1. NRW
  2. Düsseldorf

Ja, hier geht es um eine Darmspiegelung

Ja, hier geht es um eine Darmspiegelung

Bevor Sie wegklicken: Geben Sie diesem zu Unrecht tabuisierten Thema eine Chance. Ein Erlebnisbericht — garantiert ekelfrei.

Düsseldorf. Warum muss ich jetzt an einem stinknormalen Freitag an Martin Luther denken. Hier stehe ich, ich kann nicht anders, soll Luther mal gesagt haben. Nun gut, ich stehe nicht, sondern ich liege und stinknormal ist der Freitag auch nicht, sonst läge ich nicht hier. Ich könnte auch anders, denn hier auf der Liege liege ich freiwillig. Ganz freiwillig wohl doch nicht. Ziemlich viele haben Psycho-Druck ausgeübt: Meine Ehefrau, Töchter, Freunde, Nachbarn und alle, die es schon hinter sich haben und es gut mit mir zu meinen glauben. Auch Krankenkassen und Apothekenumschau rühren die Werbetrommel ganz rührig. Es geht um ein Tabuthema unterhalb der Gürtellinie. Die darf ja bekanntlich nur Karneval unterschritten werden. Jetzt haben wir den Monat Mai, der bekanntlich alles neu macht, bei mir auch den Darm. Sorry, jetzt ist es raus. Ich wollte eigentlich den Begriff so verdrängen, wie es viele tun, und das trotz des sympathischen Bestsellers „Darm mit Charme“.

Ja, hier geht es um eine Darmspiegelung
Foto: Sergej Lepke

Jetzt kann ich ja verraten, warum ich hier liege und nicht mehr anders kann: Es geht um meine Darmspiegelung. Dem wichtigsten Vorsorge-Element gegen Darmkrebs. Noch liege ich und habe Zeit. Meine Enkelin hat mich gefahren und holt mich auch wieder ab, denn bis 18 Stunden nach der Untersuchung ist die Fahrtüchtigkeit eingeschränkt. In der Praxis bin ich beim Empfang freundlich und unaufgeregt empfangen worden. Möchten Sie noch vorher auf Toilette gehen? Gute Idee, aber es bringt nicht viel. Der Darm ist leer und die Blase erklärt sich wohl solidarisch und gibt auch nicht mehr viel preis.

In der Kabine lege ich auf Wunsch der Arzthelferin meine Unterbekleidung ab. Die Strümpfe darf ich anlassen. So kommt man sich nicht ganz so entblößt vor. Dafür stellt die Praxis im Austausch ein anderes interessantes Kleidungsstück zur Verfügung. In Geschäften auf der Kö habe ich es bislang noch nicht gesehen. Es ist eine leichte Sportshort in einem tiefen Marineblau. Modischer Clou: der Schlitz ist hinten. Also wohl eine Art Unisex-Hose. Ohne Markenlabel aber eine nette Geste des Hauses für seine Gäste.

Es herrscht eine gedämpfte Atmosphäre. Die Sonnenrollos sind herabgelassen. Obwohl die Praxis an einer beliebten und belebten Bundesstraße mit Autos, Bussen und Bahnen liegt, nimmt das Hörorgan keine Fahr- oder Verkehrsgeräusche wahr. Eine letzte Fluchthoffnung geht mir durch den Kopf. Vielleicht vergessen sie mich doch hier oder finden mich in den abgedunkelten weißen Räumen nicht mehr. Ich denke jetzt nicht mehr an Martin Luther sondern an den britischen Komiker Mister Bean. Als Bean-Fan stelle ich mir die Frage, was würde er wohl jetzt im Wartezustand an Scherzen wagen, schon mal den Spiegel putzen und testen? Ein Selfie mit Po machen? Aber zu solchen Gedanken fehlt mir zumal im liegenden Zustand jeglicher Mut und Wille.

Dass meine Vorsorge noch psychologisch kurz vor dem vereinbarten Termin kippen könnte, habe ich einem ziemlich besten Freund zu verdanken. Vor allem dessen Geburtstag. Meine telefonische Gratulation lief reibungslos, bis ich ihm sagte, dass ich in drei Tagen eine Darmspiegelung vor der Brust hätte (richtiger Körperteil ist dem Patienten natürlich bekannt). Und dass er das sicher auch schon mal hinter sich gebracht hätte. Nach einer schweigevollen Schocksekunde erzählte er mir mit leicht empörtem Unterton, wie ich das denn vergessen könnte, dass er so dramatische Probleme damit hatte. Gern hätte ich das Gespräch an der Stelle unter- oder abgebrochen, aber ziemlich beste Freunde machen das nicht.

