Interview: "Wir hören zu und wir halten aus"

Interview: "Wir hören zu und wir halten aus"

Bürgermeisterin Klaudia Zepunkte berichtet sehr persönlich über ihre Arbeit als Trauerbegleiterin.

Düsseldorf. Seit mehr als 25 Jahren ist Klaudia Zepuntke Gemeindeschwester in der evangelischen Emmaus-Gemeinde in Flingern/Düsseltal. Im Jahr 2000 nahm sie an einer Fortbildung teil und arbeitet seitdem zusätzlich als Trauerbegleiterin. 2004 wurde das Café Matthäi gegründet, ein monatlicher Treffpunkt, den Pfarrerin Elisabeth Schwab und Zepuntke mit einem Team von 11 ehrenamtlichen Frauen und Männern organisieren. Wir sprachen mit Zepuntke (54) — die seit 2009 für die SPD im Stadtrat sitzt und seit 2014 Bürgermeisterin der Landeshauptstadt ist — über ihre Erfahrung als Trauerbegleiterin.


Frau Zepuntke, wie kam es zu diesem Engagement?
Klaudia Zepuntke:
Gemeinsam mit der damaligen Pfarrerin Doris Taschner hatten wir die Idee, Angehörige nach der Beerdigung eines geliebten Menschen nicht mit der Trauer alleine zu lassen. Zudem starb 1997 meine Mutter und 2000 mein Vater. Das hat mich sehr, sehr hart getroffen. Ein Teil meiner Ausbildung zur Trauerbegleiterin hatte sicher auch damit zu tun, wie ich selber mit der Trauer umgehe.

Wie sieht das Angebot des Trauercafés aus?
Zepuntke:
Wir haben angefangen mit Gesprächsgruppen. Seit 2004 bieten wir jeden dritten Sonntag im Monat das offene Trauercafé im Pestalozzihaus an. Es ist auch noch nie ausgefallen. Neben den hauptamtlichen Trauerbegleitern sind fünf bis sieben ehrenamtliche dabei. Die Tische sind weiß gedeckt, das Sonntagsgeschirr wird herausgeholt und die Ehrenamtler bringen selbst gebackenen Kuchen vorbei. Es ist alles sehr fürsorglich.


Wie viele Trauernde kommen zu den Treffen?
Zepuntke:
Das sind meist so zehn bis zwölf Menschen, die einen nahestehenden Menschen verloren haben. Durch Krankheit, einen Unfall, Suizid. Die größte Gruppe sind Frauen, deren Partner verstorben ist. Aber es kommen auch Eltern, die um ihr Kind trauern. Wir haben alle Fälle gehabt.


Gibt es Vorgespräche oder kann man einfach kommen?
Zepuntke:
Man kann einfach dazukommen. Manche suchen auch das Vorgespräch, wollen Rahmenbedingungen wissen und fragen, ob sie wirklich über ihre Trauer reden müssen oder wann sie auch wieder gehen können. Unser Konzept ist es, sehr offen zu sein. Und den Sonntagstermin haben wir gewählt, weil ihn dann Berufstätige wahrnehmen können und weil er ein passendes Angebot für Alleinstehende ist, die sich an diesem Tag besonders einsam fühlen.


Über welchen Zeitraum kommen die Hilfesuchenden?
Zepuntke:
Manche kommen nur ein Mal, manche kommen über viele Jahre. Die Trauer ist dann immer noch ein Thema. Sie nutzen die zwei Stunden auch, um über den Verstorbenen zu reden. Sie erzählen über ihre Hochzeit, wie man mit dem Partner Ostern gefeiert hat, vieles mehr. Sie erzählen hier Geschichten, die andere in ihrem Umfeld vielleicht nicht mehr hören wollen.


Unterstützen die Trauernden sich auch gegenseitig?
Zepuntke:
Ja, denn Trauergefühle sind fremd, wenn man sie nicht selbst erlebt hat. Wenn jemand neu dazukommt, kann es sein, dass er sehr aufgewühlt und voller Emotionen ist. Derjenige spürt dann aber das Verständnis der anderen und das tut vielen gut. Sie stellen fest, dass die anderen ahnen, wie es einem geht.


Haben Sie auch Menschen erlebt, die mit der Trauer gar nicht fertig werden?
Zepuntke:
Wir sprechen hier offen und bieten eine gesicherte Atmosphäre. Aber wir können die Erwartungen auch mal nicht erfüllen. Wir können denjenigen, die ins Café kommen, nicht die Trauer nehmen, sondern nur einen Umgang damit finden. Wir sind keine Therapeuten. Es gibt Fälle, da manifestiert sich der Aspekt einer seelischen Erkrankung. Trauer ist aber nie eine Krankheit.

Dürfen Sie dann einen Rat geben?
Zepuntke:
Wenn wir gefragt werden, können wir auf Ärzte und Therapeuten verweisen.


Trauer kann ganz schön fertig machen.
Zepuntke:
Vor allem bei einem plötzlichen Tod. Er kann Wut und Zorn hervorbringen, die ganze Palette bildet sich in Trauer ab. Nach meinen Eltern ist 2007 meine Schwester im Alter von 51 Jahren gestorben. Sie war sehr krank. Ihr Tod hat mich aus den Schuhen geholt. Ich erinnere mich noch genau. Der Frühling brach damals aus und ich fragte mich: Warum scheint die Sonne? Ich war erstarrt und hatte keinen Zugang zu meinen Gefühlen.


Was fehlt vielen Trauernden?
Zepuntke:
Wenn der Partner stirbt, geht bei vielen jegliche Lebensperspektive zu Bruch. Sie denken: Da passt ja nichts mehr. Leute geben ihre Hobbys auf, sitzen alleine in der Wohnung, wo in jeder Ecke und in jedem Geruch die Trauer stecken kann.

Als Trauerbegleiterin hören Sie vor allem zu?
Zepuntke:
Ja, das ist mir sehr wichtig. Jeder kommt, wie er ist. Jeder hat seine eigene Trauer. Wir bewerten keine Trauer. Wir hören zu. Das ist unsere Hauptaufgabe. Wir erfahren dabei viel vom Menschsein. Und wir halten aus.


Wie schaffen Sie das?
Zepuntke:
Wir haben ein tolles Team. Nach dem zweistündigen Café reflektieren wir gemeinsam. Wir versuchen, dass keiner vollgepackt nach Hause geht. Wir haben zudem Supervision. Außerdem unternehmen wir im Team auch mal gemeinsam etwas, um uns in anderen Situationen zu erleben.


Haben Sie in der Trauerbegleitung auch etwas besonders Schönes erlebet?
Zepuntke:
Ich erinnere mich an einen Fall, da bin ich an meine Grenzen gestoßen. Zu uns kam eine Frau, deren Mann sich das Leben genommen hatte. Sie kam lange in die Gruppe, es war sehr schwierig. Ein paar Jahre später habe ich sie zufällig wiedergetroffen. Sie sah aus wie das blühende Leben, hatte einen neuen Partner gefunden. Eine neue Perspektive. Das hat ihr gut getan. Ich habe mich so gefreut.


Info: Café Matthäi Treffpunkt für Trauernde, auf Wunsch Gespräch mit Trauerbegleitern, monatlich, sonntags, 15 bis 17 Uhr, Pestalozzihaus, Grafenberger Allee 186, Erdgeschoss. Kontakt: Gemeindeschwester & Trauerbegleiterin Klaudia Zepuntke, 0211/684280, Pfarrerin Elisabeth Schwab, 0211/234359, nächste Termine: 18. Juni, 16. Juli und 20. August.

Mehr von Westdeutsche Zeitung