Höherweg: Eine Entdeckungsreise zur Wurstbude

Höherweg: Eine Entdeckungsreise zur Wurstbude

Alexandra Wehrmann organisiert ganz besondere Führungen an Orte, die man als Düsseldorfer eher selten besucht. Diesmal: der Höherweg.

Düsseldorf. Der Höherweg ist lang. Er beginnt in einem Wohngebiet in Flingern, führt vorbei an der stadtbekannten Automeile und am Ende kommen nur noch Gewerbehöfe. Hier fährt man allenfalls durch oder leiht sich einen Anhänger. Genau dieses Ende hat sich Alexandra Wehrmann für ihren Rundgang „Schön von hinten. Der Höherweg“ am 16. Juni ausgesucht.

Seit zwei Jahren bringt die Journalistin und Bloggerin auf ihren Rundgängen die Menschen ins Gespräch und zeigt ihnen Ecken, in die sie sonst vielleicht nicht so oft kommen. „Mir geht es um die Orte abseits der klassischen Sehenswürdigkeiten“, sagt Wehrmann. Denn von denen sei sie selbst auf Reisen oft enttäuscht, weil die Erwartungen einfach zu groß waren. „Da ist es doch viel schöner, wenn du mit einer neutralen oder sogar negativen Erwartungshaltung zu einem Ort gehst und denkst: Wow! Hier kann man was entdecken, was kaum einer kennt in Düsseldorf!“

Nach Oberbilk, Garath und dem Worringer Platz widmet sie sich nun dem hinteren Teil des Höherwegs. Auf den ersten Blick ist der Abschnitt zwischen Ronsdorfer Straße und der Bahnunterführung an der Posener Straße nichts für Fußgänger: Man kann sein Auto lackieren lassen oder Fliesen kaufen, es gibt Werkstätten und eine Bushaltestelle namens „Röhrenlager“. Es sind genau diese Orte, an die Wehrmann zu einem Spaziergang einlädt. Das sei wie Reisen in der eigenen Stadt. „Im Urlaub ist man ja auch meist zu Fuß unterwegs. Da ist man entspannt und hat eine ganz andere Aufnahmefähigkeit“, erklärt Wehrmann. „So soll das bei den Rundgängen auch sein.“

Wie sie ausgerechnet auf den Höherweg kam? Ein Foto war der Anlass. Und zwar das einer Wurstbude auf dem Bildband „Düsseldorfer Perlen“ des Fotografen Markus Luigs. Als Wehrmann ihn fragte, wo diese kleine Bude mit dem großen Werbeschild „Bock auf Wurst“ stehe, begann dieser, vom Höherweg zu schwärmen. Hier gehe er oft hin zum Fotografieren. Die Rundgängerin war sofort interessiert. Wenn dieses Bild es auf einen Buchumschlag geschafft hatte, dann sollte sie sich die Straße einmal genauer anschauen.

Sie ging auf Spurensuche, recherchierte und sprach mit Leuten, die sich auskennen. Denn das ist das Besondere an den Rundgängen: Statt einer klassischen Führung erweckt Wehrmann die Orte zum Leben. Sie lässt Menschen zu Wort kommen, die eine Verbindung zur Gegend, zu einem Haus oder Thema haben.

Zum Beispiel die unscheinbare Gedenktafel unter der Bahnunterführung. Wer die Inschrift lesen möchte, darf sich nicht von den vorbeifahrenden Autos ablenken lassen und auch nicht von der Baustellengrube, die derzeit gleich daneben in die Tiefe geht. Dann aber erfährt der Leser, dass es hier — wo jetzt Autohändler sind — zu Zeiten des Nationalsozialismus ein Zwangslager für die Düsseldorfer Sinti gab. Beim Rundgang wird Rudolf Kosthorst der Experte für dieses Thema sein. Er war über 30 Jahre lang im Sozialdienst der Stadt der Beauftragte für Sinti und Roma. Er kennt sich aus mit der Kultur dieser beiden Gruppen, mit den Vorurteilen und wird auch über das Lager sprechen.

Auf diese oder ähnliche Weise macht der Rundgang an mehreren Stationen Halt, an denen jeweils ein anderer Gast etwas zu erzählen weiß. Es entsteht ein vielseitiger Dialog. Vielleicht hört man eine Geschichte, vielleicht kann man sogar irgendwo hineingehen — auf jeden Fall gibt es eine Menge zu entdecken.

Wie immer moderiert Michael Wenzel die Gespräche, im Anschluss können die Teilnehmer Fragen stellen. Ein Angebot, das gerne angenommen wird. „In solch einem Kontext trauen sich die Leute auch, Dinge zu fragen, die sie sonst vielleicht nicht so direkt ansprechen würden“, erklärt Wehrmann den Effekt. Die Gruppe wachse während des Rundgangs zusammen: „Es ergeben sich immer viele Gespräche, nicht nur zwischen den Experten und den Teilnehmern oder denen, die sich schon kennen — sondern auch innerhalb der Gruppe.“ Das befördere einen unkomplizierten Austausch. Und der sei wichtig, um auch mal andere Sichtweisen kennenzulernen und im besten Falle zu verstehen.

So hält der Höherweg auf den zweiten Blick also Spannendes bereit, unter anderem noch: eine Wurstbude, die zur Berühmtheit wurde, und asiatische Gaumenfreuden in ungewöhnlichem Ambiente. Aber mehr wird noch nicht verraten. Auch das ist laut Wehrmann Teil des Konzepts: „Umso weniger die Teilnehmer vorher wissen, desto mehr Überraschungen gibt es.“

Alle, die Lust auf neue Einblicke, interessante Gespräche und den etwas anderen Samstagsspaziergang haben, werden am 16. Juni um 12 Uhr auf ihre Kosten kommen. Anmelden kann man sich per E-Mail an salut@theycallitkleinparis.de. Die Teilnahme kostet zehn Euro und der Treffpunkt wird — um es spannend zu machen — erst nach der Anmeldung bekannt gegeben.

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