Hier sind ganz normale Körper gefragt

Hier sind ganz normale Körper gefragt

Das Tanzhaus NRW will weg vom Ideal der Schönheit. Blinde und alte Tänzer sollen auch auf die Bühne.

Düsseldorf. Vergessen Sie den Kampf ums Sixpack! Um gestrafften Bizeps und Trizeps, um geschmeidige Haut und gegen Fettpolster in so genannten Problemzonen. Bei „Real Bodies“ sind ganz normale Körper gefragt. Egal ob mit oder ohne Cellulitis. Bei seiner ungewöhnlichen Aktion will das Tanzhaus NRW weg vom Schönheitsideal, das besonders von Tänzern erwartet wird. Mit nach gängiger Vorstellung wenig ästhetischen Körpern, teilweise auch behinderten Menschen geht diese Aktion auf Plakaten und auf der Bühne weiter als bisher. Und bedient sich des Namens „Real Bodies“ (Echte Körper), der ursprünglich benutzt wird als Titel einer Ausstellung von plastifizierten Leichen.

Foto: Moxie.de

Der Tanz, so scheint’s, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen und hat nicht nur die fitten 20- bis 30-Jährigen im Visier. So das Credo des Tanzhauses. Doch auf welcher Ballettbühne sieht man schon Menschen über 40? Zwei- bis Dreizentner-Bodies oder einen dicken Bauch? „Unser Programm zielt weder darauf, das Gardemaß von Tänzern noch die in der Ballett-Branche übliche Altersgrenze zu kritisieren“, sagt Bettina Masuch. „Wir wollen zeigen, dass es eine Vielfalt an Körperbildern geben kann und Tänzer zwischen 40 und 50 noch nicht zum alten Eisen gehören müssen und eher durch ihre Ausdruckstärke und Lebenserfahrung begeistern, selbst wenn sie nicht mehr so virtuose Drehungen und hohe Sprünge wie ihre 20-jährigen Kolleg(inn)en vorführen.“

Die Leiterin des Tanzhauses auf der Erkrather Straße will mit ihrem Klein-Festival ein heißes Eisen anpacken, genauer: Das Verhältnis der Tanzkünstler, die fast nie ihr Geburtsjahr anzugeben wagen, zu ihrem Alter soll infrage gestellt werden. Ziel der schonungslosen Porträts von fettleibigen Körpern in dem Beilagen-Prospekt sei auch, dass der fitnessorientierte Mensch künftig gnädiger mit sich umgeht und langfristig möglichst weniger an Problemen mit Problemzonen leiden soll. Außerdem will Bettina Masuch, die das Projekt gerne jährlich anbieten und damit dauerhaft ans Tanzhaus binden möchte, demonstrieren: Auch für sehbehinderte Menschen ist der Sehnsuchts-Ort Bühne kein Tabu. Zumal Frauen und Männer mit starken Sehbehinderungen nicht unter einer Einschränkung ihrer Bewegungsfähigkeit leiden.

Letzteres trifft eher auf Parkinson-Patienten zu, für die das Tanzhaus NRW eigene Kurse und Workshops mit Profitänzern und Therapeuten anbietet. Und es geht noch weiter: Selbst Träger von sichtbaren Bein- oder Arm-Prothesen sind tanzbühnentauglich, heißt es, und sollen das auch zeigen. Die Zeit dafür ist reif, meinen die Festival-Macher, auch angesichts der Paralympics — der Olympischen Spiele für Menschen mit Behinderungen, die seit 1960 ausgetragen werden und in den letzten zehn Jahren kontinuierlich an Medien-Aufmerksamkeit gewonnen haben. Letztlich auch wegen der zahlreichen Rekorde, die u.a. der südafrikanische Sprint-Läufer Oscar Pistorius gebrochen hat. Nach der Eröffnung am vergangenen Wochenende — u.a. mit „Dance on“, einer Berliner Initiative, gefördert von Bundesmitteln, in der über 40-Jährige ihr künstlerisches Potenzial ins Spiel bringen — geht das Bühnenprogramm ab 10. November in seine heiße Phase. Zunächst lockt täglich bis 19. November die Video-Installation „Nothing Else & Rosy“ der Schweizerin Seline Baumgartner ins Tanzhaus — darin geht es um Tänzer, die heute zwischen 50 und 70 sind. In dem Begleitheft fallen zwei spektakuläre Shows auf: Alessandro Sciarronis „Aurora“. Hier stehen im Fokus sechs Athleten mit Augenbinden und zwei Schiedsrichter, die auf ihren Einsatz warten.

Dem Thema Alter nähern sich ab 13. November dann zwei renommierte Tänzer, die jahrelang im Wuppertaler Tanztheater mit Pina Bausch gearbeitet haben. Denn die 2009 verstorbene Ikone des Tanztheaters war eine der ersten Choreografinnen, die auf 40- bis 50-Jährige bei ihren Tanzabenden nicht verzichten wollte. Dominique Mercy, heute 65, und der Mitt-Vierziger Pascal Merighi, der heute noch international performt, beleuchten in ihrer Show „That paper boy“ und „WAK.NTR Rehab“ die zahlreichen Facetten ihrer Zusammenarbeit mit Pina Bausch, von der sie, wie sie sagen, bis heute künstlerisch geprägt sind.