Wie konnte ich nur die Horrorgeschichte vergessen, die höchstens zehn Jahre zurückliegt. Ich will es kurz machen. Er hat nach der Darmspiegelung drei Wochen im Krankenhaus gelegen. Der als kompetent geltende Arzt hat den Darm aus Versehen durchstochen und ebenfalls aus Versehen einen Nerv getroffen, der eine direkte Verbindung zum Gehirn hat, warum auch immer. Der Freund hatte daraufhin Luft im Gehirn. Lustig ist das wirklich nicht. Es stand zwischen Leben und Tod. Das besondere Pech meines Freundes: Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Fehlgriffes liegt bei 1 zu 1 Million. Zum Glück, wie meine Gratulationswünsche belegen, ging alles doch noch gut aus. Aber ehrlich gesagt, ich hätte auf die detailgetreue Story in dem Moment gern verzichten können. Mir haben dann andere Freunde, die ich nach der Horrorstory reflexartig zu einer Stellungnahme motiviert habe, beruhigendere Praxisberichte geschildert.

Werner sagt mir zum Beispiel, dass er das alles sogar immer ohne Betäubung über sich ergehen lässt. Und Roland schreibt, dass er schon mehrere Spiegelaktionen im wahrsten Sinne des Wortes hinter sich gebracht hat. Nur mein Freund Bernd gibt zu, dass er bei solchen Untersuchungen immer ein Angsthase sei.

Jetzt tut sich doch etwas in der Praxis. Die Arzthelferin kommt. Und sucht eine anzapfungswerte Vene offenbar für die spätere Betäubungsflüssigkeit. Sie findet sie schnell in der rechten Armbeuge. Sie fragt mich, ob ich schon mal am Bauch operiert worden sei. Ich möchte ihr schon sagen, dass mein Bauch schon immer so geometrisch ausgeprägt sei. Aus meinem Mund kommt nur ein emotions- und kraftloses „Nein“. Sie verlässt den Raum wortlos und ich warte weiter.

In der Stille sucht man für jedes Geräusch eine Erklärung. Bohrer wie beim Zahnarzt gibt es hier wohl nicht. Es ist 20 Minuten nach 10. Meine Daheimgebliebenen und die an mich denkende ganze Familie vermutet mich schon in sicherem Gefilde und spiegelfreier Zone. 20 Minuten sollte die ganze Angelegenheit dauern, netto. Sie haben aber nicht an die Vorbereitungszeit einer solchen Untersuchung gedacht. Hier geht es schließlich nicht um die Entfernung von Zahn-, Nieren- oder Gallenstein, sondern um den Check-up eines der wichtigsten und zugleich verschwiegendsten Organe des Menschen.

Dr. Jörg Wienke, behandelnder Arzt, und hinter dam Wort „alles“ verbirgt sich weit mehr, als man vermuten mag: Vor der Behandlung muss der Patient nämlich literweise abführende Flüssigkeit zu sich nehmen.

Die Tür geht wieder auf. Der Chef kommt. Gibt die Hand und fragt, wie seine Assistentin auch, ob ich schon mal am Bauch operiert worden sei. Jetzt beschließe ich, später doch mal meinen Bauch anzuschauen. Vielleicht täte ihm eine Operation ja wirklich ganz gut? Vielleicht will der Mann in Weiß auch nur von dem anderen im Fokus stehenden Körperteil ablenken. Ich mache mir dann die ganze Zeit Gedanken über den Bauch und er spiegelt in aller Ruhe meinen Darm. Die weitere Frage des Arztes hat es dann doch in sich. „Haben Sie alles getrunken?“ Eine große Frage gelassen ausgesprochen. Es ist schon das A&O des medizinischen Spiegel-Prozesses. Die entscheidende Phase des Eingriffs beginnt einige Tage vorher mit der dringenden Bitte aus der Praxis, ab sofort keine Körner mehr zu essen. Also kein Müsli zum Frühstück, das ist kein großer Verlust. Das große Trinken beginnt dann erst am Vortag der Spiegelung um 16 Uhr. Beutel A und Beutel B eines einschlägigen Abführmittels mit dem mir bisher unbekannten Namen Moviprep müssen zusammen in einem Liter Wasser aufgelöst werden.

