durchaus. Ich mag Punk genauso wie ich Sushi mag. Was heißen soll: Ich bin in beiden kein Spezialist. Ich kann weder japanisch kochen noch Punk spielen. Aber ich weiß beides mitunter zu schätzen. Was ich allerdings richtig liebe, das ist Jazz. Denn Jazz dreht sich vor allem um Sounds. Nicht um Songs, sondern um Klänge. Jazzer sind verrückt danach, die Klangmöglichkeiten ihrer Instrumente auszuloten. Daher fühle ich mich ihnen sehr verbunden.

Herr Jarre, wo Sie gerade in Düsseldorf sind: Wer ist denn nun der Erfinder der elektronischen Musik? Sie oder Kraftwerk?

Jarre: Ach, wissen Sie, es geht hier nicht um einen Wettbewerb. Es geht um Gemeinsamkeiten. Und die haben wir — die Mitglieder von Kraftwerk und ich entstammen alle derselben Generation. Und beide Seiten verstehen sich als Architekten von Sounds und Klängen.

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