Interview mit Philipp Maiburg über das Ende des Open Source Festivals

Open Source Festival : „Es bleiben die Erinnerungen und große Dankbarkeit“

Interview mit Festival-Macher Philipp Maiburg über das Ende des Open Source Festivals und die Folgen für die Stadt.

Wie haben Sie den Abschied auf der Hauptbühne am Samstag erlebt?

Philipp Maiburg: Ich wollte ursprünglich nicht, dass wir auf die Bühne gehen, weil ich das immer ganz schrecklich finde, wenn Veranstalter das machen. Ich bin da aber mit einem Trick hingelotst worden, und so war es dann auch gut. Ich habe mir nicht vorher den ganzen Tag Gedanken gemacht, und wir haben trotzdem einen gemeinsamen Schlusspunkt gehabt.

Wie haben Sie die beiden Tage des Kongresses und des Festivals durchlebt?

Maiburg: Ich bin glücklich, dass wir uns vorher entschieden haben, das zu beenden und das zu verkünden. So konnte man anders durch die Tage gehen und niemand hing in der Luft. Den ganzen Tag sind Leute auf uns zugekommen, haben gesagt, dass Sie Verständnis für unsere Entscheidung haben, und haben sich bedankt. Das war sehr schön.

Mit welchem Gefühl ist der Abschied vergleichbar?

Philipp Maiburg: Ich habe versucht, mir das Ende so klar zu machen: Festivaljahre sind wie Katzenjahre, also sind wir jetzt 91. Wir sind wie die Oma, die alle lieb hatten und die dann ganz friedlich eingeschlafen ist. Es geht etwas verloren, aber man weiß auch, dass es unter den gegebenen Bedingungen einfach nicht mehr möglich war weiterzumachen. Gefühl und Verstand sind da in einem Kopf-Battle.

Was hat letztlich den Ausschlag gegeben?

Maiburg: Die Kosten. Alles, was nötig ist, um aus einer Galopprennbahn ein Festivalgelände zu machen, ist Jahr für Jahr um fünf bis sieben Prozent teurer geworden. Das waren ausdrücklich nicht die Künstler. Wir haben uns aus diesem Konkurrenzkampf rausgezogen, und unsere Gäste haben uns den Ansatz bestätigt: Wir haben immer wieder gehört, dass jemand nur einen Namen auf dem Plakat kannte und nach dem Festival das ganze Jahr damit beschäftigt war, die Platten von den Künstlern zu hören, die er auf dem Festival kennengelernt hat.

Wieso waren die steigenden Kosten nicht durch steigende Einnahmen zu kompensieren?

Maiburg: Weil alle vier Einnahmequellen sich negativ entwickelt haben. Nehmen wir die Eintrittskarten: Aus dem ehemaligen Wachstumsmarkt „Festivals“ ist ein Verdrängungsmarkt geworden, auch in Düsseldorf. Viele, auch große Festivals haben nicht mehr so viele Zuschauer wie früher.

Welche sind die anderen Faktoren?

Maiburg: Das Gesagte gilt auch für die Förderung. Wir haben schon mehr bekommen, und wir haben einen höheren Antrag gestellt, der ist aber abgelehnt worden. Ich stelle das nicht in Frage, ich muss und kann mit der Entscheidung leben. Das Enttäuschende für mich war der Rückgang beim Sponsoring.

Warum?

Maiburg: In der Boomtown Düsseldorf gibt es viele Unternehmen, die gute Geschäfte machen. Ich meine – und das unabhängig vom Open Source Festival – das hier ansässige Unternehmen die Kultur stärker fördern sollten. Ähnlich sehe ich das bei den Stiftungen. Vermutlich sehen die Entscheider dort ein Festival als zu kommerziell an. Das Verständnis, dass Popkultur gefördert werden muss, ist in Deutschland leider nicht so verbreitet.

Wann war klar, dass es nicht mehr geht?

Maiburg: Spätestens seit Oktober hatten wir auf Alarm umgestellt. Darauf haben wir an den entscheidenden Stellen auch hingewiesen. Wir haben viel Manpower in neue Sponsoring-Konzepte gesteckt, es ist uns aber nicht gelungen, damit zu überzeugen.

Welche Hoffnung auf Rettung der Veranstaltung gibt es noch?

Maiburg: Den Begriff Rettung mag ich nicht. Es geht nicht darum etwas zu retten, sondern sinnvolle Strukturen zu schaffen, weil man etwas haben will. Man ruft in solchen Fällen immer schnell nach der Stadt, die meine ich in dem Fall aber gar nicht. Ohne die Stadt hätten wir die letzten Jahre nicht machen können, dafür bin ich dankbar. Das ist auch eine Frage des Landes, des Bundes und der Sponsoren.

Wird es weiter Open-Source-Veranstaltungen im Laufe des Jahres geben?

Maiburg: Ich wüsste nicht, wie man das machen kann, weil das eng mit dem Festival verbunden ist. Aktuell ist der Plan, unsere gGmbH zum Jahresende aufzulösen. So ehrlich müssen wir auch zu den Leuten sein, die für uns arbeiten, denen können wir nicht vorgaukeln, dass es möglicherweise noch eine Zukunft gibt.

Was wird bleiben?

Maiburg: Vor allem Erinnerungen. Jeder Besucher hat sich seinen Tag bei uns anders eingeteilt, seine Highlights an anderen Stellen gefunden. Diese Geschichten, die man teilt, bleiben. Außerdem gibt es einige Platten, die entstanden sind, weil wir hier die Zusammenarbeit zwischen Künstler angestoßen haben.

Was bleibt für Sie?

Maiburg: Große Dankbarkeit. Dankbarkeit, mit einem begeisterungsfähigen Team an eine große Sache geglaubt und eine Idee dorthin entwickelt zu haben, wo das Festival nun stand.

Das Ende von Orten oder Veranstaltungen kennzeichnen die Popkultur. Lernt man dank dieser Erfahrung, besser mit einem Ende umzugehen?

Maiburg: Grundsätzlich ja. Der Ratinger Hof oder das Creamcheese wären heute nicht die Legenden, die sie sind, wenn es sie noch gäbe. In der Regel merkt man auch, wenn man diesen Punkt erreicht hat. Nur beim Open Source Festival hatte ich dieses Gefühl noch nicht, deshalb tut es weh.

Welcher Anfang wohnt diesem Ende inne?

Maiburg: Das kann ich zum Glück noch nicht sagen. Ich bezweifele, dass es ein Open-Air-Event sein wird. In meinem Leben sind aber immer wieder Dinge passiert, die unvorhersehbar waren und die eine tolle Energie entwickelt haben. Ich glaube auch an die Dynamik, dass etwas nachwächst, aber es wird vermutlich etwas dauern, bis es wieder solche Strukturen gibt.

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