Ist stark verbilligtes ÖPNV-Ticket ein Modell für Düsseldorf?

ÖPNV : Warum die 365-Euro-Jahreskarte für Bus und Bahn sinnvoll wäre

Analyse Ein Euro am Tag, mehr nicht: Das Wiener Modell würde auch in Düsseldorf mehr Autofahrer zum Umsteigen animieren – bezahlen müsste es jedoch die Stadt.

Wenn Markus Söder von der CSU und der Hardcore-Grüne Anton Hofreiter gleichermaßen eine Idee befürworten, dann kann es sich eigentlich nur um ein vollkommen unstrittiges Thema handeln. Also etwas wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Tatsächlich plädieren die beiden so weit voneinander entfernten Politiker aber nur für die Einführung einer 365-Euro-ÖPNV-Jahreskarte, um endlich mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf Bus und Bahn zu animieren. Manche sprechen auch vom „Ein-Euro-am-Tag-Ticket“, was aufs Gleiche hinausläuft.

In Wien gibt es dieses Angebot seit sieben Jahren und seitdem ist die Zahl der Jahreskartenbesitzer um knapp 400 000 gestiegen, in Deutschland fördert der Bund das verbilligte Jahresticket 2019 in einigen Modellstädten wie Bonn. Wäre das nicht auch eine tolle Idee für das unter viel zu hohen Abgasen und viel zu viel Autoverkehr leidende Düsseldorf? Ja, wäre es.

Ticketpreise stiegen viel stärker als die Kosten fürs Autofahren

Allerdings ist die Sache nicht unkompliziert, denn einfach so und von sich aus könnte die Rheinbahn ein solches Angebot gar nicht machen. Alle Ticket- und Fahrpreisangelegenheiten sind Sache des Verkehrsverbundes Rhein-Ruhr (VRR). Ohne klaren politischen Auftrag – sei es vom Land, sei es von der Stadt – geht so etwas nicht. Ganz abgesehen davon, dass das Verkehrsunternehmen mit diesem „Sonderangebot“ auf Einnahmen im dreistelligen Millionenbereich verzichten müsste, die der Staat natürlich – und zwar möglichst über die vier Ebenen Europa, Bund, Land und Stadt verteilt – erstatten müsste.

Denn der Preisnachlass für Abonnenten und damit der Einnahmeausfall bei der Rheinbahn wären schon beträchtlich. Derzeit zahlt man für ein Ticket 2000 fürs Stadtgebiet im Abo 843 Euro; beim Ticket 1000 sind es 743 Euro. Womit wir indes auch sogleich beim Hauptargument für das neue Sondermodell wären: Die Preise im VRR sind schlicht zu hoch, um Autofahrern das Autofahren zu verleiden und sie in die Bahn oder den Bus zu locken. Der „Spiegel“ zitiert eine Studie, nach der die Preise im städtischen ÖPNV in Deutschland seit 2000 um 79 Prozent gestiegen sind; die Kosten fürs Autofahren (Kauf und Unterhalt) im gleichen Zeitraum dagegen lediglich um 36 Prozent.

Auch die Rheinbahn ist beim Einzelfahrschein (ab 2,80 Euro) und bei ihren Monatskarten gefühlt einfach zu teuer. Ganz unabhängig von der Tatsache, dass die Ticketerlöse bei weitem nicht die Kosten der Verkehrsunternehmen decken.

Ergo wäre das 365-Euro-Jahresangebot schon einmal finanziell ein starker Anreiz, umzusteigen. Er allein reicht indes nicht. Denn notorische Autofahrer sind oft extrem stur. Stoisch stellen sie sich jeden Tag aufs Neue in den Stau, leider am liebsten auch noch ganz allein in ihrem Wagen, den sie sich zur Wohlfühloase zurechtillusionieren, Motto: Ist doch viel schöner als in dicht gedrängten Bahnen zu stehen. Das heißt: Wenn nicht das Angebot der Rheinbahn vor allem im morgendlichen Berufsverkehr deutlich besser wird (mehr Fahrten, pünktlicher), bringt auch die günstige Jahreskarte nichts. Das allerdings kostet die Rheinbahn noch viel mehr Geld, denn sie muss sich rasch mehr Bahnen und mehr Fahrer beschaffen. Also muss auch hier die Stadt in die Bresche springen und alle Mehrkosten übernehmen, das sollte politisch keine Frage sein. Selbst wenn dafür an anderer Stelle gekürzt und gespart werden muss.

Zurück zur Jahreskarte: Sinnvoll ist es, nur sie zum Sonderpreis anzubieten, alle anderen Tickets aber zunächst so teuer wie bisher zu lassen. Denn dann greifen die Kunden am stärksten zu, was wiederum auch ein Vorteil für die Rheinbahn ist, hat sie doch dadurch einen ebenso sicheren wie großen Einnahmeposten. Keine Option sollte hingegen das Bonner Modell sein, wo nur Neukunden das 365-Euro-Karte beziehen können. So etwas erzeugt nur Neid und Unverständnis.

Mehr von Westdeutsche Zeitung