High-Tech-Zentrum für die Zähne

High-Tech-Zentrum für die Zähne

Die Westdeutsche Kieferklinik feiert ihr 100-Jähriges im Universitätsklinikum und hält Rückblick und Ausblick.

Die Zeiten, als die „Zahnbrecher“ als fahrende Operateure von Jahrmarkt zu Jahrmarkt zogen, sind glücklicherweise vorbei. Dass ein Zahnarzt zugleich bohren und die Fußtretbohrmaschine betätigen musste, wäre heute undenkbar. Wenn jetzt das Hundertjährige der Westdeutschen Kieferklinik gefeiert wird, gerät allzu gern in Vergessenheit, wie schwierig die Anfänge in Düsseldorf anno 1917 waren. Es war Krieg und das „Königliche Reservelazarett I“ für Kieferverletzte versorgte tausende Verwundete von der Westfront. Es war die Zeit der Kriegschirurgie, während der eine Vielzahl wegbereitender operativer Techniken der Kiefer- und Gesichtschirurgie entwickelt wurden.

Die Landeshauptstadt wurde bekanntlich erst 1966 zur Universitätsstadt. Bis dahin besaß sie lediglich eine Akademie für praktische Medizin. An ihr wurde der rührige Christian Bruhn, Zahnarzt mit eigener Praxis an der Feld- und später Sternstraße, 1908 zum Dozenten und 1911 zum Professor ernannt. Er stellte seine Räume für das Lazarett zur Verfügung. Dass daraus die Westdeutsche Kieferklinik wurde, ist nicht etwa der Akademie, sondern einer Bürgerinitiative zu verdanken. Die Akademie hingegen stellte sich stur. Am 1. September 1923 musste die Stadt das Institut übernehmen. Erst ab 1931 konnte man in Düsseldorf Zahnmedizin studieren. Das Vollstudium war sogar erst ab 1966 möglich.

Der Zustand der Gebäude war 1999 so schlecht, dass die Landesregierung die Zahnklinik sogar schließen wollte. Das wäre verheerend gewesen, denn im Zeitalter einer immer älter werdenden Gesellschaft wird auch die zahnmedizinische Versorgung der Menschen komplexer. „Wir unterstützen die niedergelassenen Ärzte“, sagt Professor Dieter Drescher, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde.

Bei unserem Besuch auf dem Campus lag gerade ein kleiner Junge auf der Behandlungsliege. Er hatte einen Unfall gehabt und mehrere Zähne verloren. Mit kieferorthopädischen Implantaten soll ihm nun geholfen werden. In einem anderen Behandlungsraum ging es um eine Patientin, die zwar Zähne hat, die aber im Kiefer stecken und nicht ans Tageslicht wollen. „Eine Eruptionsstörung“ nennt der Ordinarius diesen Defekt, der durch die Veränderung eines bestimmten Gens entstanden ist. Man werde die Zähne über kleine Kettchen herausholen.

33 000 Patienten werden jährlich behandelt. Sie werden oft überwiesen, weil sich die Behandlung als schwierig erweist oder die Patienten an Allgemeinerkrankungen leiden, die eine Versorgung in den Praxen problematisch macht.

Die Düsseldorfer Zahnmedizin verfügt über modernste bildgebende Verfahren. So wird beispielsweise die digitale Volumentomographie (DVT) eingesetzt, um Befunde minuziös zu klären, die mittels zweidimensionaler Aufnahmen nicht bewertet werden können. Das gilt etwa für Erkrankungen der Kieferhöhle, Fehlstellungen der Kiefer oder der Zähne.

Die digitale Technik hat in den letzten Jahren eine steile Entwicklung genommen, die Uniklinik hält die neueste Gerätegeneration bereit. Dazu gehören optische Abdruckverfahren, 3D-Drucker und 3D-Planungsprogramme. Eine moderne Zahnmedizin ist ohne Vergrößerungstechniken undenkbar, zu denen auch ein leistungsfähiges OP-Mikroskop gehört, um bei der Wurzelkanalbehandlung die Spezialmasse haargenau einzuführen.

Viele Zahnimplantate bereiten heute Probleme, wenn sich das umliegende Gewebe entzündet. Eine solche „Periimplantitis“ kann zu einer Lockerung und schließlich auch zum Verlust des Implantats führen. Ein Forschungsschwerpunkt in Düsseldorf ist die Entwicklung neuer Behandlungsverfahren, um Zahnimplantate möglichst lange in Funktion zu halten.

Es geht aber auch um neue Werkstoffe, etwa solche mit einem „Formgedächtnis“, wie es Professor Drescher nennt. Zahnspangen mit solchen Legierungen, die zugleich sehr elastisch sind und doch relativ konstant ihre Kraft abgeben, werden inzwischen millionenfach in der Biomechanik eingesetzt, um Zähne in die richtige Position zu bringen, ohne unerwünschte Nebenwirkungen bei Nachbarzählen zu bewirken.

Vielfach wird Zahnersatz heute am Computer entworfen und anschließend auf digitalem Wege aus Hochleistungskeramiken gefertigt. Solche Werkstücke zeichnen sich durch eine biologische Verträglichkeit, Stabilität und Ästhetik aus.

Die Zeiten, da man in kariöse Zähne große Löcher bohrte, um sie mit Amalgam zu füllen, gehören der Vergangenheit an. Professor Drescher spricht von „minimalinvasiver Restauration“, wenn im digitalen Prozess eine feine Keramikschicht hergestellt und auf den bestehenden, aber nicht mehr so schönen Zahn geklebt wird. Wer schön sein will, muss nicht leiden, zumindest in der Zahnbehandlung nicht.

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