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Düsseldorf: Heikle Straßennamen auf dem Prüfstand

Düsseldorf : Heikle Straßennamen auf dem Prüfstand

Der Rat hat Experten der Mahn- und Gedenkstätte mit der Überprüfung aller problematischen Straßenschilder beauftragt. Im Fokus sind Deutsche, die im Zeitalter des Kolonialismus Schuld auf sich luden.

Düsseldorf. Experten der Mahn- und Gedenkstätte und des Stadtarchivs sollen ein Konzept erstellen, mit dem die historisch problematischen unter den insgesamt rund 3000 Straßennamen in Düsseldorf herausgefiltert werden — die dann der Politik zur Entscheidung für eine Umbenennung vorgelegt werden. Das haben Kulturausschuss und Stadtrat jetzt auf einen durch die Ampel-Parteien modifizierten Antrag der Linkspartei beschlossen.

Da die Namen von NS-Größen meist gleich nach dem Krieg von den Straßenschildern verschwanden, geht es jetzt vor allem um Deutsche, die im Zeitalter von Imperialismus und Kolonialismus in Übersee Schuld auf sich geladen haben. Carl Peters in Deutsch-Ostafrika zum Beispiel oder Theodor Leutwein und Adolf Lüderitz in Deutsch-Südwestafrika, die alle weiter Namensgeber für Straßen in Garath sind.

Schon 2004 hatte sich im Stadtrat eine Debatte um sie entzündet, weil diese Männer unter anderem an der brutalen Niederschlagung des Herero-Aufstandes im heutigen Namibia beteiligt waren. Der damalige Stadtdirektor und Kulturdezernent Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) wies das zurück: „Das wäre keine wahrhaftige Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte, sondern eine Verschleierung“, sagte er damals.

Experten der Kolonialzeit stufen auch Hermann von Wissmann (1853-1905) als einen Mann ein, der brutal und rücksichtslos gegen Einheimische in Ost-Afrika vorging und mitverantwortlich für das Niederbrennen von Dörfern oder die standrechtliche Hinrichtung von Aufständischen gewesen sein soll. „Hier wird immer noch jemand geehrt, der Blut an den Händen hatte“, sagte ein Geschichtslehrer der Hulda-Pankok-Schule im vorigen Jahr in der Bezirksvertretung 3, wo seine Schüler für eine Umbenennung der Straße in Unterbilk warben — allerdings erfolglos. Anders als in Stuttgart oder Bochum, wo der Name Wissmann von den Straßenschildern verbannt wurde, nahmen die Stadtteilpolitiker hier auf Wunsch von Anliegern der Straße, die Komplikationen fürchteten (u.a weil sie neue Ausweise beantragen müssten oder bei der Postzustellung), Abstand davon.

Größeren Streit um Straßenbenennungen hat es in den letzten Jahren in Düsseldorf nicht mehr gegeben, sieht man von der Umbenennung der Hans-Günther-Sohl- (Ex-Thyssen-Chef mit Verstrickung in den Nationalsozialismus) in die Luise-Rainer-Straße (jüdische Oscar-Gewinnerin) in Flingern ab. Oder der zwar peinlichen, aber eben ganz anders gelagerten Posse um das Nichtfinden einer Straße für Fortunas „Fußballgott“ Toni Turek.

1933 haben die Nationalsozialisten nach der Machtergreifung willkürlich und im großen Stil Umbenennungen vorgenommen, wie der frühere Stadtarchivar Hermann Kleinfeld in seinem Buch „Düsseldorfs Straßen und ihre Benennungen“ (1996) herausgearbeitet hat. Bereits am 7. April 1933 wurde der Graf-Adolf-Platz in Adolf-Hitler-Platz und die Harold-Straße in Adolf-Hitler-Straße umbenannt. Am gleichen Tag wurde aus dem Worringer- der Horst-Wessel-Platz, der Corneliusplatz und die Königsallee Westseite erhielten den Namen Albert Leo Schlageter, der auf der Golzheimer Heide zudem ein großes Ehrenmal bekam. Zugleich wurden jüdische Namen wie die von Heinrich Heine oder Walther Rathenau von den Straßenschildern getilgt.

Unmittelbar nach Kriegsende 1945 machten die alliierten Besatzungstruppen die meisten der von den Nazis vorgenommenen Benennungen wieder rückgängig. Aus der Schlageter-Siedlung zum Beispiel wurde die Golzheimer Siedlung, der „39er“ zum Reeser Platz; Straßen erhielten nach und nach die Namen von Opfern des Regimes und Widerstandskämpfern wie Theodor Andresen, Karl Kleppe, Leo Statz oder Robert Bernadis.

Sebastian Hansen hat jetzt in einem Aufsatz im neuen vom Geschichtsverein herausgegebenen „Düsseldorfer Jahrbuch 2017“ gezeigt, dass sich auch der Stadtrat nach Kriegsende für Umbenennungen von Straßen engagiert hat — und dies nicht nur den Alliierten überließ. Dabei wurde immer wieder auch gestritten — etwa um die nach dem Stahlunternehmer benannte Ernst-Poensgen-Allee 1949 oder die Berliner Allee 1954.

Keineswegs selbstverständlich war auch die 1956 (kurz nach dessen Tod) nach Thomas Mann benannte Straße in Mörsenbroich. Der große Schriftsteller, der zwei Jahre zuvor eine Lesung im Schumann-Saal hielt, hatte viele Anhänger in Düsseldorf, aber, so Sebastian Hansen, dem Emigranten schlugen auch — offen oder verdeckt — Ablehnung und Hass entgegen.