Vorzeitige Haftentlassung: Helge Achenbach: „Ich bin nicht mehr der große Zampano“

Vorzeitige Haftentlassung : Helge Achenbach: „Ich bin nicht mehr der große Zampano“

Der wegen Betrugs zu einer Haftstrafe verurteilte Ex-Kunstberater Helge Achenbach kann das Gefängnis am Mittwoch vorzeitig verlassen. Eine Begegnung.

Düsseldorf. Ex-Kunstberater Helge Achenbach ist frei. Die Justizvollzugsanstalt Moers-Kapellen liegt hinter ihm. Vier von sechs Jahren verbrachte er wegen Betrugs, Urkundenfälschung und Untreue im Gefängnis. Alle Häuser, Autos und rund 2500 Kunstwerke aus dem Bestand seiner insolventen Unternehmen sind futsch. Die Versteigerungen erbrachten zwar knapp zwölf Millionen Euro, aber allein die Aldi-Erben fordern mehr. Weitere Klagen wegen Untreue und Betrug werden folgen. Was macht so ein Tausendsassa, dessen Zukunft verbaut ist? Wir sprachen mit ihm.

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Er gibt sich sofort reumütig und erklärt: „Ich war blöd. Ich war naiv. Ich war dumm.“ Er habe eine „brutale Lebenserfahrung“ hinter sich. Er fühle sich „entmaterialisiert“. Er fühle sich im Kopf schon lange frei, aber jetzt sei er generell frei.

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Genug des Lamentos. Jeder weiß, dass der Netzwerker von einst ein Stehaufmännchen ist. Auch wenn er noch diverse Zivilprozesse über sich ergehen lassen muss, gibt er sich zuversichtlich. Gleich in seinen ersten Wochen im Gefängnis habe ihm der evangelische Pfarrer Michael Lucka zwei Bücher von Nelson Mandela und Mahatma Gandhi in die damalige U-Haft gebracht. Seine Reaktion: „Gandhi und Mandela saßen im Gefängnis für die Befreiung der Menschen. Ich aber saß zu Recht im Gefängnis für den Mist, den ich gemacht habe. Ich muss Verantwortung übernehmen.“

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Er sei im Knast Essensträger gewesen, habe den jungen Leuten die Kunstgeschichte erklärt und Sportunterricht erteilt, habe im Chor gesungen und sei in die Kirche gegangen. „Ich wollte demütig sein“, sagt er.

Und heute? Er nimmt sich viel vor: „Ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich möchte nicht mehr handeln und dealen. Diesen Helge gibt es nicht mehr. Ich bin der andere Helge. Ich will mich in der Welt der Kunst und Kultur engagieren, aus der ich komme.“

Doch schon wieder plant er Großes. „Ich hatte hundert Freunde. Jetzt sind es noch 20, die alles nur für Helges Gesamtwerk machen. Aber Helge ist jetzt der Sozialarbeiter. Ich bin nicht mehr der große Zampano“, sagt er.

Sein aktuelles Ziel, im Gefängnis und als Freigänger angezettelt, ist die gemeinnützige Stiftung „Kultur ohne Grenzen“. Sie steht kurz vor der Gründung. Sie will Künstlern, Schriftstellern, Musikern und Fotografen aus Kriegs- und Krisengebieten helfen und mit Rechtsmitteln beistehen. Helge Achenbach will dabei den Kultursozialarbeiter abgeben.

Noch als Häftling hatte er Besuch, nicht nur von Kunsthallenchef Gregor Jansen, sondern auch vom Architekten David Chipperfield. Denen schwärmte Helge Achenbach von seinen guten Zielen vor. Seit sechs Monaten verbringt er jede freie Minute auf dem platten Land vor den Toren Düsseldorfs. Dort steht der ehemalige Tönishof, ein historischer Bauernhof, mit zwei Vogelscheuchen und selbst gepflanztem Lavendel vor der Eingangstür. Dort soll die Stiftung agieren.

Achenbach begrüßt, als sei er sein eigener Grundbesitzer. Er zeigt seine Knast-Bilder und die ersten geschenkten Werke von Künstlern wie Jürgen Klauke oder Claus Föttinger für die Stiftung. Ein hölzernes Boot mit abstrahierten Menschen, eine kapitale Holzskulptur, scheint auf der grünen Wiese gestrandet zu sein. „Sie stammt von Koko Bi von der Elfenbeinküste“, sprudelt es aus dem Kunstkenner heraus.