Ich muss mich wirklich zwingen, das etwas geleeartige Zeug zu trinken. Auch wenn es durch den kleineren Beutel B mit Vitamin C und Säuren etwas nach Orange schmecken soll. Meine Frau war so freundlich, mir das gesamte Trinkvolumen auf den Tisch zu stellen. Innerhalb von 2 Stunden, so die Empfehlung aus dem Merkblatt, sollen neben dem A/B Getränk noch drei weitere Liter Flüssigkeit dem Körper zugeführt werden. Es ist wie ein Sturztrunk ohne Alkohol. Neben Mineralwasser werden auch schwarzer oder Kräutertee anerkannt. Jetzt merkt man wieder, dass alles relativ ist: Gegen das Abführmittel schmeckt der Tee wie eine Maibowle. Das allgemein anerkannte physikalische Trinkgesetz der Geselligkeit „Je mehr man trinkt, umso besser die Stimmung“ wird hier ins Gegenteil verkehrt. Das gleiche Procedere mit zwei Beuteln A und B folgt dann am nächsten Morgen um Punkt 6 Uhr noch einmal. Kein schöner Beginn, aber das Ende des Trinkgelages ist zum Glück in Sicht.

Doch der Vorabend war noch nicht zu Ende. Denn das Runterschlucken der Getränke war ja kein Selbstzweck. Es sollte und musste schließlich etwas dabei herauskommen. Jetzt heißt es für mich freiwilliger Hausarrest und Ausgehsperre bis zum nächsten Morgen und drei Meter maximale Entfernung von der Toilette. Wenn ich an meines Darmes Stelle wäre, hätte ich angesichts des flutartigen Hochwassers auch kapituliert. Mehr sei dazu nicht gesagt. Ich habe mich auf jeden Fall gefühlt wie ein Teppichhändler im Schlussverkauf. „Alles muss raus!“. Und in der Tat, die Nachfrage war gut und groß. Am Abend waren die Regale leergefegt.

„Drehen Sie sich mal bitte nach links“ vernahm ich den Arzt sagen. Noch fühlte ich mich angesprochen. Ob Martin Luther, Albert Einstein und Mister Bean auch schon mal eine Darmspiegelung erlebt haben? Mit diesen Fragen übergab ich mich vertrauensvoll in die glücklichen und vor allem kompetenten Hände des Arztes. Ich wartete nun, ohne es zu wissen.

Noch leicht unter Trance stand ich von der Liege auf, auf der man mich meinen ganz besonderen Rausch hat ausschlafen lassen. Es scheint jetzt halb 12 zu sein. Der Arzt sagte mir, es sei alles in Ordnung. Der Tag voller Erlebnisse, Eindrücke und Gefühle hatte sich gelohnt.

Ich bräuchte jetzt erst wieder in zehn Jahren zu kommen. Mit der Freude über die erfolgreiche Reise durch den Darm wachte auch mein Humor wieder auf. Ich wollte bei den freundlichen Damen der Rezeption gleich einen Termin für 2027 verabreden. Leider gab es für dieses Jahr noch keinen Kalender. Meine Tochter und meine Enkelin nahmen mich an der Rezeption mit strahlenden Gesichtern in ihre Obhut. Sie übernahmen nun die letzte Phase der Untersuchung und chauffierten einen nun entspannten und von Sorgen befreiten, aber noch leicht benommenen Patienten in die schnell wieder heimischen Wände. Die sorgsame Ehefrau hatte schon ein Wieder-Aufbauessen mit Rührei und Kartoffeln vorbereitet. Dann begann die häusliche Ruhezeit ganz ohne Arzt und Arzthelferin und ohne viele Gedanken. Auch die Geschmacksnerven haben mir die vielen Getränke jedenfalls nicht genommen: Mit dem ersten leckeren Alt am Abend hatte mich die kleine schöne Welt wieder in ihren Kreis aufgenommen.