„Er kam 1997 als DAAD-Stipendiat nach Deutschland, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, wurde 2000 Meisterschüler von Klaus Rinke und ist gerade Kommissar der Biennale an der Elfenbeinküste. Er wird hier für fünf Wochen arbeiten. Wir eröffnen mit ihm am 27. Juli.“ Da frohlockt schon wieder der alte Achenbach.

Er spricht über die ersten Geschenke für die Stiftung: die Ikea-Küche von einer spendablen Frau und die Espresso-Maschine vom Freund Bruno Albrecht, der das Palio Poccino im Kö-Bogen unterhält. Achenbach macht die Schublade auf und zeigt Kaffeebeutel und Servietten von Poccino. „Ist das nicht total wahnsinnig?“ Dann erklärt er fast selbstverständlich: „Eigentümer des Grundstücks ist der Immobilienhändler Peter Thunnissen. Als ich ihm von der Stiftung ,Kultur ohne Grenzen’“ erzählte, war er gleich bereit, die leer stehenden Gebäude für die Künstler zur Verfügung zu stellen.“

Ein ganz dicker Freund ist Rainer Gläß, der vor 20 Jahren mit seinem Kompagnon die börsennotierte Firma GK Software im Vogtland gründete. Gläß besuchte Achenbach schon vor zwei Jahren im Gefängnis, steckte ihm Weihnachtsgeld für die Kinder in einen Briefumschlag und ließ ihn jetzt zu Silvester im Privatjet einfliegen. Da sah Achenbach das Firmenlogo „GK“ und setzte seinem Freund einen Floh ins Ohr, sind doch die beiden Buchstaben zugleich die Kürzel für seine Stiftung „Kultur ohne Grenzen“. Gläß wird nun der Hauptstifter, sobald die Stiftung steht.

Helge Achenbach, nun ganz cool: „Die Stiftung ist angedockt. Ich arbeite für die Stiftung und kann den ersten Künstler einladen. Viele Menschen helfen ehrenamtlich. Sie kommen alle aus dem alten Helge-Netzwerk.“

Der Ex-Sozialarbeiter der Diakonie Düsseldorf kann also weitermachen. Er rechnet vor: „Ich verdiene 1650 Euro netto, davon gehen rund 900 Euro für die private Krankenversicherung ab, die ich leider am Hals habe. Vom Rest kann ich leben. Ich brauche nichts mehr.“ Das stimmt nicht ganz, denn vor der Tür steht ein weißer BMW, den ihm sein alter „Schatzmeister“ besorgt hat — aus der Zeit als Helge Achenbach noch Fortuna-Präsident war. Der Wagen hatte 50 000 Kilometer gelaufen, als er ihn erhielt. Seit seinem ersten Freigang vor zwei Jahren sind es 40 000 Kilometer mehr.

Eine wichtige Rolle spielt auch Günter Wallraff, der ihm in seinem Haus in Köln-Ehrenfeld eine postalische Adresse gibt und sich gerade um die türkische Malerin und Journalistin Zehra Dogan kümmert, die im Gefängnis sitzt, weil sie ein Bild von einem kurdischen Dorf gemalt hat, das die Türken zerbombten. Wallraff ließ sie über seine Anwälte im Gefängnis besuchen.

Nun hat Achenbach, der Macher, schon das nächste Projekt. Dabei hilft ihm der berühmte Architekt David Chipperfield. Dieser entwickelte ein Nutzungskonzept für den Ausbau des Gehöfts. Die dreiflügelige Anlage soll ein Vierkanthof werden, mit Ateliers, Werkstatt, Ausstellungsraum, Gastronomie etc. Er fand sogar heraus, dass die Tönishöfe über Jahrhunderte den Jesuiten gehörten, die in Düsseldorf das Kloster an der Mühlenstraße und das Jesuitengymnasium betrieben. Mit der Säkularisierung kam der Bauernhof zu den Herzögen von Berg und deren Bergischen Schulfonds und von dort zum Land NRW, das die Flächen über den BLB verkaufte.

Jetzt soll dort die „Kunst ohne Grenzen“ einen Ort haben — mit Helge Achenbach als Helfer und Kümmerer für die Künstler.

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